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Chronik

Zwei tote Flüchtlinge im Burgenland: Mordprozess gegen Schlepper

Von nachrichten.at/apa   27. Juni 2022 10:50 Uhr

EISENSTADT. Am Montagvormittag hat am Landesgericht Eisenstadt der Prozess gegen einen 19-jährigen Schlepper begonnen, in dessen Klein-Lkw im vergangenen Oktober an der Grenze zu Ungarn bei Siegendorf (Bezirk Eisenstadt-Umgebung) zwei tote Flüchtlinge gefunden worden waren.

Die Staatsanwaltschaft warf ihm Schlepperei und Mord vor. Er soll 30 Flüchtlinge für rund acht Stunden Fahrt ohne Pause im Laderaum eingeschlossen haben. Zur Schlepperei bekannte er sich schuldig, zum Mord nicht.

Die Flüchtlinge hätten am 19. Oktober 2021 in einem Waldstück an der Grenze zwischen Serbien und Ungarn auf den Letten gewartet, erläuterte die Staatsanwältin. Eigentlich hätten sie auf zwei Schlepperfahrzeuge aufgeteilt werden sollen, weil eines nicht auftauchte, seien aber alle zum Einsteigen in den Klein-Lkw genötigt und regelrecht "hineingeschlichtet" worden. Sie sind laut Anklage gebückt im Laderaum gekauert, ohne Trinken oder Essen. Schon nach knapp zwei Stunden sei der Sauerstoff im Fahrzeug verbraucht gewesen. Die Flüchtlinge hätten die Dichtungen der Türen rausgerissen, damit sie Luft bekommen, an die Scheiben und Türen geklopft und geschrien: "Menschen sterben hier, bleib stehen". Die Zustände seien katastrophal gewesen, im Laderaum habe Todesangst geherrscht, betonte die Staatsanwältin.

Beschuldigter flüchtete 

Als der Transporter schließlich von Soldaten des Bundesheeres an der grünen Grenze bei Siegendorf angehalten und kontrolliert wurde, seien die Flüchtlinge aus dem Fahrzeug "herausgefallen". Zwei Syrer waren da bereits tot, sie sind erstickt. Der 19-Jährige konnte flüchten, wurde aber zwei Monate später in seinem Heimatland Lettland festgenommen. Er ist laut Anklage Teil einer größeren Schlepperorganisation, von der 19 im April bereits verurteilt wurden. Es dürfte sich um seine erste Fahrt gehandelt haben. Einen Führerschein hat der Schüler, der in einer Pizzeria jobbte, nicht. Er habe wohl aufs "schnelle Geld" gehofft, meinte die Staatsanwältin.

Der Angeklagte gab vor Gericht zu, die Schlepperfahrt gemacht zu haben. Den Vorwurf des Mordes leugnete er hingegen. Er sei als Fahrer angeworben worden, habe aber keine Details gekannt. Er habe nicht gewusst, dass die Fußschlepper 30 Personen in sein Fahrzeug gebracht hätten, dass der Laderaum dicht sei und dass die Fahrt so lange dauern werde. Sein Englisch sei nicht gut, weshalb er nicht mitbekommen habe, dass die Zustände im Laderaum so ernst gewesen seien. Für einen Mord fehle der Vorsatz, meinte sein Verteidiger. Vielmehr sei es Fahrlässigkeit gewesen. "Er wusste zu keinem Zeitpunkt, dass jetzt akute Lebensgefahr ist. Er hat immer gesagt, wenn er das verstanden hätte, wäre er stehengeblieben."

Am Montagnachmittag sollten die Überlebenden der Schlepperfahrt befragt werden. Der Prozess ist bis 20 Uhr angesetzt.

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