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"Wir sind keine Skination mehr"

Von Stefan Fröhlich   16.November 2013

"Wir sind keine Skination mehr"
Für die Pistenidylle können sich offenbar immer weniger Österreicher begeistern.

Österreich – das wird gerne gleichgesetzt mit Bergen und dem Skifahren. Doch sind wir wirklich eine Skination? Ist für die Österreicher das Skifahren gar nicht mehr "das Leiwandste", wie es Wolfgang Ambros in seinem Gassenhauer "Skifoan" formuliert? Die OÖNachrichten haben zu diesem Thema mit Peter Zellmann, Leiter des Wiener Tourismus- und Freizeitforschungsinstituts, gesprochen. Zellmann ist selbst begeisterter Skifahrer, zählt damit aber schon zur Minderheit.

 

OÖNachrichten: Herr Zellmann, haben Sie persönlich schon Ihren Skiurlaub gebucht?

Peter Zellmann: Ja, ich bin begeisterter Skifahrer und habe sogar mehrere Skiurlaube in Österreich geplant. Für mich ist der Winterurlaub wichtiger als jener im Sommer.

Würden Sie als passionierter Skifahrer sagen, dass Österreich eine Skination ist?

Nein, Österreich ist keine Skination mehr. Zwar ist das Interesse am Rennsport ungebrochen, aber die eigene Aktivität nimmt zusehends ab. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich der Anteil der Skifahrer in Österreich von 60 auf etwa 40 Prozent reduziert. Vor solch einer Entwicklung habe ich schon in den 1990er-Jahren gewarnt, damals hat man das nicht ernst genommen. Jetzt ist die Entwicklung deutlich zu sehen.

Worauf ist dieser drastische Einbruch zurückzuführen?

Es fehlt ganz einfach am Nachwuchs. Seit man die Schulskikurse abgeschafft hat, erlernen immer weniger Kinder das Skifahren. Es war ein Fehler, dass man die Schüler nicht mehr zum Skifahren schickt.

Oftmals wird behauptet, dass Skifahren viel zu teuer geworden sei und deswegen die Begeisterung zurückgeht.

Skifahren war schon immer ein eher teurer Sport, der Winterurlaub kein billiges Urlaubsangebot. Der finanzielle Aspekt ist allerdings nur ein vordergründiges Argument, selbst die Gratis-Liftkarte kann da nur beschränkt helfen. Sicher, für den ein oder anderen kann es mittlerweile zu teuer geworden sein, aber das Hauptproblem ist, dass die Kinder das Skifahren mittlerweile nicht mehr "automatisch" lernen.

Obwohl sich immer weniger Österreicher den Pistenspaß gönnen, jubeln Touristiker in den vergangenen Jahren stets über neue Rekordzahlen. Wie passt das zusammen?

Das hängt mit dem Irrglauben zusammen, dass der Skiurlaub seit jeher zum Fixprogramm für die Österreicher gehört. Ein richtiges Massenphänomen war das nie. In Wirklichkeit ist es so, dass nur etwa 20 bis 25 Prozent tatsächlich einen richtigen Skiurlaub buchen und nicht nur tageweise Skifahren. Das sind Zahlen, die seit Jahren konstant bleiben. Erklären kann man das damit, dass der Skiurlaub vor allem für Menschen aus höheren sozialen Schichten ein Thema ist. Sie bleiben auch von Krisenzeiten relativ unbehelligt.

Für den Tourismus stellt der Rückgang also noch kein Problem dar?

In den nächsten zehn bis 15 Jahren wird der Tourismus noch recht unbeeindruckt sein. Zumindest in Skiorten, wo der Anteil der Tagesgäste nicht sehr hoch ist.

In den oberösterreichischen Skigebieten ein entscheidender Faktor.

Das stimmt und das kann auch problematisch werden, wenn etwa immer weniger Linzer nach Hinterstoder fahren. Gerade in Ostösterreich sind viele Skigebiete von den Tagestouristen abhängig. In Tirol oder Salzburg beispielsweise ist dieses Problem bei weitem nicht so groß.

Wie kann man diesem Problem Herr werden?

Eine völlige Wende halte ich für unrealistisch. Aber es gäbe schon Ansätze, die zumindest dämpfend wirken können. So müssen beispielsweise die Skischulen gezielt die Schulen ansprechen und attraktive Spezialangebote schnüren, bei denen man nicht mehr Nein sagen kann. Die Zeiten, in denen die Skifahrer den Tourismusbetrieben und Seilbahnen automatisch in die Hände gefallen sind, sind vorbei. Man muss aber sagen, dass hier schon ein Umdenken stattgefunden hat und viele Maßnahmen im Gange sind, um diesen Entwicklungen gegenzusteuern. Die Zahl der Skifahrer wird aber in Zukunft nie wieder den Level erreichen, den sie einmal hatte.

Inwieweit können die Skistars aus dem Weltcup eine Botschafterrolle einnehmen?

Der alpine Rennlauf ist bei weitem nicht so ein großer Motivationsfaktor für den normalen Skifahrer, wie sich das etwa der Skiverbands-Präsident Peter Schröcksnadel wünschen würde. In Wahrheit hat das eine mit dem anderen wenig bis gar nichts zu tun. Die österreichischen Erfolge im alpinen Skisport sind unersetzbar für die nationale Identität, doch als Motivator, damit junge Menschen selber die Skier anschnallen, sind sie überhaupt nicht geeignet.

 

Zur Person

16 Jahre ist Peter Zellmann (66) wissenschaftlicher und administrativer Leiter des Instituts für Freizeit- und Tourismusforschung in Wien. Zellmann ist studierter Pädagoge und Psychologe, er und sein Institut verfassen die jährlich publizierte „Österreichische Tourismusanalyse“.

 

Vier Mythen über den Skisport

 

1. Jeder Österreicher fährt Ski

"Das stimmt nicht mehr", sagt Freizeitforscherin Sonja Mayrhofer. Die Zahlen der Skifahrer seien stetig am abnehmen. Zum Teil liege das an den hohen Kosten, weiters würde auch in den Schulen das Kursangebot geringer. "Die Kinder kommen gar nicht mehr dazu, das Skifahren zu lernen." 2011 betrug der Anteil der Nicht-Skifahrer in Österreich 66 Prozent. Zum Vergleich: 1987 waren es 47 Prozent.

2. Skifahren ist ein Weltsport

Die kommenden Weltcup-Rennen in Nordamerika werden es wieder verdeutlichen: Marcel Hirscher und Co. sind außerhalb der klassischen Skiländer eher Exoten als Superstars. Bei der Ski-WM in Schladming teilten sich neun europäische Nationen und die USA die Medaillen. Bei der Leichtathletik-WM 2013 kamen 38 Nationen aus allen fünf Kontinenten in den Medaillenspiegel.

3. Skifahren ist ein besonders gesunder Sport

Wer ein vernünftiges Tempo wählt, sich vor der Schussfahrt körperlich in Schuss bringt (Skigymnastik) und gut ausgerüstet ist, macht alles richtig. Laut Unfallstatistik machen aber viele einiges falsch. In Österreich verunfallen jährlich rund 50.000 Skisportler (inklusive Snowboard). Dabei entstehen volkswirtschaftliche Kosten von mehr als drei Milliarden Euro.

4. Skifahren ist in Österreich zu teuer

Dass die Preise für Liftkarten in den vergangenen Jahren gestiegen sind, ist nicht zu leugnen. Allerdings wurde auch kräftig in die Qualität der Anlagen investiert. Ein Skipass in Österreich ist aber nicht teurer als im Ausland. Während für eine Tageskarte in Schladming 46 Euro und am Arlberg 48 Euro verlangt werden, sind es in Val d’Isere in den französischen Alpen 50,50 Euro. Im Schweizer Edel-Skigebiet Zermatt muss man umgerechnet sogar 61 Euro für einen Tages-Skipass hinblättern. Etwas billiger ist es im italienischen Olympiaort von 1956, in Cortina d’Ampezzo. Für einen Tag Pistenvergnügen sind für einen Erwachsenen 48 Euro fällig.

 

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