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Steyr

Barmherzige Schwestern nehmen nach 171 Jahren Abschied von Steyr

Von Gerald Winterleitner  01. Juli 2020 00:04 Uhr

Barmherzige Schwestern nehmen nach 171 Jahren Abschied von Steyr
Schwester Sophia Mathae (l.) und Schwester Herlinda Ganser übersiedeln am 8. Juli endgültig nach Linz. Damit verlassen nun auch die beiden letzten „Barmherzigen Schwestern“ nach insgesamt rund 170 Jahren die Stadt Steyr.

STEYR. Seit 1849 hatte der Orden unentgeltlich die Steyrer Bevölkerung medizinisch betreut, später gründeten sie die St.-Anna-Schule. Diese bleibt auch nach dem Abgang bestehen.

"Bei diesem Abschied ist viel Wehmut dabei. Aber ich habe mich lange darauf vorbereiten können", sagt Schwester Sophia Mathae. "Ich habe gehört, dass uns manche hier vermissen werden. Aber auch ich werde Steyr, die Umgebung, meine Kollegen und natürlich die vielen Kinder hier vermissen."

Nach 171 Jahren verlässt der Orden der Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul mit Schulende die Stadt Steyr. Nachwuchssorgen und Überalterung sind Grund für diesen Abschied. Seit dem Jahr 1849 waren die Schwestern ohne Entlohnung zuerst für die Betreuung der Steyrer Bevölkerung im einstigen Krankenhaus der Stadt im "Plautzenhof" in St. Anna tätig gewesen. Erst rund 120 Jahre später, als das Spital längst an den heutigen Standort an der Sierninger Straße übersiedelt war, gaben sie dieses Engagement auf. Doch schon 1861 hatten sie zuerst ein Waisenhaus und in Folge eine Privatvolks- und später Hauptschule in Betrieb genommen. Diese werden seit September 2010 von der "Vereinigung der Ordensschulen Österreichs" geführt.

Nur noch ein Orden in Steyr

Nach diesem Abgang und dem im August des Vorjahrs vollzogenen Abschied der Jesuiten verbleiben die Kreuzschwestern als letzter Orden in Steyr. Diese betreiben seit dem Jahr 1932 die Neue Mittelschule "Rudigier" an der Hochhauserstraße hinter dem AMS Steyr.

Die 71-jährige Sr. Sophia ist gemeinsam mit Sr. Herlinda Ganser (79) der kleine Rest dessen, was der Orden der Barmherzigen Schwestern in den vergangenen 171 Jahren in Steyr an Großem aufgebaut hat. Am Sonntag wurde das beliebte Duo bei einer Feier im aufgrund der Corona-Pandemie kleinen Rahmen der St.-Anna-Kirche verabschiedet. Anerkennung und Dank für ihr Engagement erfuhren sie dabei unter anderem von Bischofsvikar Wilhelm Vieböck, Generaloberin Schwester Cordula Kreinecker, Vizebürgermeister Wilhelm Hauser und den Vertretern der Privatschulen. Bis Schulschluss werden die Schwestern noch in St. Anna bleiben, danach übersiedelt die aus Schlägl stammende Schwester Sophia nach Elmberg bei Linz. Die in St. Peter am Wimberg geborene Schwester Herlinda wird künftig in Linz tätig sein.

Abschiedsfest im Oktober

Es seien viele positive Erinnerungen, die sie aus Steyr mit auf ihren künftigen Weg nehmen werde, betont Sr. Sophia: "Aber ich freue mich schon darauf, wenn ich im Oktober zum offiziellen Abschiedsfest der Schule zurück nach Steyr kommen darf." In den 45 Jahren, die sie hier tätig gewesen sei, sei die Region für sie zu einer zweiten Heimat geworden. "Ich erinnere mich noch: Damals waren wir 27 Schwestern. Nun sind wir zu zweit übrig geblieben." Lange Zeit war sie als Lehrerin für Religion und Hauswirtschaft an der Schule im Einsatz. In den letzten Jahren kümmerte sie sich vor allem um alle Angelegenheiten rund um das Schulhaus, übernahm aber auch Tag für Tag viele Dienste in der Kirche.

"Sie war so etwas wie der gute Geist des Hauses", sagt Elisabeth Postlmayr, die Direktorin der Mittelschule. "Der Abschied der beiden Schwestern ist ein schwerer Schlag für uns. Es wird eine große Umstellung werden, wenn wir sie nicht mehr im Haus haben."

Schulbetrieb nicht betroffen

Doch so schmerzlich der Verlust der Barmherzigen Schwestern für Steyr auch sein mag, der Schulbetrieb in St. Anna ist davon zum Glück nicht betroffen: "Schulerhalter ist die Vereinigung der Ordensschulen", sagt Postlmayr, "für uns, die Volksschule und den Hort wird sich also nichts ändern."

Das Wirken der Schwestern

Im Jahr 1679 kaufte die Stadt Steyr in St. Anna den Plautzenhof. Als 1713 die Pest auch auf Steyr übergriff, wurde hier außerhalb der Stadt ein Pestlazarett eingerichtet. Als die Zustände in diesem Spital und Siechenhaus Mitte des 19. Jahrhunderts katastrophale Ausmaße annahmen, wurde es nach jahrelangen Verzögerungen durch den Magistrat ab 1848 vom Vorstadtpfarrer Karl Aigner saniert. Ein Jahr später wurde das Spital neu eröffnet. Steyr übertrug es den Barmherzigen Schwestern als kostengünstigste und fachkundigste Betreuungsvariante. Waren es im ersten Jahr noch sechs Schwestern, so leisteten im Schnitt etwa 30 Schwestern in Steyr Pflegedienst und verzichteten dabei auf Entlohnung. 1916 wurde ein neues, zeitgemäßes Spital gebaut. Die Barmherzigen Schwestern waren aber fast 120 Jahre im Dienst an den Kranken in Steyr tätig, ehe sie diesen 1968 aufgrund von Nachwuchsmangel aufgeben mussten.

Von Pfarrer Aigner wurde 1861 mit Hilfe von Josef Werndls Mutter Josefa in St. Anna auch ein Waisenhaus gegründet, in dem die Schwestern wirkten. 1879 kam eine Volksschule hinzu, nach dem Ersten Weltkrieg eine Hauptschule.

1976 wurde von den Schwestern in St. Anna der Arbeitskreis „Eine Welt“ gegründet. Vom Reinerlös profitierten 60 Entwicklungshilfeprojekte in der ganzen Welt.

Artikel von

Gerald Winterleitner

Lokalredakteur Steyr

Gerald Winterleitner
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