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Steyr

Astrid Miglar: "Veränderungen , eine Beobachtungsstudie"

21. Mai 2020 10:42 Uhr

Würzige Wortwechsel: Zwei Autoren schreiben ab heute online
Astrid Miglar aus Reichraming (privat)

REICHRAMING. Nach Wiederöffnung der Gastronomie gibt sich Astrid Miglar heute einer Beobachtungsstudie hin. Und sie trifft dabei auf den Trenzer. Am Dienstag folgt wieder Franz Brunner in der Reihe "Würzige WortWechsel".

Veränderungen: Eine Beobachtungsstudie!

Da sitzen sie. 
An der Bar. 
Erste Reihe, beinahe fußfrei zur hübschen Bardame und damit direkt an der Quelle zum Glück.

Der Gewissenhafte. 
Der Freiheitsliebende. 
Der Unkomplizierte.
Der Gemütliche. 
Der Trenzer. 

Sie alle sind wichtig, wenn es um die bunte Mischung geht. Keiner kommt ohne den anderen aus. Sie brauchen sich im Verbund. 
Furchtbarer als die anderen Hockersitzer, jedenfalls aber äußerst interessant, ist der Trenzer.

Trenzer, der (Substantiv, maskulin):
Bedeutung allgemein: Weinen, speicheln, sabbern. 
Bedeutung im oberösterreichischen Ennstal: Ein Jammerer, der zu allem seinen Senf gibt, meist jedoch etwas zum Beklagen hat. Er findet kaum Positives an einer Angelegenheit und ist insgesamt kein Freund von Veränderungen.

Der Trenzer mag Beständigkeit, bevorzugt seinen üblichen Sitzplatz im Lokal und kann es nicht leiden, wenn dieser von einem anderen Hintern besetzt wird. Der Trenzer weiß alles. Vor allem besser. Er kennt sich in jedem Fachgebiet aus, kann mitreden. Auch ungefragt. Er ist Techniker, Chirurg, Aktienhändler und Bäcker, obwohl er nichts von allem erlernt hat. Er weiß instinktiv, dass die Vorschläge seiner Mitmenschen von geringem Wert sind. Wird er schließlich zu aktiven Handlungen gezwungen, glänzt er durch faule Ausreden und Flucht, die er mit dringlicher Reisetätigkeit, wichtigen Besorgungen oder überaus aktiver Darmtätigkeit entschuldigt. 
Zusammengefasst: Ein bemerkenswert entzückender Mitmensch, der belächelt und als Unikat bezeichnet wird.
 
Doch nicht nur der Trenzer hat wenig Verständnis für Veränderungen: 
"Der Wirt hat doch erst vor 15 Jahren die Biersorte geändert, warum denn jetzt schon wieder?"

Auch ich bin keine Anhängerin von Veränderungen. 
Was ich liebgewonnen habe, mag ich nicht mehr hergeben, will ich behalten dürfen. Auch Geschmäcker.
"Warum schmeckt das Milcheis einer bekannten Marke nicht mehr so gut wie vor 40 Jahren?"
"Ist das Eis womöglich sogar kleiner geworden? Oder ich größer?" 
"Oder liegt die Geschmacksverschlechterung vielleicht daran, dass ich die ideologischen Werte des herstellenden Konzerns nicht leiden kann?"

Darüber kann ich nun besonders lang und besonders ausgiebig nachdenken, während sich die Gespräche rund um mich um Hundekot, um Haarausfall und das Ende einer Lieblingsserie im Fernsehen drehen. 
Dann stelle ich fest: Denken verändert nichts. Rein gar nichts. Außer vielleicht die Art meiner Gedanken. 
Wenn ich will, dass etwas passiert, muss ich mich trauen, darf mich nicht fürchten. 
Ich muss mutig sein, mich begeistern können. 
Ich darf mich sogar ein bisserl über meine Spontanität freuen und darüber, dass ich ungeheuer draufgängerisch bin und überhaupt eine Entscheidung treffe. 
Und so bestelle ich „Einen Jägermeister bitte!“ und merke umgehend, dass die Veränderung zu meinem üblichen Konsumverhalten dazu führt, dass ich mir ein Versagen prompt eingestehen muss, denn dieser Kräuterlikör ist absolut nicht meine Geschmacksrichtung. Ein Riechen daran genügt, und ich schiebe das Getränk dem Trenzer hin, der sich vor Begeisterung gar nicht mehr einkriegt und bekennt, dass er eifriger Restltrinker ist. Immer schon.

Veränderung, lerne ich, darf also auch durch Versagen bestimmt sein. Zumindest durch Irritation und einer hoffentlich nur kurzfristigen Verschlechterung einer Situation. Eine Veränderung ist nichts Endgültiges, das tröstet mich ganz außerordentlich während sich der Geruch des Kräuterlikörs aus meiner Nase verflüchtigt.

Veränderungen können positiv sein, konstruktiv, ein Weg zum Erfolg, ein Griff ins Klo. Veränderungen gehört unvermeidlich zum Leben. Wir können uns nicht nicht verändern, und das ist gut so, sonst würden Sie diese Kolumne nicht lesen, weil ich sie schlicht nicht geschrieben hätte. 

VerENDErung ist nichts Endgültiges.

Fußnote: 
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit des Textes wurde in der Erwähnung der Hauptpersonen die beinahe ausschließlich männliche Form gewählt. In den meisten Fällen beziehen sich die Angaben daher nicht auf Angehörige beider Geschlechter. Na so was!

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