Manch Arbeiter gibt auf dieser Baustelle w. o.

Von Stefan Minichberger   13.Oktober 2017

Die Aussicht auf die in der Herbstsonne scheinenden Bergrücken im Nationalpark Kalkalpen ist atemberaubend. Doch dafür haben die Männer um Polier Fritz Garstenauer keine Augen. Sie sind damit beschäftigt, bis zu drei Meter lange Ankernägel in den Hang zu bohren. Diese sollen später jene Stahlschneebrücken festhalten, die Lawinenabgänge auf die einige hundert Meter darunter verlaufende Hengstpass Landesstraße (L550) verhindern sollen.

"Lawinen Oberlaussa" heißt das Projekt, an dem unter der Leitung von Thomas Tartarotti von der Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV) seit Juli 2016 gearbeitet wird. "Im vergangenen Winter sind alleine zwischen 1. und 2. Februar elf Lawinen bis zur Straße abgegangen", sagt Tartarotti. Die Arbeit der Lawinenkommission sei schwierig. "Nachdem die Straße wieder frei gegeben war, begann der am Hang liegengebliebene Lawinenschnee nochmals zu rutschen. Ein vorbeifahrendes Auto entging nur um Haaresbreite der Schneemassen", sagt der Projektleiter.

Wichtige Verkehrsverbindung

Die L550 gilt als wichtige überregionale Verbindung zwischen dem südlichen Ennstal, der Unterlaussa und dem Windischgarstner Becken. "Viele Pendler sind hier unterwegs. Durch die Schichtbetriebe der Unternehmen auch nachts", sagt Tartarotti. Im Projekt Lawinen Oberlaussa sollen die gefährlichsten Lawinen nun verbaut werden. 4,25 Millionen Euro sind dafür veranschlagt.

Die Verbauung für die Lawine Schneelahn Süd soll noch diesen November abgeschlossen sein. Dafür gibt der sechsköpfige Trupp auf der Baustelle alles. Die Männer stehen auf einem Berggerüst. Der Hang hat eine Neigung von bis zu 55 Prozent. "Manch ein Arbeiter hat auf solchen Baustellen schon w. o. gegeben", sagt Tartarotti lächelnd. Schon der Aufstieg zur Baustelle ist beschwerlich. In den ersten drei Wochen hat Garstenauer mit einem Kollegen in Serpentinen einen schmalen 700 Meter langen Weg gegraben und befestigt. Maschinen und Baumaterial werden mit dem Hubschrauber auf den Berg gebracht. Die Teile der Stützverbauungen werden dann zentimetergenau auf die Fundamente gesetzt. da ist nicht nur Maßarbeit beim Piloten gefragt. "Schon bei den Fundamenten ist ganz exakte Arbeit nötig, weil es keinen Spielraum gibt", erklärt Garstenauer. Da hilft es, dass sein Team seit Jahren eingespielt und erfahren ist.

Wald aufgeforstet

Das Projekt umfasst aber nicht nur Bauarbeiten. Der Wald soll auf einer Fläche von 4,3 Hektar aufgeforstet werden. Deshalb wurden bereits Gleitschneeböcke aus Holz in den Hang geschlagen. Sie sollen die Jungpflanzen schützen. "Wildverbiss, Borkenkäfer und Windwurf haben dazu beigetragen, dass sich der Zustand des Waldes extrem verschlechtert hat und er nur noch wenig vor Lawinen schützt", sagt Tartarotti. Gerade Tannen seien vom Wildverbiss betroffen. "Das Bejagen dieses schwer zugänglichen Geländes ist aber schwierig", weiß der Projektleiter.

Funktion alter Bauten lässt nach

Gleich neben der Baustelle ist eine alte Lawinenverbauung zu sehen. "Sie stammt aus dem Jahr 1956. Zwei Jahre zuvor gab es in Vorarlberg ein großes Lawinenunglück mit 125 Toten, das den Anschub für viele Schutzbauten gab", sagt der gebürtige Tiroler. Die Funktion dieser Anlagen lasse nach 60 Jahren aber stark nach.

Die Geschichte der WLV startete freilich früher. 1884 wurde sie als Dienststelle des k. k. Ackerbauministeriums gegründet. Noch heute ist sie Teil des Landwirtschaftsministeriums. Die altehrwürdige Falkenhayn-Sperre in Hallstatt war eine der ersten Baumaßnahmen im Gründungsjahr. In Hallstatt betreibt die WLV am Mühlbach derzeit auch eines der größten Bauprojekte in Oberösterreich.

 

Wildbach- und Lawinenverbauung in OÖ