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Steyr 1913: Geheimes Rüsten für den Großen Krieg

Bereits ein Jahr vor dem Attentat auf Thronfolger Franz Ferdinand bereitet sich die Monarchie in Steyr auf den Krieg vor. Die Achse mit Deutschland wird forciert.

Steyr 1913: Geheimes Rüsten für den Großen Krieg

Die Arbeiterwohnhäuser, wie sie 1913 von Oskar Schwer geplant wurden, in einer Ansicht aus dem Jahr 1932. Bild: Stadtarchiv Steyr

Das Jahr 1913 markiert einen Umbruch in der jüngeren Geschichte der Stadt Steyr. Am 12. Juli 1913 wird mit dem Bau der neuen Waffenfabrik auf den so genannten Kammermayr- und Schacherlehnergründen oberhalb des altehrwürdigen Engelhofes und etwas östlich der Ennsleite begonnen.

Der Chronist des illustrierten Steyrer Geschäfts- und Unterhaltungskalenders schreibt dazu: „In der Sitzung des Gemeinderates der Stadt Steyr vom 28. März 1913 berichtet Herr Bürgermeister Gschaider: Gerade heute vor vier Wochen erschienen die Herren Direktoren Schick und Schönauer von der Waffenfabrik und machten mir die überraschende (!) Mitteilung, dass die Waffenfabrik beabsichtige, ihre gesamten Werke zu verlegen. Die Herren verpflichten mich unter Ehrenwort (!), von dieser Absicht niemand außer Vizebürgermeister Fendt und den Stadträten Erb und Gall Mitteilung zu machen.“

So geheimnisumwittert die Planung für eine der größten Industrieanlagen der Monarchie beginnt, wird sie auch fortgesetzt. Die Bevölkerung soll offensichtlich bis zum unübersehbaren Baubeginn im Dunkeln tappen.

Deutsche bauen neue Fabrik

Erst in der Ausgabe vom 13. Juli 1913 vermerkt der „Alpenbote“ in einem unscheinbaren Dreizeiler unter der Rubrik „Örtliches“: „Steyr, am 12. Juli 1913 – Heute wurde der Bau der neuen Waffenfabrikobjekte der Firma Wayss & Freitag aus Wien übergeben.“ Die Redaktion übergeht in dieser Minimalinformation geflissentlich, dass es sich bei Wayss & Freitag um eine der größten Industriebaufirmen Deutschlands mit Zweigniederlassungen in Linz und Wien handelt und dass auch ein deutscher Architekt den Zuschlag für die Planung erhalten hat.

Nur vier Tage später meldet sich die Baufirma selbst in einer kaum zu übersehenden Aufmachung zu Wort. In einer ganzseitigen Anzeige wird der Bevölkerung in großen Lettern klargemacht, was Sache ist: „Es wird bekannt gegeben, dass mit den Bauarbeiten für die neue Waffenfabrik bereits begonnen wurde und das Betreten des Bauplatzes strengstens untersagt ist.“ Ab diesem Zeitpunkt ist in Steyr nichts mehr, wie es einmal war.

In Stuttgart krempelt indes der bereits über 50-jährige Industriearchitekt Philipp Jakob Manz die Ärmel hoch, um sein bisher größtes und innovativstes Projekt ausgerechnet im benachbarten Österreich zu realisieren. Mit der Planung und Bauleitung der Waffenfabrik in Steyr hat Manz endlich jenen Stellenwert erreicht, von dem er lange geträumt hat. Er definiert einen neuen Begriff, der in Zeiten stetig wachsender Kriegsgelüste mehr zählt als jede Ästhetik und Kunstfertigkeit: die „Blitzarchitektur“.

Als Einziger fühlt sich Manz in der Lage, die festgelegte, fast irrational erscheinende Bauzeit von 260 Tagen für die Errichtung von 16 Industrieobjekten auf einer Fläche von 90.000 Quadratmetern in Steyr zu erfüllen.

Zunächst rückt ein Nebenschauplatz in den Mittelpunkt des Interesses – eine Blendgranate, die wahrscheinlich nicht zufällig in jenen Wochen und Monaten die ganze Aufmerksamkeit der Steyrer Bevölkerung von der Waffenfabrik weg- und auf sich ziehen soll: der lang herbeigesehnte Bau des Krankenhauses.

Seit 1863 hat die Steyrer Stadtregierung an diesem Projekt und seiner Finanzierung herumgewürgt. 1913 geht es plötzlich – zur Überraschung vieler Beteiligter – schnell: trotz Geldnöten wird das Spital gebaut. Mit äußerster Anstrengung konnte zumindest der Hauptbau bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 fertiggestellt werden. Die offizielle Eröffnung der gesamten Anlage erfolgte am 18. September 1916.

Zurück zur Großbaustelle „Waffenfabrik“: Der Auftrag zu diesem Mammutprojekt ist ein Glücksfall für Philipp Jakob Manz. Hier kann er alles zum Einsatz bringen, was er in den Jahrzehnten davor in unzähligen Projekten in Deutschland erprobt und entwickelt hat. In Steyr beweist Manz einmal mehr, was er unter „Blitzarchitektur“ versteht. Manz lässt sich auf eine äußerst knappe Planungsphase von vier Wochen ein. In zwei Etappen werden die 16 riesigen Objekte gebaut. Maschinen und Menschen sind nahezu Tag und Nacht im Einsatz. Die Rationalisierung einer Baustelle ist in Steyr auf einem neuen Höhepunkt angelangt. Es gilt, die einzelnen Bauschritte von bis zu 3500 Arbeitern abzustimmen.

Prämie für Rekordbauzeit

Die so genannte „beschleunigte Bauausführung“ wird durch erhöhte Mechanisierung ermöglicht. „Ein Schienensystem von sieben Kilometern Länge erleichtert den Materialtransport, drei Lokomotiven ziehen 260 Loren (kleine Kipp-Waggons, Anm.) über das Gelände, ein Löffelbagger unterstützt den Aushub. Wichtigstes Element der Baustelle und für Zeitgenossen eine Sensation ist die zentrale Betonmischanlage. Ähnlich innovativ ist die zentrale Holzbearbeitungsanlage, die den Gerüst- und Schalungsbau beliefert. Binnen 90 Tagen ist Bau D, die damals größte Shedhalle (shed, engl. für Schuppen, auch Sägezahndach, Anm.) Europas, fertiggestellt.

Da die Werkanlage vorwiegend aus Shedhallen besteht, kann die vertraglich fixierte Bauzeit sogar noch unterboten werden, und sowohl Manz als auch die Baufirmen bekommen eine Extra-Prämie ausbezahlt.

Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang, dass ab Beginn des Ersten Weltkrieges die Steyrer Baustelle großteils einer Strafkolonie ähnelt, in der hunderte von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangene zum Einsatz kommen.

Manz’ Geschäftstüchtigkeit verursacht Ärger bei der österreichischen Kollegenschaft. In einem 1913 gehaltenen Vortrag des österreichischen Ingenieursvereins zum Thema „Moralische und unmoralische Vertragsbedingnisse“ fällt die Aussage: „Es ist eine Schande für den Ingenieur- und Architektenverein, dass unter seinen 3500 Mitgliedern nicht einer als gut genug befunden wurde, die ebenerdigen Glashäusln (Shedhallen in Steyr) zu projektieren.“

Manz lässt sich von diesen Sticheleien nicht beeindrucken und spielt vermutlich auch die dringend notwendigen Planungen für eine großangelegte Arbeiterwohnsiedlung auf der hohen Ennsleite einem deutschen Kollegen zu.

Im Verwaltungsarchiv der Stadt Steyr hat sich ein Akt erhalten, der über das Projekt Auskunft gibt. Aus ihm wird ersichtlich, dass noch Anfang des Jahres 1913 die ursprüngliche Errichtung der Arbeiterwohnhäuser in der Sierningerstraße, also in unmittelbarer Nähe der alten Fabrikobjekte im Wehrgraben, geplant war. Offensichtlich überrascht durch den Standortwechsel für den Neubau der Waffenfabrik, wendet sich die zuständige Abteilung der ÖWG (Österr. Waffenfabrikgesellschaft) an die „Löbliche Gemeinde Vorstehung“ mit der Bitte, die Häuser nunmehr „genau nach den uns bewilligten Plänen auf den so genannten oberen Kammermayrgründen“ erbauen zu dürfen. Auch in diesem Fall erfolgen die weiteren Schritte zur Realisierung des Projektes außergewöhnlich schnell. Hatte es zuvor drei Jahre gedauert, um die Pläne einreichfähig zu machen, gab es für die Planung des Chefarchitekten der Kruppwerke Essen, Oskar Schwer, bereits am 26. September 1913 grünes Licht. In seinen „Erinnerungen“ schreibt dazu Altbürgermeister Julius Gschaider: „Die Arbeiten wurden hierauf sofort mit aller Hast begonnen und der Kälte wegen mit salzgemischtem Mörtel vorangetrieben. Jahrelang waren dann an den Mauern die Flecken des ausschwitzenden Salzes zu sehen.“ Das deutsche Duo Manz und Schwer setzen auf eine Mischung aus Tradition, Modernität, Repräsentanz und Funktionalität, die „niemanden zu angeregten oder zeitverzögernden Diskussionen veranlassen soll“, wie Manz in seinen Memoiren schreibt. Die Bauten der beiden Architekten haben seriellen Charakter. Ihr Stil erscheint neutral und auf seltsame Weise wehrhaft und trutzig. Ein Erscheinungsbild, das später auch den Bauten der NS-Ära zu Eigen sein wird.

Am 26. Mai 1914 schreibt die ÖWG an die Stadtgemeinde: „In Erledigung der hochgeschätzten Zuschrift vom 15.d.Monats beehren wir uns, die Mitteilung zu machen, dass wir mit unserer neuen Fabrik teilweise bis Ende dieses Jahres in Betrieb zu kommen hoffen und auch die neuen Arbeiterwohnhäuser bis zu diesem Zeitpunkt bewohnt sein dürften. (…) Der derzeitige Arbeiterstand unserer Fabrik beträgt 6700 Mann und es sind außerdem 191 Beamte in Steyr in unseren Diensten.“

Bis 24. Juli 1914 ist der größte Teil der neuen Waffenfabrik weitgehend fertiggestellt, sind die Arbeiterwohnhäuser abgenommen und bezugsfertig – gerade rechtzeitig. Am 28. Juni 1914 kommt es zum Attentat von Sarajevo, einen Monat später, am 25. Juli, wird die Generalmobilmachung eingeleitet, drei Tage später beginnt der Erste Weltkrieg.

Zum Autor

Raimund Locicnik ist Stadtarchivar in Steyr, freier Mitarbeiter der OÖNachrichten und Buchautor. Für diese Geschichte hat sich der Historiker tief in die Bestände des Stadtarchivs gegraben – mit Erfolg und teils überraschenden Ergebnissen. Das Beispiel Steyr zeigt, dass der Erste Weltkrieg keine hitzköpfige Vergeltungsaktion nach der Ermordung des Thronfolgers, sondern teils von langer Hand vorbereitet war.

Den Ersten Weltkrieg veranschaulicht

„Der Zweite Weltkrieg kann nicht ohne den Ersten gedacht werden“, sagt Buchautor Hans Magenschab. Mit dem Buch „Der Große Krieg“ legt der ehemalige Pressesprecher des Bundespräsidenten ein Gesamtwerk zur Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts vor. Von Österreich ausgehend, beleuchtet der Autor viele Blickwinkel dieser Katastrophe, die Millionen Menschen das Leben gekostet und Europa grundlegend verändert hat. Was geschah vor 1914? Wer hat den Krieg forciert? Wie erging es den Soldaten an der Front und was dachten die Menschen zu jener Zeit? Diesen Fragen geht Magenschab auf den Grund. Manche Antworten geben prominente Zeitzeugen in Form von Zitaten.

So schrieb zum Beispiel der Literat Thomas Mann in sein Tagebuch: „Eine Weltniederlage der konservativen Geistesrichtung. Es ist auch die meine.“ Den Krieg, seine Schrecken, seine Sinnlosigkeit veranschaulichen dutzende, zum Teil erstmals veröffentlichte Fotos – vom Kaiser bis zum einfachen Soldaten. Von feinen Damen bis zu halb verhungerten Flüchtlingen. Auf den Bildern von der Isonzofront oder vom Karpatenfeldzug ist keine Begeisterung für den Krieg zu erkennen. Daran konnte auch die ausgeklügeltste Propaganda nichts ändern.

Der Große Krieg von Hans Magenschab, 256 Seiten, Tyrolia-Verlag, 39,95 Euro

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Artikel Raimund Locicnik, Martin Dunst 05. Oktober 2013 - 00:04 Uhr
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