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Oberösterreich

Wie die Westring-Seile über die Alpen zogen

Von Michael Schäfl  11. Januar 2022 00:04 Uhr

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GARDONE VAL TROMPIA, LINZ. Mehr als 700 Kilometer waren die 75 Tonnen schweren Stahlseile aus der Lombardei bis zum Linzer Pöstlingberg unterwegs. In den Tunnels war es teils „wirklich haarscharf“.

Umhüllt von dicken blauen Planen ruhen sie auf dem Pöstlingberg, unterhalb des Tierparks: Die Stahlseile des Linzer Westrings sind auf Spindeln, sogenannten Haspeln, aufgewickelt. 75 Tonnen ist ein jeder der Giganten schwer. Und ein jeder hat eine lange Reise hinter sich: mehr als 700 Kilometer, von Italien nach Oberösterreich, von Gardone Val Trompia nach Linz. Eines der Seile hat bereits seinen letzten Weg – von einer Felswand über die Donau zur anderen – angetreten. 23 weitere werden ihm folgen.

„Die Haspeln sind ja riesengroß und schwer. Sie durch alle Tunnels bis nach Linz zu bringen, war eine riesige Herausforderung. Teilweise ging es sich wirklich haarscharf aus“, sagt Florian Teufelberger, Geschäftsführer der Firma Teufelberger, die gemeinsam mit der italienischen Niederlassung Redaelli die Seile fertigte. „Jetzt, am Pöstlingberg angekommen, geht die komplizierte Arbeit aber dann erst los.“

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Auch am Bindermichl wurde es knapp.

Drähte ohne Luft

Gardone Val Trompia, eine Stadt mit 12.000 Einwohnern in der Lombardei, ist bekannt für traditionsreiche Schusswaffenindustrie. Hier, bei Redaelli, wurden auch die 24 Trägerseile für den Westring hergestellt. Das Unternehmen war auch am Bau des Tottenham- und des Liverpool-Stadions in England beteiligt.

„Die Herstellung war kompliziert, weil die Seile mit 500 Metern sehr, sehr lang sind und noch dazu ein spezielles Innenleben haben“, sagt Daniela Lombardini. Eine Westring-Trosse, wie die besonders dicken Seile genannt werden, ist kein einzelnes Seil, vielmehr ein Geflecht aus vielen einzelnen. Solche „vollverschlossenen Seile“ finden meist bei Seilbahnen Anwendung. Anders als üblich werden nicht einzelne runde Drähte zusammengefasst, sondern X-förmige.

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Eines der Seile auf einer der Haspeln

"Zwischen runden Drähten wäre Luft, bei Drähten mit X-Profil liegen die Fasern noch enger nebeneinander, die Trosse ist kompakter und belastbarer“, sagt Lombardini. „Aber auch viel schwerer. Für so etwas muss man erst eine Transportform finden.“

Auf gigantischen Haspeln aufgewickelt, traten die Seile im Frühjahr 2021 ihre Reise nach Linz an. Sondertransporter mit bis zu elf Achsen zogen sie über die Alpen. „Um ehrlich zu sein, wir haben unterschätzt, wie eng es in den Tunneln teilweise werden kann“, sagt Lombardini. „Aber es ist sich ausgegangen. Jetzt freuen wir uns natürlich umso mehr.“
Auf den Tiefladern befanden sich die Haspeln nur 15 Zentimeter über der Fahrbahn. Über den Brennerpass quer durch Österreich gelangten die Seile an den Hang des Linzer Pöstlingbergs. Hier warten sie bereits seit Sommer 2021 auf ihren Weg ans andere Ufer der Donau. Das Prozedere ist kompliziert.

Ein Schlitten über die Donau

Zwei parallele Seile wurden über die Donau gespannt, eine Hilfsseilbahn. Die Haspel wird am Hang eingespannt, „auf einer Art Schlitten werden die Seile dann über die Donau gezogen und auf der anderen Seite fest im Berg verankert“, sagt Teufelberger. Am Schlitten kontrollieren schwindelfreie Mitarbeiter den Fortschritt. Vergangenen Dezember wurde das erste Seil über die Donau gezogen. Es blieb bisher das einzige. Die Premiere hatte sich, wie berichtet, wochenlang verzögert, denn der dafür benötigte Spezialkran hing beim Zoll fest.

„Das war eine Herkulesaufgabe so kurz vor dem Jahreswechsel, wo alle in Urlaub gehen wollten“, sagt Martin Pöcheim, Regionalleiter der Asfinag. „Beim ersten Seil haben wir sehr viel gelernt.“ Jetzt habe man genug Erfahrung gesammelt, um wöchentlich bis zu zwei Stahlseile über den Strom transportieren zu können. Bis April wolle man mit der Anbringung der Trossen fertig sein.

Im Mai soll der nächste Meilenstein für die mehr als 300 Meter lange Hängebrücke folgen. Die vorgefertigten Fahrbahnelemente werden an den Stahlseilbündeln montiert. Die bis zu 45 Meter langen Konstruktionen liegen bereits beim Donaukraftwerk Abwinden-Asten bereit. Ende 2022 wird die Brücke fertig sein, ist aber dann zwei Jahre lang für die Baumaschinen der Asfinag reserviert. Erst im Jahr 2024 wird die erste Bauetappe der A26, bestehend aus der Brücke und ihren Auf- und Abfahrten, für den Verkehr freigegeben.

Artikel von

Michael Schäfl

Redakteur Land und Leute

Michael Schäfl

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