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Stunde Null

Wie eine Familie die Sowjets zum Fußballspiel forderte

Von Michael Schäfl  26. September 2020 00:04 Uhr

Wie eine Familie die Sowjets zum Fußballspiel forderte
Bild aus den 30er Jahren: Karl und Franziska mit Kindern Willi, Karl, Anna und Franz (v.l.n.r.) vor ihrer Schusterei.

TRAGWEIN. Sowjetische Besatzer hatten das Haus der Familie Schützeneder beschlagnahmt, Sohn Karl freundete sich mit Soldaten an.

Über Nacht standen die Russen vor der Tür und verlangten Einlass. 300 sowjetische Besatzer mussten die Tragweiner nach dem Krieg in ihren Häusern unterbringen. Auch das Zuhause von Familie Schützeneder wurde von Offizieren beschlagnahmt. Und während diese von nun an im Haus lebten, kamen Karl Schützeneder, seine fünf Geschwister und seine Eltern im Dachboden unter.

"Die Russen waren zwar freundlich, aber wir mussten akzeptieren, dass wir von nun an in unseren früheren Zimmern nichts mehr verloren hatten", sagt Karl Schützeneder. "Zumindest durfte Mutter weiter die Küche benutzen." Die Schützeneders arrangierten sich mit der Situation. Forderten die Besatzer sogar zum Fußballspiel heraus. "Ich glaube, die Russen haben damals gewonnen. Oder gewinnen müssen", sagt der heute 90-jährige Karl Schützeneder.

Druckerei eingerichtet

Die Schuhmacher-Werkstatt von Karls Vater blieb unangetastet. Mit seinen sechs Angestellten hatte er Schuhe für den gesamten Bezirk hergestellt. Doch von nun an sollte Karl Schützeneder senior nur noch für die Russen arbeiten. Das Leder, das sie ihm zur Fertigung ihrer Stiefel brachten, hatten sie aus Pkw-Sitzen herausgeschnitten oder aus Mühlen gestohlen. Denn Lederriemen waren als Sohlen beliebt. Karl senior arbeitete alleine, die Gehilfen waren geflohen.

Auch in der Stube des Hauses machten sich die sowjetischen Soldaten breit und richteten eine Druckerei ein. "Wir waren neugierig und haben versucht, einen Blick in die Stube zu ergattern. Aber ohne Erfolg", sagt Schützeneder. Was da in der Stube gedruckt wurde, weiß er bis heute nicht. "Wenn es um die Druckerei ging, waren die Russen eisern." Die Küche des Hauses hatte unterdessen der Offizierskoch für sich beansprucht. Wenn Mutter Franziska morgens aufstand, um Frühstück für ihre Familie zu machen, schlief der Russe noch auf der Küchenbank. Das Gemüse, das er brauchte, holte er aus dem Garten der Nachbarn. Der 15-jährige Karl verstand sich gut mit dem Koch: "Auf dem Fensterbrett stand ein großes Zucker-Stanitzel, da haben wir Buben uns immer die Taschen mit Zucker angefüllt", sagt Schützeneder. Der Russe hatte sie beim Stibitzen beobachtet, sagte Mama Franziska aber nichts.

"Freundschaftsspiel"

In den Offizieren Alexander aus Odessa und Viktor aus Kiew fand der junge Karl zwei Freunde. Stundenlang liehen sie dem Jungen ihr Moped, denn ihr eigenes Motorrad hatte Familie Schützeneder vor den Russen im Keller einer Tischlerei versteckt. "Gemeinsam haben wir auch viel musiziert. Alexander hat wunderschöne russische Lieder gesungen und ich habe ihn auf dem Klavier begleitet", sagt der 90-Jährige. Beim Singen wollte der junge Offizier stets elegant gekleidet sein, darum zog er kurzerhand den Anzug von Karls älterem Bruder Franz an. Karl Schützeneder organisierte auch ein "Fußball-Freundschaftsspiel" zwischen den Russen und einer Mühlviertler Mannschaft aus Pregartnern und Tragweinern.

Als die sowjetischen Soldaten zwei Monate später nach Perg überstellt wurden, versteckten sich Alexander und Viktor bei Familie Schützeneder. Schon zwei Wochen später wurden sie von der Militärpolizei abgeholt. Karl hörte nie wieder etwas von seinen Freunden. Die Tragweiner Schusterei seines Vaters gibt es noch heute. Schützeneders Neffe Thomas führt den Betrieb unter dem Namen "Schütze Schuhe".

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