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Steyr

Astrid Miglar: Geduld & Normalität

14. Mai 2020 10:45 Uhr

Würzige Wortwechsel: Zwei Autoren schreiben ab heute online
Astrid Miglar aus Reichraming (privat)

REICHRAMING. Wie normal Astrid Miglar ist, was sie von dehnbarer Geduld hält und wie es um ihre Jugendsprachkenntnisse steht, erfahren Sie im folgenden Beitrag der "würzigen WortWechsel". Am Dienstag wird sie wieder von Franz Brunner abgelöst.

Strapazierte Geduld, ein wenig Normalität & wild zu verteilende Küsse!

Zuweilen strapaziert die Zukunft unsere Geduld, wobei Geduld etwas ist, das einem nicht unbedingt in die Wiege gelegt wird. Geduld kann man erlernen, indem man Ausdauer zeigt und sich in Gelassenheit übt.

Angeblich!

Was ich mit einem spöttischen „Sehr witzig!“ kommentiere und dazu ungeduldig mit einem Bein wippe. Unterm Tisch. Damit niemand sieht, dass Geduld nicht zu meinen herausragenden Charaktereigenschaften zählt.

Seit Wochen befinden wir uns in einer intensiven Lernphase betreffend Geduld, Durchhaltevermögen und neue Normalität. Ich ahnte bereits zu Beginn, dass es für mich anstrengend werden wird, denn zu den lammfromm-gleichmütigen Menschen gehöre ich nicht. Das beginnt damit, dass ich mit mir selbst nicht besonders geduldig bin. Mit anderen eher. Allerdings gesamt gesehen auch nur so lange, bis mir der Geduldsfaden reißt.

Der Geduldsfaden ist übrigens kein Gummiringerl, das sich gut dehnen lässt. Zumindest meiner nicht.

Beharrlich gebe ich mich der täglichen Arbeitsroutine hin, während im Hinterkopf Vorstellungen zu unmaskierten Treffen mit Familienangehörigen, Freunden und Wildfremden kreisen.

In besonders übermütigen Gehirnzellen manifestieren sich Gedanken an Feste, die gefeiert werden wollen.

Es gibt, ich kann mich dunkel daran erinnern, zahlreiche Vergnügungen, die auf mich warten, z. B. ein herzlich-kreatives Zusammensein mit meiner textQuartett Steyr-Schreibrunde, die ich schon gefühlte Ewigkeiten nicht mehr treffen durfte. Ich vermisse meine drei Vierterl und werde vermutlich bei unserem Wiedersehen vor Glück trunken sein, ohne auch nur ein Schlückchen Alkohol konsumiert zu haben und einen Glücksjodler anstimmen, obwohl ich gar nicht jodeln kann.

Genauso geduldig (zähneknirschend) schiebe ich einige meiner Träume auf. Ein klitzekleines Teilchen Zukunft liegt in Lauerstellung und wartet darauf in Erfüllung zu gehen.

Ich vermute, dass andere Menschen deutlich strapazierfähiger sind als ich. Wer kennt sie nicht die berühmten Worte „Das mach‘ ich, wenn ich in Pension bin, dann habe ich Zeit dafür.“

Derartige Aussagen nötigen mich dazu eine verblüffte Mimik zur Schau zu stellen.  Es kann sein, dass mein Gesichtsausdruck irgendwo zwischen Bestürzung und Verwunderung schwankt, denn mir wäre es einfach zu spät meine Vorhaben auf die Zeit des Ruhestands zu verschieben, weiß ich doch heute wirklich nicht, ob sich meine Zukunft Zeit nimmt und geduldig darauf wartet sich mit meinen kommenden Anliegen zu beschäftigen.

Geduld?

Normalität?

Ich knurre ein bisserl und bewundere ehrfurchtsvoll das Loch, das ich mit bloßen Füßen in den harten Parkettboden gescharrt habe.

Die von mir sehnsüchtig belauerte Eröffnung meines Lieblingsgastgartens, den ich ohnehin viel zu selten besuche, wird nur mehr kurz auf sich warten lassen. Ich schwöre, ich werde zum Stammgast mutieren.

Immerhin, den ersten Haarschnitt nach einer langen Geduldsphase, haben etliche Leserinnen und Leser wohl schon hinter sich.

Ein echtes Erlebnis. Beinahe einem einwöchigen Wellnessaufenthalt gleichzustellen.

Übrigens: Meine Haare wurden während der letzten Wochen von meinem Mann geschnitten. Ich hatte Glück, dass sein Können keinen Ausdruck in dramatisch-avantgardistischen Formen gefunden hat. Ich muss also nicht mit Würde einen besonders kreativen Stil tragen.

Trotzdem: Ich freue mich auf meine Lieblingsfriseurin und werde willig Haare lassen.

Ich warte geduldig auf einen Termin, der mir Normalität verspricht.

Und: Tante Astrid lauert auf die Zeit, in der sie ihre Nichte und die Neffen wieder abknutschen darf. Die Nichte kann lesen. Der große Neffe auch. Im kleinsten Nichtleser lebt meine Hoffnung, denn die Lesebefähigten werden sich beizeiten vorsorglich in die andere Richtung verkrümeln und den Kleinsten seinem Schicksal überlassen, sobald die Tante mit ihrem FIAT Panther anflitzt.

Kluge Kinder!

Doch ich erwische euch alle.

„BOG! Die ist doch nicht normal!“, höre ich ein Flüstern. (*)

Doch, doch, meine Rückkehr zur Normalität startet demnächst, obwohl ich – ganz ehrlich – nicht weiß, wie das gehen soll, denn aktuell fühle ich mich bereits belästigt, wenn sich jemand näher als zwei Meter an mich heranschleicht. Meine soziale Distanzierung ist also inzwischen tief verinnerlicht. Wie wird das erst, wenn meine Arbeitskollegen aus dem Homeoffice wieder zurück ins Büro kommen?

 

(*) „BOG“ ist als frisch kreiertes Jugendwort ein Allroundtalent, in allen Situationen flexibel anwendbar. Die genaue Bedeutung erfrage man bitte bei Schülern des BRG Steyr. 

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