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Salzkammergut

Die älteste Stiege der Welt kommt unter die Säge - sie muss umziehen

Von Klaus Buttinger   04. Mai 2013 00:04 Uhr

Die älteste Stiege der Welt kommt unter die Säge – sie muss umziehen
Hans Reschreiter von der Prähistorische Abteilung des NHM Wien, vor Originalstiege und einem Stiegenmodel 1:10

Wissenschafter suchen in der Schmutzschicht auf den Stufen nach Hautschuppen der bronzezeitlichen Bergleute und wollen DNA für künftige Forschung einlagern.

Die älteste Stiege der Welt muss aufwändig übersiedelt werden. Sie liegt 100 Meter unter Tage im Hallstätter Salzbergwerk und droht letztendlich doch noch ein Opfer des sie konservierenden Salzberges zu werden. Der wird an manchen Stellen zunehmend instabil, weshalb der Bergdruck von allen Seiten auf die Stiege wächst.

Die acht Meter lange und 1,20 Meter breite Treppe ist 2003 entdeckt worden. Mit Hilfe einer Datierungsmethode, die Baum-Jahresringe nutzt (Dendrochronologie), konnten Forscher um Michael Grabner von der Universität für Bodenkultur Wien nachweisen, dass die hier verwendeten Hölzer in den Jahren 1344 und 1343 v. Chr. geschlagen wurden. Zum Vergleich: Die Geburt des ägyptischen Pharaos Tutanchamun wird auf das Jahr 1341 v. Chr. datiert.

Kürzlich kamen in Hallstatt Wissenschafter etlicher Disziplinen unter Federführung der Archäologen vom Naturhistorischen Museums Wien (NHM) zusammen, um die Übersiedlung und den Wiederaufbau der Treppe 2014 ins Schaubergwerk zu planen. Kein leichtes Unterfangen.

Muss das Salz heraus?

Die Stiege ist salzgetränkt. Nur so konnte dessen Holz über die Jahrtausende erhalten bleiben. Zudem zieht sie Feuchtigkeit aus dem Boden. Nun stellt sich die Frage: Soll das Salz(wasser) in der Treppe bleiben oder nicht? Davon abhängig ist die Klimatisierung und Feuchtigkeitsregelung im künftigen Ausstellungsraum. „Trocknet die Stiege aus, wandern die gelösten Salze an die Oberfläche und kristallieren aus“, erklärt Hans Reschreiter von der Prähistorischen Abteilung des NHM. „Die Treppe wäre von einer weißen Schicht überzogen. Außerdem würde der Kristallisierungsprozess Zellen im Holz sprengen.“

Die Wissenschafter diskutieren nach wie vor, ob eine Entsalzung der Treppe in Wasserbädern und eine anschließende Trocknung die bessere Variante wäre, als die Stiege dauerhaft feucht zu halten. Wobei auch diese Möglichkeit Gefahren birgt, nämlich den in und um das Bergwerk vorkommenden Schimmelpilz, der schon bei leichter Temperaturveränderung die Treppe befallen könnte. Ebenfalls noch in Diskussion ist der mögliche Einsatz von Gefriertrocknung. Zuerst allerdings gilt es, die Stiege zu zerlegen und ihre Einzelteile zu dokumentieren. Die Wangen müssen aufgrund der beengten Möglichkeiten zum Abtransport ein- bis zweimal durchgesägt werden. Nach der Demontage wird jedes Einzelteil gereinigt und in einem eigens im Bergwerk installierten Studio hochauflösend fotografiert sowie mittels 3D-Laserscanner abgetastet.

Innenansichten per CT

Erst dann verlassen die Treppenteile in speziellen Transportboxen den Berg. Man will das Zeugnis längst vergangener Tage so lange wie möglich im stabilen Klima des Bergwerks belassen, wo sommers wie winters acht Grad Celsius und eine Luftfeuchtigkeit von rund 60 Prozent gemessen werden.

Im Institut für Werkstofftechnik in Leoben werden die Einzelteile in einen Computertomografen geschoben. Davon erhoffen sich die Forscher unter anderem die Antwort auf die Frage, wie viele Bäume für die Treppen gefällt wurden.

Indes werden im Salzbergwerk die Grabungen in einem Bereich fortgesetzt, wo 1734 der „Mann im Salz“, eine bestens erhaltene Leiche eines Bergmanns, gefunden wurde. „Wir gehen davon aus, dass er dort nicht alleine im Bergwerk war“, sagt der Geschäftsführer der „Salzwelten“, Kurt Thomanek.

Bergbau in prähistorischen Tagen war hoch organisiert

„Das Faszinierende für uns ist, dass wir um diese Zeit hier einen Bergbau haben, der extrem hoch spezialisiert ist und der für jede Tätigkeit eigene Lösungen entwickelt und erfindet. Derartige Treppen gibt es weltweit an keiner anderen Stelle“, erklärt Hans Reschreiter von der Prähistorischen Abteilung des NHM.

Reste ähnlicher, meist kleinerer Treppen wurden an mehreren Orten in den bronzezeitlichen Abbaukammern gefunden, es dürfte sich dabei um die übliche Steighilfe gehandelt haben, über die auch große Lasten über unwegsame Stellen und große Höhenunterschiede unter Tag befördert werden konnten. Reschreiter: „Größere Treppen haben wahrscheinlich als ,Autobahnen’ in den Kammern fungiert. Es sieht so aus, als hätten die Bergleute einfach beschlossen, in einer Richtung noch die nächsten Jahrzehnte zu arbeiten und dorthin bauten sie dann einfach eine Treppe.“

Man stelle sich den prähistorischen Bergbau landläufig oft als „Raubbau“ vor, doch das stimme hier nicht. „Das ist ein Betrieb, der genau weiß, was sein Zielgebiet in den nächsten zwei, drei Generationen ist, und daher so baut, dass über lange Zeiträume sinnvoll produziert werden kann – also ein sehr vorausschauender, extrem hoch organisierter Betrieb“, sagt der Archäologe.

Derzeit versuchen die Forscher mit Hilfe experimenteller Archäologie und Computersimulation dem Alltag im prähistorischen Bergwerk auf die Spur zu kommen. Zu diesem Behufe wurde die Treppe mit damals üblichem Werkzeug nachgebaut.

„Wir haben beispielsweise schon gute Daten darüber, wie lange es damals dauerte, einen Kubikmeter Salz abzubauen“, sagt Reschreiter. Mit Hilfe von Computersimulation und tatkräftiger Mithilfe von Schülerinnen und Schülern zweier Schulen aus der Umgebung wird zu zeigen versucht, wie viele Bergleute zur Bronzezeit im Hallstätter Salzbergwerk möglicherweise gearbeitet haben.

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