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Oberösterreich

"Wir können uns keine Durchbrüche leisten"

Von Michael Schäfl  01. Dezember 2021 00:04 Uhr

Tilman Königswieser

LINZ. Tilman Königswieser, ärztlicher Direktor des Salzkammergut-Klinikums, beantwortet Fragen der OÖN-Leser zum Thema Coronavirus.

Zahlreiche Leserbriefe erreichen die OÖNachrichten täglich. Und alle haben ein Thema gemein: Covid-19. Die Zuschriften handeln von der Angst vor Impfnebenwirkungen, dem besten Zeitpunkt für den dritten Stich, Kinderimpfungen und Risikogruppen. Aber auch von Fake News und Verschwörungstheorien. Sie haben aktuell Hochkonjunktur. So schreibt etwa eine Leserin, ob es stimme, dass die Impfung dazu führe, dass sich immer mehr Virusvarianten herausbilden würden. Die Coronaviren würden sich nicht mehr so leicht verbreiten können, daher müssten sie sich verändern. Das würden auch einige Virologen behaupten, sagt die Frau.

"Da hat die Impfung überhaupt nichts damit zu tun. Das Virus verändert sich sowieso. Hätten wir die Impfung nicht, müssten wir schon völlig isoliert als Einsiedler leben", sagt Tilman Königswieser. Er ist ärztlicher Direktor des Salzkammergut-Klinikums, Mitglied des Krisenstabes des Landes Oberösterreich und einer der Experten, die für die OÖNachrichten die Anfragen der Leserinnen und Leser beantworten. Denn der Dschungel an widersprüchlichen Informationen ist weitläufig und scheint undurchdringlich. Fake News und aus dem Zusammenhang gerissene Forschungsergebnisse können da zur gefährlichen Stolperfalle werden.

Ich bin in der siebten Woche schwanger und nicht geimpft. Will mich aber impfen lassen. Sollen Schwangere noch warten? Was soll ich jetzt machen? (Barbara Stürmer, E-Mail)

Königswieser: Primär kann man sich während der gesamten Schwangerschaft impfen lassen. Schwangeren wird eine Impfung ans Herz gelegt, da sie zur Risikogruppe gehören. Da es aber zu leichten Nebenwirkungen wie Fieber kommen kann, ist es wirklich am sichersten, erst im zweiten Schwangerschaftsdrittel zu impfen. Für Schwangere ist besonders wichtig, dass auch das Umfeld, also Lebensgefährte, Eltern und Freunde geimpft sind.

Ich bin zweimal mit Pfizer geimpft (März, April) und hatte im Oktober einen heftigen Durchbruch. Wann soll ich die Booster-Impfung einplanen? (Birgit Schröder, Altmünster)

Königswieser: Ein halbes Jahr nach dem zweiten Stich, das ist genau die Zeit, in der es zu den meisten Impfdurchbrüchen kommt. Die Frau hätte den Booster schon früher benötigt. Momentan gilt, dass, wenn man zweimal geimpft wurde und dann einen Durchbruch hatte, die überstandene Infektion als dritte Impfung gilt. Eine vierte Impfung, also in diesem Fall der Booster, wird nicht benötigt. Aber das ist nur das, was wir aktuell wissen. Das kann sich auch noch ändern.

Ich lese immer wieder, dass Virologen davor warnen, während der Pandemie große Teile der Bevölkerung zu impfen, weil dann das Virus öfter und stärker mutiert. (Hermine Brenner, E-Mail)

Königswieser: Ja, das behaupten einige wenige Virologen, aber die WHO sagt etwas ganz anderes: Der geringe Impffortschritt sei schuld daran, dass es zu immer neuen Varianten kommt. Gerade in den afrikanischen Ländern ist ja die Impfquote besonders niedrig. Das Virus mutiert ständig, und je mehr es davon gibt, desto mehr Mutationen gibt es auch. Da hat die Impfung nichts damit zu tun. Wo mehr Autos fahren, passieren ja auch mehr Unfälle.

Mein Mann, 72 Jahre alt, erhielt im April die zweite Pfizer-Impfung und bekam einen Monat später einen leichten Schlaganfall. Liegt das an der Impfung? (Katharina Brandl, E-Mail)

Königswieser: Genauso wie eine Thrombose ist ein Schlaganfall ein thromboembolisches Geschehen. Bei den Impfstudien zu diesen Erkrankungen zeigte sich nur eine Gruppe, die besonders anfällig dafür war: Frauen, die mit AstraZeneca geimpft worden waren. Aber dass eine Impfung einen Monat später einen Schlaganfall auslöst, ist sehr unwahrscheinlich. In Sachen dritter Impfung würde ich das am besten mit einem Neurologen absprechen und individuell entscheiden.

In Großbritannien ist die Booster-Impfung nach einem halben Jahr möglich, bei uns nach vier Monaten. Wer soll sich da auskennen und was soll man glauben? (Arthur Pernkopf, E-Mail)

Königswieser: Aus unseren Krankenhäusern wissen wir, dass der Impfschutz nach vier Monaten nachlässt. Das wurde auch in anderen Ländern festgestellt. Wann der dritte Stich empfohlen wird, hängt auch davon ab, wie viel Impfstoff zur Verfügung steht und wie die pandemische Situation ist. Sind die Infektionszahlen niedrig, kann ich später impfen. Wir können uns aber keine Durchbrüche mehr leisten und unsere Spitäler noch mehr überlasten.

Jetzt dürfen ja künftig auch Kinder geimpft werden. Gibt es einen empfohlenen zeitlichen Abstand zwischen der Grippe- und der Covid-19-Impfung? (Rüdiger Koller, E-Mail)

Es gibt zwei Gruppen, bei denen eine Influenza schwer verlaufen kann: Kinder und Ältere. Wir müssen sie vor Influenza und Covid-19 schützen. Es spricht nichts dagegen, beide Impfungen gleichzeitig zu verabreichen. Als Kinderarzt habe ich viele Kinder gesehen, die von sich aus geimpft werden wollten. Ein Neunjähriger hat sogar seine ungeimpften Eltern überzeugt. Am besten sollten die Eltern aber entscheiden, wann was geimpft werden soll.

>> Mehr Fragen der OÖN-Leser finden Sie auf nachrichten.at/coronaleserbriefe

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Artikel von

Michael Schäfl

Redakteur Land und Leute

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