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"Hitler hat die Karriere unseres Vaters ruiniert"

STEYR. Josef Moser war 1938 Chefredakteur der Steyrer Zeitung, als er von den Nazis nur wenige Stunden nach dem "Anschluss" verhaftet wurde und später ins KZ Dachau kam - seine Kinder Martina und Wolfgang erinnern sich.

"Hitler hat die Karriere unseres Vaters ruiniert"

Lina, Hildegard, Wolfgang und Josef Moser im Jahr 1942, Martina kam später zur Welt Bild: privat

Rund 1000 Österreicher waren im ersten Konzentrationslager (KZ) Hitler-Deutschlands im Münchner Vorort Dachau eingesperrt – vom Bundeskanzler abwärts bis zu einem obdachlosen Korbflechter, Priester, Gendarmen, Politiker und Journalisten. Einer von ihnen war der damals 34-jährige Chefredakteur der Steyrer Zeitung, Josef Moser. Er erfuhr vor genau 80 Jahren die Brutalität des verbrecherischen NS-Regimes am eigenen Leib.

"Hitler hat die Karriere unseres Vaters ruiniert"

Information über KZ-Einlieferung

 

"Dreimal in nur einer Nacht ist die SS mit Gewehren bewaffnet zu uns nach Hause gekommen, hat einen Mordszirkus gemacht und unsere Wohnung verwüstet", sagt Wolfgang Moser im Gespräch mit der Steyrer Zeitung. Er war gerade einmal vier Monate alt, als sein Vater Josef in der Nacht zum 14. März 1938 – wenige Stunden nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland – verhaftet wurde.

"Torturen und Sadismen"

Seine Mutter Lina erlitt durch den Schock eine Hormonstörung. Ihre Muttermilch versiegte, und sie konnte ihren Säugling nicht mehr stillen. Der Ernährer einer vierköpfigen Familie, der als Obmann des christlichen Turnvereins Steyr und besonders als Journalist immer wieder vor dem Nationalsozialismus warnte, kam ohne Nennung von Gründen zuerst in das Steyrer Polizeigefängnis und von dort in das Gefängnis des Steyrer Kreisgerichts in der Berggasse.

"Hitler hat die Karriere unseres Vaters ruiniert"

Sitz der Steyrer Zeitung am Stadtplatz 2

Sechs Wochen später, am 30. April 1938, wurde Josef Moser "im Auftrag der Gaupresseleitung der NSDAP" als Chefredakteur der mittlerweile gleichgeschalteten Steyrer Zeitung samt Dienstwohnung, in der seine Frau und seine zwei kleinen Kinder lebten, gekündigt. Die zynische Begründung: "Er ist ja nicht zur Arbeit erschienen." Dazu schrieb Josef Moser in seinen Lebenserinnerungen: "Jemand der Freiheit zu berauben und ihm diese Beraubung dann auch noch als Schuld anrechnen."

"Hitler hat die Karriere unseres Vaters ruiniert"

Die verlorene Dienstwohnung

 

Drei Wochen später, am 23. Mai 1938, wird er in das Linzer Polizeigefängnis überstellt und von dort in einem Güterzug mit vielen weiteren Gefangenen als "Schutzhäftling" in das KZ Dachau gebracht. "Jeder kam von den Schlägen mit aufgeschwollenem Gesicht in Dachau an. (...) Ich hätte es als eine Beendigung der Qual betrachtet, wenn man mich niedergeschossen hätte", schrieb Josef Moser später. "Da ist unserem Vater bewusst geworden: Jetzt bin ich ein vogelfreier Sklave, aller Rechte ledig, der bösartigen Willkür der SS, ihren Torturen und Sadismen ausgeliefert", sagt Martina Riepl, jüngste Tochter von Josef Moser. Als politischer Gefangener erhielt der überzeugte Christ die KZ-Häftlingsnummer 14.259 und erfuhr nach neun Wochen in drei Gefängnissen erstmals den Grund für seine Inhaftierung: Er sei ein "Hetzpropagandist".

Die Zeit im KZ bedeutete katastrophale Lebensbedingungen: körperlich schwerste Zwangsarbeit, täglich stundenlanges Appellstehen, Hunger, Erschöpfung, miserable hygienische Bedingungen, Aussichtslosigkeit. Viele wurden krank und starben.

"Hitler hat die Karriere unseres Vaters ruiniert"

Josef Moser überlebte und wurde wie durch ein Wunder nach rund 14 Wochen am 13. September 1938 enthaftet. "Vom Lagerführer erhielten wir die Warnung, daheim über die Vorgänge im KZ nichts zu berichten, da uns sonst die Gestapo wieder herbringen würde", schrieb Josef Moser in seinen Lebenserinnerungen.

"Hitler hat die Karriere unseres Vaters ruiniert"

Josef Moser vier Jahre nach der KZ-Haft

Volkssturm und Todesmärsche

Zu Hause in Steyr durfte er seinem früheren Beruf als Journalist nicht mehr nachgehen. Obwohl er als Dachauer gebrandmarkt war, fand er eine lebensnotwendige Anstellung als Buchhalter bei einer kleinen Steyrer Bürstenfabrik. Allerdings ordnete die NSDAP eine radikale Gehaltsminimierung an. Durch Latein-Unterricht konnte er seine Familie über Wasser erhalten. "Ich bin in einer Schimmelburg aufgewachsen. Meine Eltern haben sich nie mehr wirtschaftlich erholt", sagt Martina Riepl. Der Prokurist der Bürstenfabrik, laut Wolfgang Moser "ein edler Nazi", setzte sich lange erfolgreich dafür ein, dass Josef Moser nicht an die Front kam. Anfang 1945 wurde er doch noch in den Volkssturm eingezogen und Zeuge der Todesmärsche von KZ-Häftlingen durch Oberösterreich.

"Hitler hat die Karriere unseres Vaters ruiniert"

Josef Moser in den 1980ern

 

"Hitler hat die Karriere unseres Vaters gründlich ruiniert und seine Gesundheit nachhaltig geschädigt", sagt Riepl. In seinen ursprünglichen Beruf als Journalist hat Josef Moser bis zu seinem Tod 1986 nie mehr zurückgefunden.

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Artikel René Laglstorfer 13. August 2018 - 04:17 Uhr
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