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Sie war die Mama der Linzer Revoluzzer-Szene

LINZ. Am 21. März ist die ehemalige Besitzerin der "Altstadt Diele", Maria "Berger Mami" Jedlitschka, mit 93 Jahren für immer eingeschlafen.

Sie war die Mama der Linzer Revoluzzer-Szene Von Erhard Gstöttner

Maria Jedlitschka (1924-2017) Bild: (Friedl)

Zu ebener Erd’ gab es käufliche Liebe, im ersten Stock bastelten Studenten, Künstler und Intellektuelle Pläne für die Revolution. Mittendrin war die Bauerntochter Maria Jedlitschka, die das Animier- und Revoluzzer-lokal in den Sechzigerjahren von ihrer Mutter übernommen hatte.

Am 21. März ist die ehemalige Besitzerin der "Altstadt Diele" mit 93 Jahren für immer eingeschlafen. Morgen, Dienstag, findet ab 12 Uhr im Urnenhain in Linz-Urfahr die Verabschiedung von der verstorbenen Kaffeehausbesitzerin statt.

Weitum bekannt war das kleine Lokal im Haus Badgasse 16. Der offizielle Name des Gastronomiebetriebs war aber nur wenigen Menschen ein Begriff. Doch als "Berger Mami" war die Gaststätte legendär. "Dort wurde diskutiert, gestritten, gelacht, geblödelt, getrunken, geraucht und geliebt", erzählt die Architekturhistorikerin Edith Friedl, die Anfang der Siebzigerjahre als Kellnerin bei der "Berger Mami" arbeitete.

Der Spitzname des Lokals ging auf die Wirtin zurück. Denn Maria Jedlitschka war als Maria Berger geboren worden, am 31. Jänner 1924 als Bauerntochter in Hagenberg im Mühlkreis (Bezirk Freistadt). Nach der Pflichtschule übersiedelte Maria Berger nach Linz, besuchte dort die private Handelsschule Dr. Gatti und arbeitete als Sekretärin.

Auch Maria Bergers Mutter übersiedelte nach Linz, kaufte das Haus Badgasse 16 mitsamt der bestehenden Gaststätte. Anfang der Sechzigerjahre übernahm Maria Jedlitschka die "Altstadt Diele".

Zentrum der Revolution in Linz

Ende der Sechzigerjahre begann die wilde Zeit der "Berger Mami". Als 1968 auf der ganzen Welt Studenten revoltierten, fand dies in Linz nur zarten Widerhall. Rückblickend wird eine Demonstration gegen eine Fahrpreiserhöhung der damaligen ESG (heute Linz AG) als quasi-revolutionäres Ereignis in Linz gefeiert. An der 1966 eröffneten Universität in Linz-Auhof probten einige Studenten den Aufstand, darunter Christoph Leitl (seit 2000 Präsident der Wirtschaftskammer) und Wolfgang Moringer, der schon seit Jahrzehnten zu den besten Strafverteidigern Österreichs gehört.

Die "Berger Mami" war damals das nächtliche Revolutionszentrum von Linz. Eine bunte Schar versammelte sich im ersten Stock, Künstler wie der Maler Fritz "Rembrandt von Linz" Aigner (1930– 2005), der kommunistische Politiker, Journalist und Schriftsteller Franz Kain (1922–1997), Schauspieler, Musiker, Uni-Professoren, Studenten der damaligen Linzer Hochschulen sowie einige frühreife und aufmüpfige Schüler. Auch der seit 2013 amtierende Linzer Bürgermeister und Ex-Kommunist Klaus Luger (SP) erzählt gern von seinen Nächten bei der "Berger Mami".

"Beste Wirtin aller Zeiten"

So schrill die Gäste und so überschäumend deren Stimmung waren, Wirtin Maria Jedlitschka sei stets gelassen geblieben, erzählt die seinerzeitige Kellnerin und damalige Studentin Edith Friedl: "Maria war die beste Wirtin aller Zeiten. Sie behandelte alle Gäste zuvorkommend, war ,Mama‘, ließ ohne Probleme anschreiben, schlichtete Streit, wurde nie laut, bezahlte mich angemessen – und mochte die Menschen."

Mittlerweile ist aus der "Altstadt Diele" das "El Mariachi" geworden, eine Tequila- und Cocktailbar.

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Artikel Erhard Gstöttner 27. März 2017 - 00:05 Uhr
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