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Salzkammergut

"Österreich ist Europas Mobbing-Land Nummer 1"

Von Gary Sperrer   10. September 2018 06:41 Uhr

"Österreich ist Europas Mobbing-Land Nummer 1"
Der Polizist und Gewaltpädagoge Alexander Geyrhofer aus Schörfling

SCHÖRFLING AM ATTERSEE. Ein Schörflinger Polizist hat mit "PädagogIn – ein harter Job" sein erstes, extrem aufrüttelndes Buch veröffentlicht.

Der 54-jährige Schörflinger Alexander Geyrhofer hat ein vielseitiges Betätigungsfeld: Er ist Polizist, Gewaltpädagoge, diplomierter Sozialpädagoge, zertifizierter Suchtpräventionsexperte, interkultureller Konfliktmanager, Peersupportbeamter der Polizei – und auch Buchautor. Sein im Studia Universitätsverlag Innsbruck erschienenes Werk "PädagogIn – Ein harter Job" berichtet davon, dass das Anforderungsprofil, das an eine Lehrkraft der Gegenwart gestellt wird, weit von der eigentlichen Aufgabe eines Lehrers entfernt ist. Geyrhofer sprach über seine Erfahrungen mit den OÖN.

 

Salzkammergut-Nachrichten: Seit wann beschäftigen Sie sich mit Gewaltprävention – vor allem auch an Schulen, wo Sie ja viele Vorträge halten?

Alexander Geyrhofer: Ich beschäftige mich seit dem Jahr 2000 mit Prävention in den Bereichen Sucht, Gewalt und Cybercrime und war in den letzten sechseinhalb Jahren hauptsächlich in diesem Bereich tätig, weil ich beim Landeskriminalamt war. Dort durfte ich dieses Sachgebiet für Oberösterreich leiten und war auch Bundestrainer für "Click & Check", ein Präventionsprojekt, das die Oberösterreicher erfunden haben.

Worum geht es dabei?

Um Internet-Gefahren für Kinder und Jugendliche. Wir sind in Schulen unterwegs, veranstalten Elternabende und Lehrerfortbildungen.

Hat sich in diesen 17 Jahren etwas zum Positiven verändert?

Was wir machen, ist eine Sisyphusarbeit. Es gibt viel zu wenige Präventionsbeamte in Relation zu den vielen Schülern. Der Bezirk Vöcklabruck hat ungefähr so zwischen 180 und 200 Klassen der achten Schulstufe. Wenn man in jede einzelne davon hineingehen und das Projekt machen möchte, bräuchte man unzählige Präventionsbeamte. Es gibt aber im Bezirk nur zwei.

Um die Projektinhalte unter die Leute zu bringen, haben Sie also Ihr Buch geschrieben.

Genau. Ein Bereich daraus: Eine der größten Herausforderungen ist Cybermobbing, und Österreich gilt laut OECD als Mobbing-Land Nummer 1 in Europa.

Woran liegt das?

Das kann unter Umständen daran liegen, dass wir seit 2000 Prävention machen und die Schüler zu dem Thema sensibilisieren. Und wenn man einen Sensibilisierten fragt, ob er schon einmal Mobbing erlebt hat im schulischen Bereich, dann sagt der natürlich eher "ja" als jemand, der nicht weiß, was Mobbing ist. Im Zuge meiner Erfahrungen mit den Lehrerinnen und Lehrern bei Fortbildungen oder Vorträgen habe ich sehr viel Dankbarkeit erfahren über Informationen, wie man Mobbing klären kann und vor allen Dingen, was zu tun ist, wenn etwas mit Cybermobbing läuft oder wie man überhaupt Gewaltentwicklung an Schulen vermeiden kann oder wie es gelingt, Aggressionen herauszunehmen. Wir haben festgestellt, dass es im Ausbildungsbereich bei den Lehrkräften dazu nichts gibt. Es hat sich ja in den letzten Jahren massiv etwas verändert – allein was sich im Bereich Smartphone abspielt, wie viele Lehrer gemobbt werden, wie viele Schüler fertiggemacht werden und wie viel Leid entsteht, bis hin zu Suiziden. Und so habe ich mir gedacht, ich schreibe das alles in einem Buch zusammen.

An wen konkret richtet sich das Buch?

Prinzipiell an alle, die erziehend und pädagogisch unterwegs sind. Es ist auch interessant für Kindergärtnerinnen oder für Horte. Mir ging es darin nicht um ultimative Lösungen, sondern um zusätzliche Handlungsoptionen: Was kann ich machen? Und ich weiß, dass das, was ich in das Buch hineingeschrieben habe, funktioniert. Weil ich es selbst ausprobiert habe. Und das mit großem Erfolg, weil ich selbst viele Mobbing-Situationen klären konnte. Es haben viele Eltern angerufen und zu mir gesagt: "Ich weiß zwar nicht, was du gemacht hast, aber unser Kind ist heute zum ersten Mal von der Schule heimgekommen und hat wieder ein Lächeln im Gesicht gehabt. Das sind wunderbare Erfolgsgeschichten, die ich da erleben habe dürfen.

Sie sind ja auf der Polizeiinspektion Schörfling tätig. Sind solche Themen auch Teil Ihrer täglichen Arbeit?

Ja, massiv. Ich habe bereits ein zweites Buch in Arbeit, das im Frühling herauskommen soll und vermutlich "Cyber-Kids" heißen wird. Darin werden all jene Cyber-Probleme geschildert, die sich für unsere Gesellschaft durch das Internet ergeben haben, beispielsweise "Sexting", also Nacktfoto-Verschicken – dann hat das die ganze Schule. Dazu "Sextortion", wo es um Erpressung geht. Es werden dabei Beträge erpresst, wo es heißt, wenn nicht überwiesen wird, steht das Video am nächsten Tag online. So etwas gibt es laufend. Überall. Da braucht es noch viel Aufklärung. Und deshalb habe ich auch mein zweites Werk verfasst.

Wurden Sie selbst je gemobbt als Polizist oder Privatperson?

Ich habe einen anderen Zugang zu dem Thema, denn ich war selbst als Kind einmal in einem Kinderheim. Das war auch nicht unbedingt ein Honiglecken, und ich habe Gewalterfahrungen gemacht. Vielleicht bin ich genau deswegen so sensibel und habe den Gewaltpädagogen-Lehrgang gemacht. Ab dann habe ich viel mehr verstanden, was sich in einem Menschen abspielt. Und ich lerne nach wie vor nicht aus. Ich bin selbst vierfacher Vater.

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