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Linz

"Ich kann mich gut in Betroffene hineinfühlen"

Von Julia Popovsky 14. Oktober 2019 00:04 Uhr

"Ich kann mich gut in Betroffene hineinfühlen"
Ohne seinen Unfall hätte sich der vierfache Vater nie für eine Lehre als Orthopädietechniker entschieden.

LINZ/ALTENBERG. Nach seiner Unterschenkelamputation entdeckte Christoph Kellinger den Beruf des Orthopädietechnikers für sich.

Voller Konzentration setzt Orthopädietechniker-Lehrling Christoph Kellinger die Komponenten für eine neue Prothese zusammen. Ein Werkstück, das ihm nicht nur aus seiner Arbeit vertraut ist. Denn seit einem Arbeitsunfall ist seine eigene Unterschenkelprothese sein täglicher Begleiter. Sie ist auch der Grund, warum er heute hier an der Werkbank steht.

Zwei Jahre sind mittlerweile seit dem Unglück vergangen. Der rechte Unterschenkel des ehemaligen Elektrikers musste amputiert werden. Ein Schicksalsschlag, mit dem der 36-Jährige, der kurz nach dem Unfall zum vierten Mal Vater wurde, aber nicht hadert: "Es hätte noch weit schlimmer kommen können."

Aufgeben war keine Option: "Obwohl es am Anfang für die ganze Familie sehr schwer war." So hat sich der mittlerweile vierjährige Sohn zunächst vom Christkind einen neuen Fuß für den Papa gewünscht: "Aber inzwischen gehen auch die Kinder super damit um."

"Ich kann mich gut in Betroffene hineinfühlen"
„Aufgeben war keine Option, obwohl es am Anfang für die ganze Familie sehr schwer war. Aber inzwischen gehen auch die Kinder super damit um.“ Christoph Kellinger, der seit zwei Jahren selbst eine Prothese trägt

"Mir hat der Humor imponiert"

Sechs Monate nach dem Unfall und einen Monat nach der Reha trat Kellinger seine Lehrstelle als Orthopädietechniker bei dem Bandagisten Heindl in Linz an: "Ich wollte einfach so schnell wie möglich wieder Geld verdienen." Der Altenberger, der sich zuvor bei der freiwilligen Feuerwehr und dem Roten Kreuz engagiert hat, wollte sich schon länger beruflich verändern: "Ich wollte auf Rettungssanitäter umsatteln." Doch nach dem Unfall war das keine Option mehr.

In der Reha wurde er dann auf den Beruf des Orthopädietechnikers aufmerksam. "Mir hat der Humor imponiert, mit dem diese Berufsgruppe ihre Arbeit gemacht hat", erinnert sich Kellinger an den Beginn der Überlegungen, sich mit diesem Beruf zu verändern.

Zusätzlich angespornt habe ihn ein Praktikant, der trotz seiner Prothese leichtfüßig auf der Holzbank balanciert hat: "Da habe ich mir gedacht, wenn der das kann, kann ich das auch."

Neben dem Handwerk und dem Arbeiten mit unterschiedlichen Materialien schätzt er – mittlerweile im zweiten Lehrjahr in Ausbildung – an seinem neuen Beruf vor allem eins: "Dass du auf jeden Kunden individuell eingehen kannst."

Dass er selbst eine Prothese trägt, erleichtere oft den Gesprächseinstieg: "Ich kann mich gut in Betroffene hineinfühlen und hoffe, dass ich ihnen helfen kann, das Beste aus ihrer Situation zu machen." So weiß Kellinger nur zu gut, dass Schmerzen aus dem Alltag nicht wegzudenken sind.

Einen Ausgleich findet der 36-Jährige, der kommenden Winter wieder mit dem Snowboarden anfangen will, auch im Sport: "Nach der Amputation habe ich angefangen, Sitzball zu spielen."

Für den offenen Umgang mit seinem Schicksal hat er sich bewusst entschieden: "Ich habe gemerkt, dass sich viele dafür schämen. Und ich denke, das sollten sie nicht tun." Betroffene müssen ihre Prothese nicht verstecken: "Man kann wirklich schöne Cover drauf machen lassen."

Kellinger weiß auch schon, was seine nächste Prothese zieren wird: "Die Zeichnungen meiner Kinder."

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