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Steyr

"Unser Land sieht heute anders aus, Gott sei Dank"

Von René Laglstorfer 15. Mai 2019

"Unser Land sieht heute anders aus, Gott sei Dank"
Sabine Gamsjäger vom Dominikanerhaus, Georg Neuhauser von „Uns reicht’s“ im Gespräch mit Raimund Löw (v.l.)

STEYR. Raimund Löw, langjähriger ORF-Auslandskorrespondent, referierte bei Diskussion der Plattform "Uns reicht’s".

Einer der renommiertesten Auslandsjournalisten Österreichs war vor kurzem in Steyr zu Gast: Raimund Löw (67) berichtete für den ORF viele Jahre aus Moskau, Washington, Brüssel und Peking. Im Dominikanerhaus sprach er auf Einladung von "Uns reicht’s – Initiative für eine menschliche Politik" über die Rolle Europas im Konzert der Großen und präsentierte sein aktuelles Buch "Weltmacht China". Im Interview mit der Steyrer Zeitung erzählte der mehrfach ausgezeichnete Korrespondent, Historiker und Politikwissenschafter über Ötzi, der ein Türke war, das Streben nach Glück und warum die Integration von Zuwanderern in den USA funktioniert hat.

OÖN: Viele Menschen haben Angst vor Einwanderung und Überfremdung. Was sagen Sie diesen Menschen?

Löw: Die Menschheitsgeschichte ist eine Geschichte der Veränderung. Migration hat es immer gegeben. Ich war vor kurzem in Bozen und habe mir das Ötzi-Museum dort angeschaut. Seine Vorfahren waren vor 5000 Jahren natürlich Migranten. Seine DNA zeigt, dass Ötzi aus der Türkei stammte. Auch meine Familie kommt aus dem Sudetenland, aus Ungarn und vom Balkan. Das wird in Oberösterreich nicht viel anders sein als in Wien. Aber viele Politiker haben seit meiner Jugend erzählt, Österreich sei kein Einwanderungsland. Auf der Straße hat man dann genau das Gegenteil gesehen: die polnischen Bauarbeiter, die ungarischen Verkäuferinnen und die ägyptischen Zeitungsverkäufer. Es war eine schizophrene Situation, die dazu geführt hat, dass sich die Gesellschaft und die Politik nicht auf die Herausforderungen eingestellt haben, die es bei Migration immer gibt. In Europa haben Länder größere Probleme, in denen es nicht Ein-, sondern Auswanderung gibt. In ganz Osteuropa ist der Verlust an Bevölkerung beträchtlich. Das ist ein wirtschaftliches und kulturelles Problem. In den USA wird niemand sagen, wir sind kein Einwanderungsland.

Aber sagt genau das nicht US-Präsident Donald Trump?

Ja, aber es wird ihm heftig widersprochen. Aber auch er wird nicht sagen, dass Schwarze oder Latinos kein Recht haben, in den USA zu sein. Während es bei uns die Schlussfolgerung gab: Eigentlich dürften die Bosnier und Polen nicht hier sein. Die Migrationskrise war eine einmalige Situation, mit der Österreich aber wunderbar umgegangen ist. Viele in meinem Bekanntenkreis haben syrische Familien betreut – mit guten und manchmal weniger guten Erfahrungen. Aber es ist nicht so, dass das unser Staatsgefüge aus den Angeln gehoben hätte, auch nicht in Deutschland oder sonst wo. Und da denke ich, dass sich die Realität durchsetzen wird. Ja, unser Land schaut heute anders aus als vor 20 oder 50 Jahren – Gott sei Dank –, und damit muss man umgehen.

Woher nehmen Sie den Optimismus, dass die Migrationskrise gut ausgehen wird?

In den USA hat es immer Zuwanderungswellen gegeben. Diese Einwanderer wurden wegen Vorurteilen, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus abgelehnt. Die Protestanten, die die amerikanischen Kolonien gegründet hatten, hegten irrsinnige Widerstände gegen die katholischen Iren. Das hat sich aufgehört. Dann sind die Deutschen gekommen: "Um Gottes willen! Einwanderer, die nicht Englisch als Muttersprache haben – das Land wird untergehen!", hat es damals geheißen. Heute sprechen die Nachfahren der Deutschen Englisch. Die Nächsten waren die Italiener: "Die bringen die Mafia!" Es folgten Chinesen, Japaner und Mexikaner. Die meisten Vorurteile haben sich aber aufgehört.

Warum hat die Integration in den USA funktioniert?

Weil die USA eine vielfältige Gesellschaft sind, die das Selbstverständnis hat: Wir sind nicht eine Nation auf Grundlage einer Rasse, Religion oder Herkunft, sondern aufgrund der amerikanischen Idee der Freiheit, des Strebens nach Glück: Jeder soll das Recht haben, seines eigenen Glückes Schmied zu sein. Das Gegenbeispiel ist Nordkorea, wo ich auch war. Das ist eine total abgeschottete Gesellschaft. Jeder, der von außen kommt, wird als Feind angesehen. Das sind statische Gesellschaften, aber wir sind eine Gesellschaft der Vielfalt. Trotz aller negativen Dinge funktioniert die Demokratie relativ gut. Aber es gibt natürlich ernstzunehmende, gefährliche Tendenzen. Die Kombination aus nationalistischer Volksverführung und autoritären Führerfiguren wie Viktor Orbán, Jaroslaw Kaczynski, Marine Le Pen und auch Donald Trump ist etwas anderes als eine normale konservative Partei. Diese politische Bewegung will die liberale Demokratie und die Vielfalt zerstören.

Wie schätzen Sie die Situation in Österreich ein?

Erinnern wir uns, welche Ängste beim EU-Beitritt Österreichs und der osteuropäischen Länder geschürt wurden. Heute ist jedem klar, dass der gemeinsame Markt eine Erfolgsgeschichte ist. Man kann aber nicht davon ausgehen, dass demokratische Rechte, die erkämpft wurden, für immer da sein werden. Jede Generation muss sie neu erkämpfen.

Ist die Zivilgesellschaft in Österreich stark genug?

Sie ist stark, und wir haben eine unabhängige Presse mit einem selbstbewussten österreichischen Rundfunk. Und ich sage das nicht nur als ORF-Mitarbeiter, sondern im Wissen, was es bedeutet, wenn ein öffentlich-rechtlicher Rundfunk in einem Land gleichgeschaltet wird, wie in Ungarn oder Polen: Das verändert das Klima im Land. In Ungarn glauben viele Menschen, dass es einen Plan der Herren Soros und Juncker gibt, das Christentum mit islamischen Flüchtlingen ertränken zu wollen, weil Fake-News-Produzenten alles überschwemmen und dominieren. Für Österreich wird der Stellenwert des ORF, der nicht das ungarische Staatsfernsehen, sondern die BBC zum Vorbild hat, ziemlich wichtig sein. Aber die Bedrohung ist da. Sollte es ein ORF-Gesetz geben, das Journalisten auswechselt und die ZIB2 und das Ö1-Morgenjournal abschafft, würde Österreich anders werden.

EU-Camp und Europa-Fest

Am Donnerstag und Samstag findet in der Steyrer Enge von 9 bis 13 Uhr ein EU-Camp mit „Botschaftern“ statt, darunter Studenten und Lehrer aus anderen EU-Ländern. Krönender Abschluss ist am Sonntag das Fest für Europa. Um 10 Uhr startet ein Demonstrationszug am Wieserfeldplatz und führt über die Sierningerstraße und den Wehrgraben auf den Stadtplatz, wo ab 11 Uhr die Abschlusskundgebung und das Fest „Ein Europa für alle“ über die Bühne geht. „Wir wollen den Menschen bewusst machen, worum es bei der EU-Wahl geht“, sagt Georg Neuhauser von der Initiative „Uns reicht’s“.

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