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Oberösterreich

Wie Genuss mit Askese zusammenhängt

Von OÖN   06. August 2022 00:04 Uhr

Wie Genuss mit Askese zusammenhängt
Philosoph Robert Pfaller

Philosoph Robert Pfaller argumentiert gegen das Wettbewerbsprinzip.

Über Genuss in schwierigen Zeiten sprachen die OÖN mit dem Philosophen Robert Pfaller von der Kunstuni Linz.

OÖN: Die Menschen, die es sich leisten können, genießen ihren Urlaub, als gäbe es keinen Krieg in Europa. Wie lässt sich das moralphilosophisch einordnen?

Robert Pfaller: Den Menschen, die unter dem Krieg zu leiden haben, würde es wenig helfen, wenn die Glücklichen anfingen, sich ihr Glück zu verderben. Wer in einer glücklichen Situation ist, soll darum sein Glück gefälligst auch genießen – das schuldet man eigentlich denen, die nicht so viel Glück haben. Und wer zum Beispiel sein Urlaubsgeld, anstatt es für eine Reise auszugeben, lieber an eine Hilfsorganisation spendet, tut dies eben deshalb, weil er auf diese Weise eher glücklich ist. Daran zeigt sich, was der Philosoph Spinoza lehrte: Die Tugend ist nicht das Gegenteil des Glücks, sondern dieses selbst.

Nach Griechenland fliegen, mit dem Wohnmobil nach Norwegen dieseln, geht das noch?

Wir sollten nicht vergessen, dass dies für viele Menschen schon bisher unerschwinglich war. Und im Moment werden es noch deutlich mehr. Die wenigen, die sich ein solches Luxusgut wie die sogenannte "Flugscham" leisten können, müssen sich darum fragen, was sie eigentlich obszöner finden – die fragwürdig gewordenen Reisegewohnheiten oder die elitären Skrupel.

Die alten Manager waren dick, während die neuen im Triathlonkostüm glänzen. Zeigt sich der moderne Genuss in der Askese?

Im Gegenteil. In den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine Fettleibigkeit aufgrund von Wohlstand. Jetzt aber ist das anders. Heute sehen wir vor allem Fettleibigkeit aus Armut. Dick sind nun vor allem diejenigen, die sich gute und gesunde Ernährung nicht leisten können. Darum ist das, was den Dünnen heute diesbezüglich entgeht, kein Genuss. Das bedeutet andererseits freilich nicht, dass die Anführer der Leistungsgesellschaft ein intaktes Verhältnis zum Genuss pflegten. Viele üben sich in einer Art von zwanghafter Selbstoptimierung, die noch über die eigene Leiche geht.

Ist Genuss ohne Askese überhaupt denkbar?

Bei allem, was uns große Lust bereitet, ist ein ungutes Element am Werk: Wenn wir tanzen, als ob es kein Morgen gäbe, berauben wir uns des Schlafs; wenn wir trinken, kostet das den klaren Kopf und bereitet Kopfweh; beim Sex passieren unappetitliche, unanständige Dinge, und er führt oft zu sozialen Verwerfungen; wenn wir Partys feiern, kostet das Geld und versaut die Wohnung; ja selbst wenn wir nur spazieren gehen oder philosophieren, müssen wir bereit sein, Zeit zu verschwenden. Im Genuss überschreiten wir also, wie der Philosoph Georges Bataille erkannte, eine Grenze – nämlich die Grenze unseres üblichen, lebensnotwendigen Haushaltens mit unseren Ressourcen. Das kann man eben nicht immer machen, sondern nur in bestimmten, feierlichen Ausnahmemomenten. Dann ist das Leben für uns da und wir machen uns zu seinen souveränen Herren. In der Regel dagegen müssen wir unserem Leben dienen, indem wir haushalten und für seine Erhaltung sorgen. Dieses Haushalten könnte man als Askese bezeichnen und ohne sie gibt es tatsächlich keinen Genuss. Freilich gibt es noch andere, sozusagen militantere Formen von Askese. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass der Verzicht auf den Genuss in einen Genuss am Verzicht verwandelt wird. Insofern gibt es sehr glückliche, genießende Asketen – sozusagen Heilige des Alltagslebens. Für sie ist schon die Askese selbst der Genuss. Den meisten aber kommt bei ihren asketischen Bemühungen das Bewusstsein ihres Glücks abhanden. Das ist Askese ohne Genuss. Sie merken nicht, dass sie schon glücklich sind, und hetzen süchtig und ohne jede Souveränität weiter zu immer größeren Verzichts- oder Selbstoptimierungsanstrengungen.

Abgesehen davon, dass sich Vorlieben nicht wechseln lassen wie Kleider, was wären denn zukunftstaugliche Genüsse?

Unsere Genüsse stellen wohl immer eine Überschreitung dessen dar, was für unsere Selbsterhaltung oder auch die Erhaltung des Planeten notwendig ist. "Life is robbery", hat der Philosoph Alfred N. Whitehead bemerkt. Wir werden also einsehen müssen, dass wir schon durch unsere bloße Existenz vielleicht immer mehr Schaden verursachen als Nutzen – auch wenn wir uns noch so vegan ernähren. Denn selbst die Lichtesser werfen noch einen Schatten. Sollte es freilich jemals gelingen, die Weltgesellschaft solidarisch vom Wettbewerbsprinzip zu entkoppeln, dann könnte eine bedeutende Veränderung stattfinden: Wir würden weder durch unsere Genüsse noch durch unsere Arbeit massiven Raubbau an den natürlichen Ressourcen mehr betreiben. Denn unsere Verschwendungen würden dann wohl meist spielerischer, müßiger Art sein – und mithin solche, die wir vorwiegend an unserer Lebenszeit vornehmen. Alle Menschen müssten dann ihren Tag hauptsächlich mit Zerstreuungen verbringen; ähnlich, wie es in früheren Jahrhunderten die Aristokratie zu tun pflegte.

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