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Chronik

Tunnel-Blick: Die zweite Bosruck-Röhre wird gebaut

Von Martin Dunst   26. Februar 2011 00:04 Uhr

Tunnel-Blick
Wilfried Gesslbauer arbeitet seit 34 Jahren unter der Erde. Mit modernster Technik prüft er, ob seine Männer an den richtigen Stellen bohren und graben. Alle

Unter dem Berg wird gesprengt, gehämmert und geschürft. Unaufhaltsam wühlen sich die Arbeiter durch den Fels, treiben die zweite Bosruck-Röhre vor-an. Beim Vortrieb lassen sich die Männer auch nicht von einem toten »Büffel« stoppen.

So muss es in der Hölle riechen. Eine Mischung aus Schwefel und Methan bahnt sich den Weg aus den Eingeweiden des Berges. Mit dem Eau de Toilette des Teufels hat der Geruch nichts zu tun. „Weiter vorne wurde gerade gesprengt, jetzt zieht die Sprengmittel-Duftwolke Richtung Portal “, erläutert Techniker Milanko Bogdan von der „Alpine Tunneling“. Er ist nach einem internationalen Ausbildungstraining bei dem Unternehmen hängen geblieben und führt die Besucher durch die unterirdische Baustelle.

Das Innenleben der halbfertigen zweiten Tunnelröhre wirkt wie eine fremde Welt, in der durch den Staubschleier nur Schemen und Schatten zu erkennen sind. Im Minutentakt blitzen allerdings die grellen Scheinwerfer eines Baggers oder Muldenkippers auf. Hier haben Fußgänger Nachrang, müssen auf Schritt und Tritt Acht geben auf schwere Baumaschinen, Eisengitter am Boden, Wasserlacken und Stolpersteine.

Wumm! Der Berg bebt. Eine neue Sprengladung treibt den Stollen weiter vorwärts. In drei Schichten rund um die Uhr höhlen die Männer im Vortrieb den Berg aus. 130 Millionen Euro kostet die zweite Tunnelröhre unter dem Pyhrngebirge zwischen Oberösterreich und der Steiermark, die im Herbst 2013 für den Verkehr freigegeben werden soll.

Im Tunnel ist es laut, Frischluft und Platz sind knapp. Einziger Vorteil: Im Vergleich zur Oberfläche ist es angenehm warm, der intensive Sprengmittel-Geruch hat sich mittlerweile verzogen. Die Arbeiter manövrieren Bagger und Lastwagen auf engstem Raum. Jeder Handgriff scheint zu sitzen. Polier Wilfried Gesslbauer aus Kärnten arbeitet seit 34 Jahren unter der Erde. Seine erste Baustelle war ein großer Kanalschacht in Linz. Sein Maulwurf-Dasein fristet er nicht des Geldes wegen alleine. „Das mit dem Geld ist so eine Sache, je mehr man hat, desto mehr gibt man aus.“ Er sehe seinen Beruf als Abenteuer: „Wir kommen dorthin, wo noch nie ein Mensch zuvor war, die Arbeit ist komplex und daher interessant.“ Alle zehn Meter könne etwas Unvorhergesehenes passieren. Diese Überraschungen sind allerdings nicht immer angenehm, reichen vom Methangasaustritt über Bergschlag bis zum unvorhergesehenen Wassereintritt. In solchen Fällen ist beim Polier ein kühler Kopf gefordert, ein kaputter „Büffel“, so wird im Tunnelbaujargon der Spritzbetonwagen genannt, bringt den erfahrenen Arbeiter hingegen nicht aus der Ruhe.

Gesslbauer ist ein ideal-typischer Vertreter seiner Zunft. Schon sein Vater war Polier, sein Onkel ein weithin bekannter Tunnel-Bauleiter. Er selbst hat sich vom Hilfsarbeiter bis zum Polier hochgearbeitet. Gesslbauers Kärtner Dialekt ist sozusagen die Muttersprache in dieser eigenen Welt aus Steinen und Erde. Die meisten Arbeiter kommen aus der Steiermark und aus Kärnten. Stall im Mölltal ist beispielsweise ein Tunnelarbeiternest. Die 1700-Einwohner-Gemeinde stellt ungefähr fünfzig Stollengräber. „In einer Schicht haben wir hier sechs Mölltaler und einen Steirer, der bekommt natürlich ganz schön Beton, steckt das aber locker weg“, erzählt Gesslbauer und lacht.

Der Tunnelbau ist sozusagen ein Ableger aus dem Bergbau und der wurde früher hauptsächlich in Kärnten, der Steiermark und Salzburg betrieben, daher kommen die meisten heimischen Tunnelarbeiter aus diesen Bundesländern.


Von wilden Hunden und unerwünschten Frauen im Tunnel

Die einzelnen Teams im Vortrieb zu je sieben Mann gleichen fast einer eingeschworenen Geheimbund-Loge. „Nur wenn die Chemie stimmt, wird ein neuer Mann aufgenommen“, sagt der Polier. Das weiß auch die Firmenleitung und versucht erst gar nicht, sich einzumischen, oder dem Vortrieb-Trupp jemanden von außen aufs Auge zu drücken. Die Männer regeln das selbst, oft stoßen auf diese Weise Verwandte oder Bekannte aus derselben Gegend dazu. „Selbst Vater-Sohn-Konstellationen in einer Schicht kommen vor“, sagt Gesslbauer.

Zeit ist Geld im Tunnelbaugeschäft. Werden gewisse Ziele erreicht, schütten die Arbeitgeber satte Prämien bis zu dreißig Prozent des Monatslohns aus. Wie man den Bohrwagen richtig bedient oder mit einem großen Schaufelbagger in Schräglage auf einem Schotterhaufen hantiert, kann man nicht lernen, zumindest nicht unter der Erdoberfläche. „Da braucht es Gespür und gewisse Grundkenntnisse wie etwa Baustellenerfahrung “, sagt der Polier.

Tunnelarbeiter ist kein Lehrberuf, unter der Erde trifft der Hilfsarbeiter auf den gelernten Zuckerbäcker. Es gilt die Devise: Jeder kann alles und jeder macht alles. Der Vortrieb hat Vorrang, darf nie stillstehen. Je nach Beschaffenheit des Gesteins kommen die Männer täglich fünf bis fünfzehn Meter voran. Gegraben wird von zwei Seiten, im Oktober soll die rund 5,5 Kilometer lange Strecke geschafft sein und der Durchbruch gelingen.

Ein sicheres Rendezvous

Wie bei vielen fremdartig wirkenden Berufen und weitgehend unbekannten Tätigkeiten, ranken sich auch um die Tunnelbauer vielfältige Klischees, Mythen und Gerüchte. Projektleiter Ingo Cottogni, der seit 1983 für die Alpine tätig ist, kann über die meisten dieser Dinge nur schmunzeln.

So ist es heute nicht mehr zeitgemäß, dass die Männer keine Frauen im Tunnel dulden, weil diese angeblich Unglück bringen sollen. „Vor zehn Jahren hätte mir ein Polier wegen so einer Geschichte beinahe gekündigt, heute sind beispielsweise in der Vermessung immer wieder Frauen tätig. Dieser Aberglaube ist kein Thema mehr“. Die Schutzheilige der Tunnelarbeiter ist mit der Heiligen Barbara übrigens auch eine Frau.

Acht Tage Arbeit, vier Tage frei

Wenn von zwei Seiten gebohrt wird, soll es schon vorgekommen sein, dass das Rendezvous verpasst worden ist, „Diese Geschichten gibt es, aber ich glaube sie nicht“, sagt Cottogni. „Der Vortrieb wird von unseren eigenen Leuten und externen Fachleuten ständig vermessen und überprüft, das Zusammentreffen ist hundertprozentig gesichert und bereitet keine Kopfzerbrechen“. Auch dass die Tunnelarbeiter wilde Hunde seien, fernab der Heimat gerne einmal einen heben und die Puppen tanzen lassen würden, kann der Projektleiter nicht bestätigen. „Vielleicht früher einmal, heute ist der Druck auf die Männer groß – viele betreiben als Ausgleich zum Job Sport, gehen nach der Arbeit ihre eigenen Wege“. Nach acht Tagen im Tunnel geht es für die meisten vier Tage heim zu Frau und Kind.

Cottogni beschäftigen derweil andere Themen: Zum Beispiel muss er Teile des Tunnelaushubs um teures Geld entsorgen, weil das Gestein zu viel Sulfat enthält. Am Bosruck hat er es beinahe täglich mit den oberösterreichischen und den steirischen Behörden zu tun: „Die Oberösterreicher sind flexibler“, sagt Cottogni, der hofft, dass seine Firma auch den Auftrag für die Sanierung der bestehenden Röhre bekommt. Denn Arbeit im Tunnelbaugewerbe ist in Österreich momentan rar, die Konkurrenz unter Firmen wie Porr, Strabag, oder Swietelsky entsprechend groß. „Alles Gute“, wünschen wir Presseleute Cottogni beim Verlassen der Tunnelbaustelle. „In unserer Welt heißt das ‚Glück auf‘!“, sagt er.

 

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