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Oberösterreich

Nach Angriff in Silvesternacht spricht die Mutter: "Mein Sohn braucht Hilfe"

Von Manuela Kaltenreiner  und  Robert Stammler 22. Mai 2019 00:04 Uhr

Nach Angriff in Silvesternacht spricht die Mutter: "Mein Sohn braucht Hilfe"
Schauplatz war der Stadtplatz in Wels

WELS. Messerattacke in Wels: Der beschuldigte 26-Jährige sitzt seit Februar in Untersuchungshaft. Er soll sein Opfer (38) lebensgefährlich mit Messer verletzt haben. Ein Gutachten wird diese Woche erwartet.

Die Bilder der Überwachungskamera zeichneten die Sekunden auf, in denen es in der Silvesternacht in Wels zu einem Gerangel zwischen zwei Männern kam. Dabei soll ein 26-Jähriger seinen 38 Jahre alten Begleiter ohne Vorwarnung mit vermutlich einem Taschenmesser, das nicht gefunden wurde, im Kopf- und Brustbereich lebensgefährlich verletzt haben.

Die Bilder zeigen auch, dass sich die beiden Nachtschwärmer zufällig um 0.30 Uhr vor einem Lokal treffen. Eine Dreiviertelstunde streifen sie gemeinsam über den Stadtplatz, dann kommt es zu dem Angriff, für den sich der 26-Jährige vermutlich bald vor dem Landesgericht Wels verantworten wird müssen. Es wäre dies aber nicht erste Mal, dass der junge Mann vor Gericht steht. Im Oktober 2013 hat er ebenfalls alkoholisiert einem anderen mit einer Bierflasche auf den Kopf geschlagen. Auch diese Tat soll ohne ersichtlichen Grund passiert sein. Das Bezirksgericht Ried bewertete diesen Vorfall als Rauschtat und verhängte eine bedingte Strafe.

Fünf Jahre später sitzt der Beschuldigte in Untersuchungshaft. Mehrere Wochen wurde nach dem Verdächtigen mit Bildern der Überwachungskamera gefahndet. Am 18. Februar ist der 26-Jährige schließlich in seiner Wohnung im Bezirk Grieskirchen festgenommen worden. Zum Motiv sagte der Verdächtige bei der polizeilichen Einvernahme, dass er sich in dem Moment "gefürchtet" habe.

Psychiatrisches Gutachten

Die Staatsanwaltschaft Wels hat ein Sachverständigengutachten bei Adelheid Kastner in Auftrag gegeben, um den psychischen Zustand und die Schuldfähigkeit des 26-Jährigen abzuklären.

Die Mutter des Beschuldigten, die anonym bleiben möchte, hat seit Jahren die Hochs und Tiefs ihres Sohnes miterlebt: "Er hat eine bipolare Störung, die immer schlimmer wurde. Phasenweise war er ganz unten, depressiv, dann wieder in einer Manie ganz oben. Und immer wenn er in einer Manie steckte, hat er seine Tabletten nicht genommen." Dem 26-Jährigen habe die Einsicht gefehlt: "Mein Sohn ist krank, er braucht dringend Hilfe und ich hoffe, dass das Gericht das erkennt." Schon mehrmals sei der 26-Jährige aus unersichtlichen Gründen unter Alkoholeinfluss ausgerastet.

Die Staatsanwaltschaft Wels erwartet noch für heute, aber jedenfalls diese Woche, das psychiatrische Gutachten und wird dann entscheiden, welches Delikt vorliegt und ob Anklage erhoben oder – im Falle einer Zurechnungsunfähigkeit – eine Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher beantragt wird.
 

3 Fragen an ...

die Mutter des 26-Jährigen, der nach dem Vorfall in der Silvesternacht seit 18. Februar in Untersuchungshaft sitzt. Er soll einen 38-Jährigen lebensgefährlich verletzt haben.

1. Wie haben Sie Ihren Sohn vor dem Vorfall erlebt?

Er hat eine bipolare Störung und ist in den letzten Jahren immer mehr in die Manie gekommen. Da meint man als Kranker, es gehe einem sehr gut. Nach einer Depression, als er ganz unten war, kam im Sommer 2016 dann das andere Extrem, eine Manie. Dann ist immer mehr Alkohol ins Spiel gekommen, und da ist dann auch viel passiert, das er nicht mehr unter Kontrolle hatte.

2.Wie geht es Ihrem Sohn in Untersuchungshaft?

Er entwickelt sich sehr gut, geht in die Kirche, spricht mit einem Priester, liest sehr viel. Die Gespräche mit ihm sind extrem positiv. Ich wünsche ihm, dass er erkennt, dass er Hilfe braucht, und diese auch annimmt. Denn er braucht Unterstützung. Ich hoffe, dass er sich mit den Medikamenten gut einstellen lässt, keinen Alkohol trinkt und sich therapieren lässt. Das ist die Einsicht, die er braucht.

3. Was sagt er zu dem Vorfall?

Er möchte nie wieder in die Situation kommen, dass er nicht weiß, was er tut. Für ihn ist das im Nachhinein natürlich ein Thema, und er ist selbst erschrocken, was vorgefallen ist. Er erkennt aber nicht, welches Ausmaß das hat. Für ihn ist das alles verschleiert, er glaubt, das sei nichts Tragisches gewesen. Er bagatellisiert, was typisch für diese Krankheit ist.

Maßnahmenvollzug: „Größte Baustelle der Justiz“

Für Täter mit psychischen Erkrankungen bzw. schweren Störungen sieht das Strafrecht keinen Gefängnisaufenthalt, sondern eine Unterbringung in eine „Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher“ vor. Eingewiesen werden können aber auch zurechnungsfähige Täter, bei denen zu befürchten ist, dass sie aufgrund ihrer Störung erneut schwere Delikte begehen würden. Im Jargon werden diese in Anlehnung an den entsprechenden Paragrafen „21-Zweier“ genannt.

„Der Maßnahmenvollzug für diese Personen ist wohl die größte Baustelle der Justiz“, sagt Professor Helmut Hirtenlehner vom Zentrum für Kriminologie der Johannes Kepler Universität (JKU) in Linz. Denn faktisch seien diese Personen in normalen Gefängnissen, wenngleich auch in eigenen Abteilungen, eingesperrt. Während die Zurechnungsunfähigen in Sonderanstalten, wie zum Beispiel in Göllersdorf in Niederösterreich bzw. im forensischen Zentrum in Asten, betreut werden, passiere für diese Menschen in der Haft „nicht viel an Betreuung“, sagt Hirtenlehner. Denn: „Es gibt nicht die Ressourcen dafür.“

Die Einweisungen sind in der Vergangenheit stark gestiegen, haben sich in den vergangenen knapp 40 Jahren fast vervierfacht. Im Vorjahr befanden sich rund 900 Menschen im Maßnahmenvollzug. Dass Täter, für die eine Maßnahme angeordnet wurde, im normalen Strafvollzug sitzen, sei heikel, sagt der Linzer Strafrechtsprofessor Alois Birklbauer von der JKU. Denn der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) verlange ein „Abstandsgebot“, das heißt: Es müsse einen „deutlichen Unterschied“ zwischen Straf- und Maßnahmenvollzug geben.

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