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Steyr

Von der Mandoline zum Feindsender

Von Hannes Fehringer   20. November 2013 00:04 Uhr

Von der Mandoline zum Feindsender
Emmerich Vösl (Bildmitte): Amateurmusiker und Widerstandskämpfer

"Land und Leute Damals" - Gerichtsurteile bestätigen: Beim Steyrer Mandolinenorchester "Arion" zupften nicht nur Musikliebhaber. Obmann Emmerich Vösl und seine Freunde gingen in den Widerstand.

Zäzilia Rohrauer saß acht Monate im Zuchthaus, nachdem sie von einem Sondergericht beim Landesgericht Linz am 4. Juli 1940 nach den Heimtückegesetz verurteilt worden war. Die Steyrerin, Ehefrau des Maschinenschlossers Franz Rohrauer, hatte sich als gestandene Sozialdemokratin den Mund verbrannt, weil sie etwas Abfälliges über die Nazis und deren Drittes Reich gesagt hat. Die mutige Frau, die nach dem Anschluss Österreichs zur "Ostmark" des Deutschen Reiches noch eine eigene Meinung hatte, war nicht die einzige, die mit dem Verbrecherstaat in Konflikt geriet. Auch Florian Schnellinger, Hans Moser, Adalbert Vratny, Ludwig Scheichl, ein gewisser Kinzelhofer und Emmerich Vösl waren Gegner des Regimes und im Widerstand aktiv. Allen gemeinsam ist: Sie waren Mitglieder im Steyrer Mandolinenorchester "Arion", das der Schlosser Emmerich Vösl 1923 als Bestandteil der Arbeiterkultur gegründet hat und das soeben mit einem Jubiläumskonzert im Reithoffersaal seinen 90-jährigen Bestand feierte.

Im Orchester war nur noch ein diffuses Wissen über aufrechte Haltung der Vorfahren gegenüber einem Verbrecherregime in Erinnerung, aber der Verein bemühte sich, Quellen aufzuspüren. Einen Beitrag konnte Otto Treml, Jahrgang 1930 und ehemaliger KPÖ-Gemeinderat in Steyr, leisten. Er hat nicht nur Protokolle beim Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (DÖW) aufgespürt, sondern den damaligen Vereinsobmann Vösl noch als 15-jähriger Bub in dem nach der Befreiung zweigeteilten Steyr persönlich miterlebt.

Treml hat noch immer die Baracke in der Arbeiterstraße vor Augen, in der der Schlossermeister am Metall feilte und schweißte. Schon nach dem Verbot der Sozialdemokratie im Ständestaat sei die Werkstätte nicht nur die Vereinsanschrift für das Orchester, sondern auch die Deckadresse für den roten Untergrund gewesen. "Material für Flugzettel und der Kontakt zu anderen Gliederungen ist über Vösl gegangen", erzählt Treml weiter, was er von älteren Genossen erfahren hatte.

"Vorbereitung zum Hochverrat"

Mitglieder des Mandolinenorchesters waren auch unter den ersten, die es mit der Gestapo nach dem Einmarsch der Hitlertruppen im Jahr 1938 zu tun bekamen. Ludwig Scheichl, ebenfalls ein Mandolinespieler des Orchesters, wurde vom Oberlandesgericht Wien wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" am 2. Juni 1939 zu einem Jahr und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Der 1905 geborene Tapezierer wurde am 4. Oktober 1939 bei der Gestapo angeschwärzt, dass in seiner Wohnung "kommunistische Zusammenkünfte" stattfinden würden. Unter dem Vorwand, in der dortigen Haustrafik Zigaretten zu kaufen, kamen die Männer zu einem anderen Zweck zusammen: Scheichl und Gleichgesinnte versammelten sich regelmäßig vor dem Radio, um anstelle der Reichspropaganda der Nazis die Nachrichten der Sender Moskau und Straßburg zu hören. Im Dezember wurde die Widerstandszelle verhaftet.

Inwiefern die Musiker des Mandolinenorchesters an weiteren Widerstandsaktionen beteiligt waren, vermag auch Treml nicht zu sagen. Die von den Nazis gefassten und hingerichteten Kämpfer hätten auch unter der Folter geschwiegen, zudem hätte sich bei den Steyrer Widerstandsgruppen das Dreiersystem bewährt: Jeder Kampfgefährte durfte nur zwei Verbindungsleute kennen.

Emmerich Vösl und sein Mandolinenorchester traten jedenfalls gleich nach Kriegsende in Erscheinung, woran sich Treml noch ganz genau erinnern kann. Drei Monate lang war die Enns, die durch Steyr fließt, die Demarkationslinie. Die Stadtteile Ennsdorf, Ennsleite und das Münichholz waren als Besatzungszone der Russensektor, hießen "Steyr-Ost" und hatten sogar einen eigenen Bürgermeister. Treml fuhr als Beifahrer in einem Holzvergaser-Lastauto zu den Bauernhöfen des Ennstales und schaffte Milchkannen für eine eilends in der ehemaligen Brauerei in der Pachergasse improvisierten Molkerei an. Bezahlt wurden die Bauern mit Tabak, der in Waggons am Bahnhof liegen geblieben war und als Zahlungsmittel beschlagnahmt wurde. "Wir hatten für jedes Kind zwei Dekagramm Butter. Das war eine große Sache", sagte Treml. Brot wurde aus Hafer gebacken, Pferde geschlachtet gegen den unvorstellbaren Hunger.

Erstes Konzert in "Steyr-Ost"

Der russische Stadtkommandant willigte gerne ein, die Leute in ihrer bitteren Not aufzumuntern: In der ehemaligen Turnhalle des "Deutschen Turnvereines" im Ennsdorf versammelte der Schauspieler Gottfried Treuberg eine Handvoll Mimen für ein Theater. Wenige Wochen nach Kriegsende gab es in "Steyr-Ost" auch das erste Konzert. Mangels Musiker marschierte keine Blechkapelle auf. Aber Emmerich Vösl und seine Mandolinespieler breiteten wieder ihre Notenständer aus.

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