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Oberösterreich

Nicht verfügbar: Warum es schon wieder zu Medikamenten-Engpässen kommt

Von Michael Schäfl  18. Januar 2020 00:04 Uhr

Nicht verfügbar: Warum es schon wieder zu Medikamenten-Engpässen kommt
Lieferengpässe und die Suche nach Ersatzpräparaten bedeuten erheblichen Mehraufwand für alle Beteiligten.

LINZ/WIEN. So schlimm wie derzeit sei die Situation noch nie gewesen, sagt Apothekerin Obrecht-Pock aus Walding. Nur mit viel Aufwand lassen sich manche Medikamente noch besorgen.

Als Gertrud F. ihr Päckchen Schmerzmittel in Händen hält, ist sie irritiert. Es ist kleiner und leichter als sonst, statt der verschriebenen 30-Stück-Packung hat sie nur zehn Stück bekommen. Für ihre Monatsdosis von 30 Tabletten zahlt die Pensionistin nun gleich drei Mal die Rezeptgebühr. Ihre Medikamente seien zur Zeit knapp, erklärt und bedauert ihre Apothekerin Sabine Obrecht-Pock aus Walding.

So wie Gertrud F. geht es österreichweit Tausenden Patienten, die auf rezeptpflichtige Medikamente angewiesen sind. 800 Produkte sind laut Apothekerkammer nicht lieferbar. Fast alle Verwendungsbereiche sind betroffen.

Das Phänomen Medikamentenmangel ist nicht neu, die OÖNachrichten haben mehrmals darüber berichtet. Besserung ist leider keine eingetreten. "Seit 30 Jahren arbeite ich als Apothekerin, aber so schlimm war die Situation noch nie", sagt Sabine Obrecht-Pock. "Viele unserer Kunden telefonieren mehrere Apotheken ab, um zu ihrem benötigten Medikament zu kommen." Dieses Prozedere sei mühsam, letztlich aber dann doch zum Glück meist zielführend.

Auch Wolfgang Rizy, Apotheker in Grieskirchen, kennt das Problem: "Dass oft Medikamente fehlen, ist sehr mühsam für Patienten und Apotheker, aber nicht lebensbedrohlich. Mit viel Aufwand lässt sich meist immer noch etwas aus anderen Apotheken organisieren."

Doch warum werden immer wieder bestimmte Medikamente knapp? Die OÖNachrichten gingen auf Spurensuche.

  • Verkauf im Ausland bringt oft höhere Erlöse: "Wir leben in einem Billigpreis-Land. In anderen Ländern wird für Medikamente um einiges mehr bezahlt. Es versteht sich von selbst, wo die Lieferungen der Industrie dann hingehen", sagt Thomas Veitschegger, Präsident der oberösterreichischen Apothekerkammer. "Die Forderung nach Qualität, Verfügbarkeit und Beratung bei gleichzeitigem Preisdumping bringen die Hersteller an die Grenzen des Machbaren", sagt Christian Wurstbauer, Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer.

    Der Dachverband der Sozialversicherungsträger verhandelt mit der Pharmaindustrie die Medikamentenpreise. Dort entgegnet man: "Im Durchschnitt lagen die Preise in Österreich 2015 um 1,5 Prozent über dem EU-Mittelwert."
  • Wie könnte man den Export unterbinden? Das ist gar nicht so einfach. Vom Preisgefälle zwischen Österreich und anderen Ländern profitieren Arznei-Großhändler und nicht zuletzt auch manche Apotheker selbst. Ein Teil der für Österreich bereitgestellten Medikamente wird "über Nebenkanäle", wie es Veitschegger nennt, ins Ausland verkauft.

    "Einige meiner Kollegen kaufen Hochpreis-Medikamente ein und verkaufen sie mit bis zu 50 Prozent Aufschlag weiter nach Deutschland – dann gibt es in Österreich zu wenige Arzneimittel, und die Leidtragenden sind die Patienten", sagt Apotheker Rizy._

    Grundsätzlich ist der Export innerhalb der EU nicht verboten, der freie Warenverkehr gilt. Allerdings ist im Arzneimittelgesetz geregelt, dass die Pharmahersteller, der Großhandel und die Apotheken eine kontinuierliche Belieferung sicherstellen müssen, damit der Bedarf für die Patienten im Inland gedeckt ist.
  • Ausfall durch mangelhafte Chargen aus China oder Indien
    Viele Firmen produzieren nicht mehr in Europa, oft wird ein Wirkstoff nur noch an einem Standort weltweit produziert. "Wenn es dann zu Störungen im Produktionsprozess kommt oder eine Verunreinigung besteht, fallen ganze Lieferungen weg", sagt Thomas Veitschegger. Besonders häufig sei dies bei Medikamenten aus China und Indien der Fall.
  • Wie will man die Situation verbessern? Eine Verpflichtung, dass Hersteller die Nicht-Lieferbarkeit von Medikamenten melden, gibt es nicht. Seit Anfang 2019 setzen sich die Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages), die Apothekerkammer, das Bundesministerium für Gesundheit und Vertreter des Pharma-Handels für ein Frühwarnsystem ein. Auch im Türkis-Grün-Regierungsprogramm findet sich eine solche "Überlegung zur Sicherung der Arzneimittelversorgung".

Ersatzpräparate

800 Produkte sind laut Apothekerkammer derzeit nicht lieferbar. Für jedes nicht verfügbare Medikament gäbe es allerdings ein vergleichbares Ersatzpräparat, sagt Christa Wirthumer-Hoche, die Leiterin der Medizinmarktaufsicht bei der Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, AGES.

Drei Fragen an ... Thomas Veitschegger

Präsident der oberösterreichischen Apothekerkammer

 

1. In Österreich fehlen Hunderte Medikamente. Wann werden diese wieder nachgeliefert werden?

Wann die nächste Lieferung kommen wird, können wir nicht sagen. Die Kommunikation zwischen Herstellern, Pharma-Großhändlern und den Apothekern ist mehr als mangelhaft. Es gibt kaum Angaben, wann, welche und wie viele Medikamente nach Österreich geliefert werden.

2. Wie macht sich das Fehlen der Arzneien bemerkbar?

Der Arbeitsaufwand, den die Apotheker zusätzlich zu leisten haben, ist enorm. Wenn ein Präparat nicht lieferbar ist, müssen sie ein wirkungsgleiches Medikament finden und mit dem Arzt Rücksprache halten, ob sie die Medikamente austauschen dürfen und können.

3. Welche Lösungsansätze für den Engpass gibt es?

Die Kommunikation muss verbessert werden. Eine Meldepflicht bei Lieferengpässen wäre einmal ein Anfang. Zusätzlich sollen Apotheker auch ohne Rücksprache mit dem Arzt gleichwertige Medikamente aushändigen dürfen.

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Artikel von

Michael Schäfl

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