Lade Inhalte...

Chronik

Rund um Wiener Cluster mehr als 400 Personen in Quarantäne

Von nachrichten.at/apa   18. Mai 2020 12:38 Uhr

Zahlreiche Fälle gab es in Postverteilerzentren um Wien. 

WIEN. In der Bundeshauptstadt hat es kürzlich eine Häufung an Neuansteckungen gegeben. Ein Großteil der überproportional vielen Infektionen dürfte in Zusammenhang mit einem "Corona-Cluster" stehen. Der Krisenstab der Stadt gab dazu am Montag neue Details bekannt.

Es soll – wie berichtet – Verbindungen zwischen den Post-Verteilungszentren Hagenbrunn und Inzersdorf, dem Flüchtlingsheim Erdberg und einem derzeit geschlossenen Kindergarten geben. Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) hat die Stadt Wien am Montag deshalb einmal mehr wegen deren Arbeitsweise in der Coronakrise attackiert und ihr mangelnde Kommunikation mit dem Einsatzstab vorgeworfen. Um diese Botschaft an die Öffentlichkeit zu bringen, wurde eilig eine Pressekonferenz einberufen, die vor dem Ministerium am Minoritenplatz hätte stattfinden sollen, aber wegen unerwünschter Nebengeräusche von einer Demonstration nach drinnen verlegt wurde. Die Pressekonferenz in voller Länge:

Nehammer bezeichnete die Infektionszahlen in Wien am Beginn als "besorgniserregend" und sprach gar von einer "Mahnung an die Stadt Wien" mit dem Einsatzstab zu kooperieren, um eine "zweite Infektionswelle" zu verhindern. Derzeit gebe es Defizite in der Kommunikation mit der Stadt. So habe der Einsatzstab über die Medien erfahren, welche Leiharbeiterfirma von den Infektionen im Postverteilerzentrum in Hagenbrunn betroffen sei. Er appelliere an Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ): "Arbeiten wir zusammen, kämpfen wir gemeinsam gegen eine zweite Welle." Es wäre "verantwortungslos", wenn man das nicht täte, so Nehammer.

"Keine Causa Wien"

Angesichts der im beginnenden Wahlkampf laut werdenden Kritik der ÖVP an der Corona-Strategie der Gemeinde Wien hat sich Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) am Montag hinter die Wiener Gesundheitsbehörden gestellt. Aus seiner Sicht gibt es "keine Causa Wien", denn vom jüngsten Infektionscluster in zwei Post-Verteilerzentren und einem Flüchtlingsheim sei auch Niederösterreich betroffen. "Es ist ein Thema, das im Übrigen keine Causa Wien ist, wo Wien und Niederösterreich betroffen sind und hervorragend zusammenarbeiten", sagte Anschober bei einer Pressekonferenz. Infektions-Cluster in einzelnen Bereichen seien zu erwarten gewesen. Wichtig sei nun ein schnelles Containment, betonte Anschober. Die Gesundheitsbehörden beider Länder haben aus seiner Sicht "die richtigen Schritte gesetzt".

Darauf angesprochen, dass Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) keine besondere Gefahr in Wien sieht, relativierte der Innenminister etwas seine anfänglichen Aussagen. "Die Zahlen in Wien sind so, dass sie beherrschbar sind, aber sie sind deutliche höher als in anderen Bundesländern."

Der Leiter des Einsatzstabes, Bernhard Treibenreif, sagte, dass zwar 60 Prozent aller Neuinfektionen in Wien stattfinden, das aber "nicht außergewöhnlich ist". Er bestätigte aber, dass es "Verbesserungspotenzial bei der Kommunikation" mit Wien gebe was die Qualität und Schnelligkeit der Informationen betrifft.

70 Infizierte in Postzentrum

Rund um den großen Wiener Coronavirus-Cluster befanden sich bis Montag mehrere hundert Personen in Quarantäne. Bisher wurden "mehr als 400 Absonderungsbescheide" ausgestellt, sagte Andreas Huber, Sprecher des medizinischen Krisenstabs der Stadt. Die Containment-Maßnahmen waren jedoch noch nicht abgeschlossen. Im Postzentrum in Wien-Inzersdorf gab es bisher 500 Tests, 70 Mitarbeiter waren positiv. 

Im niederösterreichischen Post-Verteilungszentren Hagenbrunn wurden 63 Mitarbeiter positiv getestet, die in Wien wohnen, erläuterte Huber. Bestätigt wurden auch Medienberichte, wonach in der Logistikzentrale eines großen Möbelhauses in Wien-Floridsdorf ebenfalls sechs Mitarbeiter an Covid-19 erkrankt sind. Diese Fälle dürften ebenfalls auf Leiharbeiter zurückzuführen sein.

In einem vorübergehend geschlossenen Kindergarten in Wien-Liesing, wo eine mit einem Leiharbeiter zusammenlebende Mitarbeiterin und ein Kind infiziert sind, wurden inzwischen alle Kinder und Betreuer untersucht. Es gab keine weiteren Erkrankten. In Kindergärten wird in Wien weiterhin bei Verdachtsfällen getestet.

1000 Testungen im Flüchtlingsbereich

Im Bereich von Pflege-, Obdachlosen- und Flüchtlingseinrichtungen kündigte die Stadt dagegen weitere großflächige Tests an. Diese Strategie ist "aus unserer Sicht erfolgreich, dass wir genau hinschauen und in die Tiefe schauen", hieß es auf Nachfrage aus dem Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ). Bei dem Cluster hätten rund 90 Prozent symptomlos Erkrankte identifiziert werden können. "Die haben wir auf diesem Weg ausfindig gemacht", sagte der Sprecher.

Knapp über 1.000 Testungen seien bisher im Flüchtlingsbereich durchgeführt worden. Rund 40 Infizierte sind laut Stadt Wien ebenfalls auf diesen Cluster in Verbindung mit Leiharbeiten zurückzuführen. Allein in einer Unterkunft in Erdberg waren 24 Bewohner infiziert. Ebenfalls knapp 1.000 Testungen gab es in Betreuungseinrichtungen für Obdachlose, dabei wurde ein Infizierter ausfindig gemacht. Eine Unterkunft in Hietzing wurde unter Quarantäne gestellt und die Bewohner teilweise in anderen Einrichtungen untergebracht.

Video: Der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) hat am Sonntag eine erste Analyse des aktuellen Clusters an Coronavirus-Infektionen präsentiert. Laut dem Ressortchef deutet alles darauf hin, dass das Postzentrum im niederösterreichischen Hagenbrunn bzw. die Leiharbeitsfirmen Auslöser waren. Details dazu im ZiB-Bericht:

Soldaten im Einsatz

In Hagenbrunn traten Samstag 280 Bedienstete des Österreichischen Bundesheeres ihren Dienst im Rahmen der von der Österreichischen Post AG angeforderten Unterstützungsleistung an. Soldaten sowie Zivilbedienstete vom Kommando Streitkräftebasis aus Salzburg, Steiermark, Niederösterreich, Oberösterreich und Wien ersetzen für zwei Wochen die komplette Mannschaft der Post in der Logistikhalle, teilte Verteidigungsministerin Klaudia Tanner (ÖVP) mit. Unter Einhaltung höchster Sicherheitsmaßnahmen sollen sie unter anderem Pakete sortieren und Lkw beladen. Tanner stattete den Soldaten am Montag einen Besuch ab, im Anschluss war ein Pressestatement mit Post-Generaldirektor Pölzl geplant. 

112  Kommentare 112  Kommentare