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„Kein Erbarmen“

Von Manfred Wolf  02. Mai 2020 00:04 Uhr

Bertrand Perz mit Studenten in der heutigen Bernaschek-Siedlung unterhalb des KZ Mauthausen – hier hätten noch viel mehr SS-Häuser errichtet werden sollen.

... dieser „Leitspruch“ galt für die SS-Wachleute, die im Konzentrationslager Mauthausen ihrer „geregelten Arbeit“ nachgingen. Der Historiker Bertrand Perz gibt einen Einblick in den Lageralltag.

Das Konzentrationslager Mauthausen war eines der härtesten Lager im Deutschen Reich – von der Entstehung bis zur Nachnutzung des Lagers sprachen die OÖNachrichten mit dem Historiker Bertrand Perz.

Martin Roth, ehemaliger Leiter der Gaskammer des KZ, besuchte einmal die Gedenkstätte. Welches Verständnis von dem, was sie hier verbrochen haben, hatten die SS-Männer?

Perz: Die Geschichte von Roth ist schon sehr speziell. Aber es war oft so, dass ehemalige SS-Angehörige in die Region zurückgekehrt sind – auch, um mit ihren Familien hier zu urlauben.

Die werden ja nicht ihren Familien erzählt haben: „... und hier habe ich tausende Menschen vergast.“

Sicher nicht. Die SS argumentierte ja mit höherer Moral: „Ich habe aufopfernd dem Staat gedient“. Für viele Wärter war das die schönste Zeit ihres Lebens. Sie waren jung, haben etwas erlebt, hatten Liebschaften im Ort. Auch wenn es schwer erträglich klingt.

Es war also eine normale Arbeit?

Ja. Bei den wenigsten haben sich moralische Bedenken eingestellt. An der Front war das Töten legitimiert – das ist das Geschäft des Soldaten. Beim Dienst im KZ hat die SS Wert darauf gelegt, dass es sich ebenfalls um einen Kriegsdienst handelt, der mit jenem an der Front gleichzusetzen ist. Aber es gab das Problem, dass die SSler, die im Lager arbeiteten, in der Werteskala als Soldaten zweiter Klasse galten, weil viele nur bedingt frontfähig waren.

Wurde das mit besonderem Sadismus überkompensiert?

Möglich, aber nicht alle SSler waren sadistisch. Freilich, in der Ausbildung haben sie gelernt, den nicht lebenswerten „Feind“ zu schikanieren und zu brechen. Aber viel Gewalt war strukturell. Wer schwerste Arbeit leisten muss – und zwar bei mangelnder Ernährung, bei ungeheizter Unterkunft im Winter, mit Schuhwerk und Kleidung, die schnell kaputt gingen, ohne medizinische Versorgung –, der stirbt an der Gewalt, die sich im Lager verbirgt. Aber natürlich: Es gab Sadismus in seiner ganzen Bandbreite. Dabei spielt das Situative eine Rolle – also die Möglichkeit des Quälens und Mordens. Das erklärt auch, warum diese Leute nach 1945 relativ lautlos in der Gesellschaft verschwunden sind.

Warum wurde das Konzentrationslager in Mauthausen errichtet?

Schon im 18. Jahrhundert wurde Wien mit Granit aus Mauthausen versorgt. Wien hatte einen eigenen Steinbruch hier erworben – den Wienergraben, jenen Steinbruch, oberhalb dessen das Konzentrationslager errichtet wurde. Wann die Entscheidung für Mauthausen fiel, ist nicht genau bekannt.

Himmlers Plan war ja auch, dass er mit der SS Geld verdient. Waren es primär ökonomische Gründe, warum das KZ Mauthausen errichtet wurde?

Da muss man aufpassen. Die Konzentrationslager wurden zur Machtsicherung errichtet. In Deutschland gab es bis 1938 in jeder Region ein Lager für die politischen Gegner – insgesamt vier. Mit dem Anschluss benötigte man auch für die „Volksverräter“ Österreichs ein Lager. Die Ökonomie spielte da noch keine zentrale Rolle, allerdings hat die SS 1937 vor dem Hintergrund der Arbeitskräfteknappheit gemerkt, die Häftlinge könnten auch „sinnvoll“ eingesetzt werden – in Steinbrüchen und Ziegeleien.

Die Nähe zu Hitlers Lieblingsstadt spielte auch eine Rolle, Hitler wollte die Stadt nach seinen Plänen verändern. Aber nicht nur Linz ...

Albert Speer wurde von Hitler beauftragt, Berlin zu Germania umzubauen. Auch dafür benötigte er Naturstein. Also entstanden 1938 zwei Lager: Mauthausen und Flossenbürg. Speers Problem: Seit 1936 waren alle Ressourcen mit der Aufrüstung für den Krieg gebunden. Also finanzierte er Konzentrationslager mit Steinbrüchen, und es kam zu einer Kooperation mit der SS.

Die SS betätigte sich quasi als Arbeitskräftevermittler?

Ich kann den Zweck, politische Gegner mit schwerer Arbeit zu brechen, damit verknüpfen, daraus auch Gewinn zu ziehen. Als Ende 1941 klar war, dass der Sieg über die Sowjetunion nicht so einfach gelingen würde, stellte man sich auf einen Abnützungskrieg ein. Aus den besetzten Gebieten wurden Millionen Arbeitskräfte „rekrutiert“ – für die Landwirtschaft, die Industrie oder den Bau. Mehr als zehn Millionen Zwangsarbeiter gab es im Deutschen Reich, eine Million in Österreich. Doch das waren immer noch zu wenig.

Also hat man die Häftlinge hergenommen.

Um einen Krieg zu gewinnen, benötigt man keine Steinbrüche. Also steckte man die Häftlinge in die Rüstungsindustrie. Alle großen Stammlager bekamen einen Kreis von Außenlagern. Mauthausen hatte am Ende 40 – angesiedelt bei relevanten Industriebetrieben im Zentralraum von Oberdonau und Wien. Ein Sonderfall war Gusen mit seinen Steinbrüchen, das es schon ab 1940 gab. Es war zeitweise größer als Mauthausen, blieb aber dem Stammlager unterstellt. Anfänglich diente es vor allem als Haftraum für die spanischen und polnischen Häftlinge. Alle anderen Außenlager von Mauthausen – bis auf Melk und Ebensee – waren viel kleiner. In beiden Orten sowie in Gusen wurden ab 1944 riesige Stollenanlagen für die Rüstungsindustrie errichtet.

Oberdonau war eines der letzten Gebiete, die befreit wurden, darum kam es zu den Todesmärschen von Häftlingen nach Mauthausen.

Diese Evakuierungsströme der Außenlager gingen Richtung Mauthausen. Die SS hat dann aber in den letzten Tagen das Lager verlassen und die Wiener Feuerschutzwache zur Bewachung der Häftlinge geholt.

Diese ergab sich am 5. Mai. Aber die Amerikaner hatten mit dem, was sie hier vorfanden, nicht gerechnet.

Sie hatten schon viele Tote und Gewalt gesehen, aber das hier war eine spezifische Geschichte. Die Überlebenden waren zerlumpt, halb verhungert, es stank, und überall lagen Leichen, sie wurden ja nicht mehr weggeräumt, wie sonst. In dieser Phase des Zusammenbruchs, wo hunderte Menschen am Tag starben, kamen die Amerikaner. Sie mussten erst die Häftlinge versorgen und alles für die amerikanische Öffentlichkeit und künftige Prozesse dokumentieren.

Warum für die Öffentlichkeit?

In den USA dachten viele, dass die Regierung mit den Gräueltaten in Europa übertreibe, um den Kriegseinsatz und die vielen toten Soldaten zu legitimieren. Darum wurden Korrespondenten eingeflogen, denen die Lager gezeigt wurden, darum hat man die Leichen anfangs auch liegen gelassen.

Auch Einheimische mussten sich das Lager ansehen. Um ihnen zu zeigen, was sie mitzuverantworten hatten.

Das war der Beginn der „Reeducation“ durch die Amerikaner. Sie haben bei der Beseitigung der Leichen möglichst Nazis aus dem Ort geholt, die mithelfen mussten – damit die nicht sagen können, sie hätten das nicht gewusst.

Danach wurde das Lager der Roten Armee übergeben. Der Steinbruch Gusen wurde von der Sowjetunion bis 1955 weiterbetrieben. Wie ging es mit dem Stammlager weiter?

Ab Frühsommer stand es leer. 1946 setzten Bemühungen ehemaliger Häftlinge ein, eine Gedenkstätte zu errichten. 1947 sprachen sie dann erfolgreich bei den Sowjets vor, die im Frühsommer der Republik das Lager übergaben – mit der Auflage, eine würdige Gedenkstätte zu errichten. Sie wurde 1949 eröffnet. Es gab Debatten darüber, wie diese aussehen solle – die einen wollten es abreißen und nur ein Denkmal errichten, andere wollten es erhalten. Letztlich wurde ein Großteil abgerissen, aber die steinernen Gebäude blieben. Das hatte teils banale Gründe: Ein Abriss wäre teuer gewesen.

Wie groß war das Interesse daran?

Es spielte kaum eine Rolle. Der erste Bundespräsident, der nach Mauthausen kam, war 1975 Rudolf Kirchschläger. 30 Jahre, so lange hat das gedauert! Erst Ende der 1970er-Jahre unter Bruno Kreisky rückte Mauthausen zu einem Ort der Erinnerung auf. Allerdings nicht im Konsens mit der Bevölkerung, sondern aus außenpolitischen Gründen. Den Umgang Österreichs damit kann man an den Außenlagern erkennen, die bis in die 1980er-Jahre regelrecht verdrängt wurden.

Welche Bedeutung hat es heute?

Es ist ein wichtiger Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus, aber vor allem ist es im europäischen Erinnerungskomplex ein wichtiger Ort. Die Vermittlung dessen, was hier geschehen ist, verändert sich stetig. Der Diskurs war in den 1980er-Jahren ein anderer als heute. Für die heutige Jugend ist das ein fernes Ereignis, die haben kaum noch mit der Generation zu tun, die das erlebt hat, und darauf müssen Gedenkstätten reagieren. Damals sollte es die Häftlinge würdigen, die hier gelitten haben. Heute ist es ein zeitgeschichtlicher Vermittlungsort, wo es nicht nur um die Opfer geht, sondern auch darum, wie diese Verbrechen möglich waren, wer die Täter waren und wie die Menschen mit und neben dem Lager gelebt haben.

Wie haben sie denn damit gelebt? Die Frage, ob sie davon wussten, sollte ja heute obsolet sein.

Die Frage ist vielmehr: Was tut man mit dem Wissen? Die Gemeinde Dachau war froh, als das Lager errichtet wurde. Man hoffte, dass das lokale Gewerbe davon profitiere. Als die SS begann, alles in Autarkie zu machen, war sie nicht mehr so glücklich. Das Verhältnis zu den Lagern war ambivalent, das galt auch für Mauthausen. Zum einen gab es die Drohkulisse: Wenn du dich aufregst, landest du ebenfalls dort. Zum anderen wurde das Regime dafür bewundert, dass es durchgriff und so etwas wie Ordnung schuf.

Ist das Memorial in Gusen unwürdig?

Hier wurden 35.000 Menschen ermordet. In Osteuropa ist es ein wichtiger Ort, und dann kommen Überlebende und sehen, dass da eine Siedlung steht und das Eingangsgebäude ein Einfamilienhaus mit Schwimmbecken ist. Das löst Irritationen aus. Jetzt stehen aber möglicherweise für die Republik Teile des Lagers zum Kauf an. Der Umgang mit der Vergangenheit wird international genau beobachtet. Und Gusen ist ein Symbol für einen nicht befriedigenden Umgang damit.

Zur Person

Der gebürtige Linzer Bertrand Perz maturierte in der Linzer Fadingerschule und studierte danach in Wien Geschichte. Anfang der 1980er-Jahre wurde er gebeten, über das Außenlager Melk seine Dissertation zu schreiben. Der 62-Jährige hat eine Professur am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien. Er ist zudem Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Zeitgeschichte, Vorstandsmitglied des „Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien“ und des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes.

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Artikel von

Manfred Wolf

Redakteur Magazin, Chef vom Dienst

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