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Über einen diebischen Soldaten, den 70 Jahre nach dem Krieg die Reue packte

Von Robert Stammler   24.Mai 2019

Über einen diebischen Soldaten, den 70 Jahre nach dem Krieg die Reue packte
Richard Smith (re.), der Schwiegersohn des 2014 verstorbenen US-Soldaten, und der österreichische Honorarkonsul Justin Ungerboeck.

Eine Woche, bevor er selbst im Sterben lag, hatte Stanley Muczynsky aus Steubenville im US-Bundesstaat Ohio noch den unerwarteten, krankheitsbedingten Tod seines einzigen Kindes, Tochter Karen, hinnehmen müssen.

Vielleicht war dies der Anlass für den tadellosen Kriegsveteranen, Mathematiklehrer und ehemaligen Schuldirektor, gegenüber seinem Schwiegersohn Richard vor seinem Ableben noch sein Gewissen zu erleichtern. Zu beichten, was der greise Mann 70 Jahre lang niemandem erzählt hatte: Dass er im Jahr 1945 als befreiter Kriegsgefangener bei einem Überfall auf einen Bauernhof nahe Braunau dabei gewesen war und den Opfern eine wertvolle Schmuckkette gestohlen hatte.

Über einen diebischen Soldaten, den 70 Jahre nach dem Krieg die Reue packte
Stan Muczynsky (li.) während des Zweiten Weltkriegs.

Sein letzter Wille

Muczynsky starb im Februar 2014. Sein letzter Wille: Die gestohlene Kette, ein Kriegssouvenir, das den US-Soldaten an seine Weltkriegszeit in Europa erinnern sollte, den rechtmäßigen Besitzern im Innviertel zurückzugeben. Der Schwiegersohn bat den österreichischen Honorarkonsul Justin Ungerboeck um Hilfe und dieser nahm Kontakt auf mit dem Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgen-Forschung.

Dieses kooperiert mit dem Haus der Geschichte im Museum Niederösterreich in St. Pölten. Die Historiker haben nun entschieden, die Geschichte des US-Soldaten und auch ein Foto von der Chariwari-Kette, ein Herren-Accessoire, das den Bund von Lederhosen ziert, zu veröffentlichen. "Wir suchen nach der Familie, der die Kette im Mai 1945 entwendet worden ist", bittet der Historiker Benedikt Vogl vom Haus der Geschichte in St. Pölten um Hinweise.

Der damals etwa 20-jährige Muczynsky war 1944 als Mitglied der Besatzung eines B24-Bombers über dem Balkan abgeschossen worden. Der Amerikaner überlebte unverletzt, geriet aber in die Hände der Nazi-Truppen und wurde im Kriegsgefangenenlager Krems-Gneixendorf interniert.

Doch weil die sowjetischen Streitkräfte im April 1945 immer näher rückten, wurden die 4000 Gefangenen per Fußmarsch in ein anderes Lager in einem Waldstück nahe Braunau getrieben. Dort harrten die Amerikaner aus, bis sie im Mai schließlich von ihren Kameraden der "13th Armored Division" befreit wurden. Die jungen Männer, wartend auf ihre baldige Heimreise Richtung Frankreich, streiften durch die Gegend, um "Souvenirs zu jagen". Als sie an einem Bauernhof vorbeikamen, bedrohte einer der Amerikaner die Bewohner mit einer Schusswaffe, so erzählte es der sterbende Stanley Muczynsky seinem Schwiegersohn. Er selbst habe nur die Chariwari-Kette an sich genommen.

Das Museum Niederösterreich bittet um Hinweise unter 02742-908090.

Chariwari-Ketten

Ein „Chariwari“ („Schariwari“ gesprochen) ist eine silberne oder versilberte Schmuckkette, die von Männern am Bund einer Trachtenlederhose getragen wird. Häufig ist an einem Chariwari noch eine Taschenuhr angebracht, aber auch Münzen und Jagdtrophäen, wie zum Beispiel wie Greifvogelkrallen oder Teile eines Hirschgeweihs können die Kette zieren.

Für Landwirte war das Chariwari früher ein wertvolles Statussymbol und wurde über Generationen vererbt. Die Ketten sind vor allem in Österreich und dem bayerischen Alpenraum verbreitet.

 

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22. November 2019