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Salzkammergut

Ein Tag, an dem tatsächlich eine Sonne unterging

Von Von Gary Sperrer   18. August 2010 00:04 Uhr

Ein Tag, an dem tatsächlich eine Sonne unterging
Entsetzen, als die Todesnachricht die Mitschüler erreicht

Auf dem großen Gmundner Hausberg, dem Traunstein, wurden seit Beginn der Aufzeichnungen – dem 15. August 1898 – mehr als 120 Todesopfer gezählt. Die meisten davon durch Absturz auf Kletterrouten, etliche andere durch Lawinenabgänge oder Herzversagen.

In den vergangenen drei Jahrzehnten gab es 43 Traunstein-Tote, jeder Einzelne ist tragisch, keiner dieser Menschen ist unvergessen. Doch von einem bestimmten Fall wird auch heute noch oft gesprochen, weil es sich dabei um ein ganz besonderes Drama handelte: Genau heute vor 30 Jahren starben die 13-jährige Susanna Mussmann aus Maria Enzersdorf und der 35-jährige Mittelschullehrer Werner Hofmann im Pechgraben auf dem mittlerweile aufgelassenen alten Naturfreundesteig.

Ferien am Traunsee

Susanna war als Mitglied einer größeren Gruppe der Perchtoldsdorfer Jungschar an den Traunsee gekommen, um hier einen Teil ihrer Sommerferien zu genießen. Ihre Eltern hatten zuvor eine Einverständniserklärung unterschreiben müssen, was das Schwimmen im See und das Ruderbootfahren anging. „Aber wegen des Bergsteigens wurden wir nicht gefragt“, sagte Susannas Vater, Hubert Mussmann, dieser Tage im Gespräch mit den Oberösterreichischen Nachrichten.

Blenden wir 30 Jahre zurück und werfen wir einen Blick in die OÖNachrichten-Ausgabe vom 19. August 1980. Damals schrieb Wolfgang Eisl einen Tag nach dem Unglück: „Die Schülergruppe aus Niederösterreich hatte sich auf die Traunsteinbesteigung gut vorbereitet. Die 14- und 15-Jährigen waren auch entsprechend ausgerüstet. Die Schülergruppe aus Perchtoldsdorf und Umgebung war in Begleitung des Mittelschullehrers (Werner Hofmann, der aus der Traunsee-Region stammte, Anm.) am Donnerstag (14. August 1980, Anm.) nach Traunkirchen gekommen. Als Aufsichtspersonen waren noch der Student Bernhard Simon (22) aus Wien, der in der Pfarre Perchtoldsdorf tätig ist, und die Lehrerin Gerda Keusch (22) aus Perchtoldsdorf mitgefahren.“

Nachdem die Gruppe am Wochenende davor den Traunkirchner Sonnstein bestiegen hatte, wollte der Traunstein-erfahrene Hofmann gemeinsam mit Simon die leistungsfähigeren Schüler über den damals noch den Pechgraben hochführenden Naturfreundesteig auf den Berg geleiten. „16 Buben und Mädchen wollten über diesen Anstieg, der einige Trittsicherheit erfordert, mitgehen, während die restlichen neun mit der Lehrerin Gerda Keusch den ungefährlicheren Weg über die Mair-Alm zum Gipfel wählten“, schrieben damals die OÖN. Und weiter: „Gestern Früh fuhren die Schüler mit ihren Aufsichtspersonen in Ruderbooten von Traunkirchen über den See zum Gasthaus Moaristidl. Dort, wo der Naturfreundesteig von der Forststraße abzweigt, trennten sich die beiden Gruppen.“

Damals führte der untere Teil des Steiges noch unterhalb der Steinschlagwand entlang. Hofmann führte die Gruppe an, Student Simon ging als Letzter. Die Schüler berichteten später: „Es wurde getrachtet, dass die Gruppe immer so halbwegs beisammen blieb, deshalb wurden auch öfter Rastpausen eingelegt.“

Im oberen Bereich des Pechgrabens, vor der letzten Spitzkehre und damit eine Kurve vor der letzten „Geraden“ Richtung der mittlerweile abgebauten Lenzinger Leiter, passierte das Unglück: Susanna Mussmann, die an der Spitze der Gruppe marschiert war, verlor an einer ausgesetzten Stelle den Stand und stürzte in die Tiefe. Werner Hofmann schrie noch „Susi!“ und sprang ihr nach, in der verzweifelten Hoffnung, das Mädchen zu fassen zu bekommen.

250 Meter tief abgestürzt

Für die beiden kam jede Hilfe zu spät. Susanna und der Schulprofessor stürzten 250 Meter tief bis oberhalb der Steinschlagwand ab. Sie hatten keine Überlebenschance.

Bernhard Simon schickte drei Kinder zu Tal, um Hilfe zu holen, er selbst blieb bei den anderen Schülern zurück. Neun Gmundner Bergretter und sieben Gendarmen unter dem seinerzeitigen Inspektor Anton Ully stiegen auf und geleiteten schließlich die entsetzte Gruppe hinunter zum Umkehrplatz.

„Wir haben den Kindern gut zugeredet, aber ihnen nichts von den zwei Toten erzählt“, sagt Bergretter Herbert Spitzbart, der damals bei dem tragischen Einsatz dabei war. Für den heutigen Bergrettungs-Ortsstellenleiter Bernhard Ebner, damals 29, war es der tragischste Einsatz seines Lebens: „Unten hat ein Schiff der Traunsee-Schifffahrt die Kinder abgeholt und ist im Nebel weggefahren. Es war gespenstisch und ist für mich unvergessen. Das alles zu sehen und zu erleben, war bisher das Schlimmste für mich.“

Susannas Vater erteilte ausdrücklich die Genehmigung für den Abdruck dieses Artikels. „Die Wunde ist nach wie vor offen und sie wird nie vernarben“, sagt er. „Aber man gewinnt einen Abstand.“

An Susanna Mussmann erinnert heute eine Gedenktafel an der Absturzstelle, die aufgrund der Sperre des alten Naturfreundesteiges nicht mehr zugänglich ist. Ihr Bild auf der Keramikplakette ist mittlerweile von der Sonne ausgegilbt. Doch wer sich an dieses Foto erinnern kann, weiß noch um das strahlende, lächelnde und bildhübsche Gesicht darauf. Susi war – und das ging nicht nur im Gespräch mit ihrem Vater hervor – ein Sonnenschein. Für ihre Eltern, ihren drei Jahre jüngeren Bruder und sicher für alle, die sie kennen durften. An ihrem Todestag ging tatsächlich eine Sonne unter. Das ist der Grund, warum man sich an sie erinnern sollte. Auch 30 Jahre danach.

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