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Oberösterreich

Mordprozess in Steyr: "Schauen Sie sich das Messer an!"

Von Alfons Krieglsteiner 09. Oktober 2019 00:04 Uhr

Mordprozess Steyr
Der Angeklagte Saber A.

STEYR. Emotionaler Auftakt im Prozess gegen Saber A,. der im Dezember 2018 seine 16-jährige Freundin in Steyr erstochen haben soll.

Der vorsitzende Richter Christoph Mayr streift die Schutzhandschuhe über, dann nimmt er die Tatwaffe, ein Küchenmesser mit 22 Zentimeter langer, verbogener Klinge, in die Hand. "Schauen Sie es sich an!", fordert er den 18-jährigen Angeklagten Saber A. auf. "Nein!", presst er hervor, den Blick auf seine Hände gesenkt.

Wegen Mordes muss sich der junge Mann, der 2016 aus Afghanistan nach Österreich geflüchtet war, verantworten. Am 8. Dezember 2018 soll er seine 16-jährige Freundin Michelle F. im Kinderzimmer in der Wohnung ihrer Mutter in Steyr-Münichholz mit einem Stich in die Lunge getötet haben. Zum Prozessauftakt bekannte er sich gestern "nicht schuldig". Verteidiger Andreas Mauhart stellte einen Tötungsvorsatz seines Mandanten in Abrede.

Eine prekäre Beziehung

Der für zwei Tage anberaumte Prozess findet unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Eine Mahnwache der Identitären nach der Bluttat war dafür ausschlaggebend. Acht Justizwachebeamte sind im Saal, zwei flankieren den Angeklagten. Wie ein Häufchen Elend sitzt er da. Gibt er zunächst auf die Fragen des Richters noch mit leiser Stimme Auskunft, so verstummt er immer mehr, je näher die Einvernahme dem Tatzeitpunkt kommt. "Ich weiß es nicht", "Ich kann mich nicht erinnern", lautet seine stereotype Antwort.

Staatsanwalt Hans-Jörg Rauch hatte eingangs an die Geschworenen appelliert, nach Fakten zu entscheiden, "nicht nach der Stimmungslage im Land." Dann schilderte er die prekäre Beziehung des Angeklagten zu dem späteren Opfer. Saber sei immer dominanter geworden, immer öfter gab es zwischenzeitliche Trennungen. Am Tattag soll ihm Michelle schließlich den Laufpass gegeben haben – dies sei ihr Todesurteil gewesen.

Befragt nach seiner Beziehung zu Michelle, geht Saber aus sich heraus. Er spricht gut Deutsch, den Gerichtsdolmetscher braucht er nur ausnahmsweise. Aus Afghanistan sei er geflüchtet, weil ihn die Taliban rekrutieren wollten. In der Heimat sei er mit einer 14-jährigen Cousine verlobt worden, doch kennengelernt habe er sie nie. In Österreich war er in einem Asylwerberheim in St. Pölten untergebracht. Auf Instagram habe er Michelle kennengelernt. Am 10. Juni 2017 hatten sie am Linzer Hauptbahnhof ihr erstes Date. Bald darauf habe er zum ersten Mal bei ihr übernachtet, ihre Mutter hatte nichts dagegen.

"Herzerl" und "Ich liebe dich"

Saber übersiedelte ins Steyrer Asylwerberheim "Maradonna" nahe der Wohnung von Michelles Mutter. Bald ging er dort aus und ein. Doch Michelle hatte einen großen Freundeskreis. Saber merkte, dass sie auch anderen Männern schrieb, mit "Herzerl" und "Ich liebe dich". Aber sie habe diese Männer nur "verarscht", sagt er. Im November 2018 entdeckte er, dass sich Michelle in sozialen Netzwerken intensiv mit einem anderen Afghanen austauschte. Saber ließ sich im Gegenzug auf eine Wette mit Freunden ein: Er müsse es schaffen, sich mit einem anderen Mädchen auf dem Steyrer Stadtplatz zu treffen, dafür sollte er Schaffleisch für 15 Personen bekommen. Eine Woche herrschte daraufhin Funkstille, dann kamen sich die beiden wieder näher. Am 6. Dezember besuchte er sie daheim, sie zogen sich ins Kinderzimmer zurück – und hatten ab diesem Zeitpunkt keinen Kontakt mehr zu Michelles Mutter und Schwester. Das Paar diskutierte über seine Beziehung, auch Alkohol soll geflossen sein. Schließlich soll Michelle zu ihm gesagt haben, dass sie ihn hasse. Am 8. Dezember gegen 18.30 Uhr kam es zur Tat. Zum Ablauf wollte sich Saber gestern nicht äußern, Richter Mayr zitierte deshalb aus dem Verhörprotokoll: Er hatte angegeben, Michelle ein Messer geholt zu haben, mit dem sie einen Verband an ihrem Fuß habe entfernen wollen.

Im Rausch habe er sich übergeben. Als Michelle das Erbrochene wegwischte, sei er ohnmächtig geworden und mit dem Messer auf sie gestürzt. Als er wieder zu sich gekommen sei, sei sie tot gewesen. Dem widersprach der gerichtsmedizinische Sachverständige Fabio Monticelli: Der Stich sei mit großer Wucht ausgeführt worden, dazu sei man bei einem Ohnmachtsanfall nicht in der Lage.

Saber verbrachte die Nacht neben der Toten, flüchtete dann im Zug nach Wien, wo er sich der Polizei stellte. Im Kinderzimmer fanden die Ermittler Michelles Plüschtier: ein Einhorn, in dem das blutige Messer steckte. Warum er es dort "deponiert" habe? "Ich weiß es nicht." Der Prozess wird heute mit dem psychiatrischen Gutachten von Adelheid Kastner fortgesetzt, dann soll das Urteil fallen.

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Alfons Krieglsteiner

Redakteur Land und Leute

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