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"Was man am liebsten tut, macht man am besten"

LINZ. "Forum Creative Industries" bringt Wolf Lotter in die Linzer Tabakfabrik: Er tritt für "barrierefreies Denken" ein.

"Was man am liebsten tut, macht man am besten"

Wolf Lotter ist morgen in der Linzer Tabakfabrik zu Gast. Bild: Sarah Esther Paulus

Bis 11. Dezember macht das von der Creative Region Linz & Upper Austria veranstaltete "Forum Creative Industries" die Linzer Tabakfabrik zur Diskussions- wie Erfahrungsaustausch-Zone für Kreative. Morgen, 7. Dezember, können Interessierte ab 13 Uhr bei den "Open Studios" Unternehmen und kreative Köpfe kennenlernen und ab 18 Uhr Experten zuhören. Einer von ihnen ist der Autor und Wirtschaftsjournalist Wolf Lotter (56), der im OÖN-Interview überzeugt davon ist, dass die wichtigste Innovation wir Menschen selbst sind.

 

OÖNachrichten: Innovation ist wichtig, weil sie uns Menschen vor Stillstand bewahrt. Doch warum wird diese Erneuerung nach wie vor fast ausschließlich mit neuen Technologien verbunden?

Wolf Lotter: Wir leben geistig im Industriezeitalter, und das wiederum ist auf naturwissenschaftliche Erkenntnis ausgerichtet. Das ist ja im Grunde sehr gut, aber es geht heute eben um weit mehr: Welche sozialen und kulturellen Innovationen müssen wir suchen, um in einer Wissensgesellschaft zurechtzukommen, die heute durch die Digitalisierung jeden Tag mehr an Form gewinnt.

Sie sagen, dass diese Verbindung des Innovationsbegriffes mit neuen Technologien verhindert, dass wir uns wirklich verändern. Wie meinen Sie das konkret?

Wer sich auf Technik und Daten konzentriert, denkt immer daran, dass quantitatives Wachstum, also das Denken in immer mehr, besser ist als das, was man hat. In einer gesättigten Gesellschaft ist das aber ein Irrtum. Wissensökonomie besteht aus individuellen Bedürfnissen. Wenn man schon alles hat, will man dass, was für einen am besten passt. Und da gerät die Technik an ihre Grenzen.

Die neuen Technologien haben das Tempo erhöht, in dem wir uns alle bewegen, sagen viele. Wie sehen Sie als Kommunikationsprofi diese Beschleunigung der Information?

Skeptisch, weil es eigentlich nicht um ein generell höheres Tempo geht, sondern um mehr sichtbare Komplexität. Heute ist alles offener und vielfältiger als vor fünfzig Jahren. Das führt dazu, dass man „gleichzeitig“ mehr sieht. Und dann ist man natürlich irritiert. Wir lernen gerade mühsam, mit Vielfalt zurechtzukommen. Das nutzen nun Leute aus, die wieder zurück wollen, nicht nur Donald Trump verspricht ja, dass Weniger mehr ist, das tun ja durchaus umweltbewusste Leute auch. Tatsächlich geht es nicht um Rückbau und Bremsen, sondern um die persönliche Entscheidung, was man auswählt und was nicht. Wir müssen wieder lernen, selbst zu entscheiden.

Was macht die Veränderung im Kopf, also im Denken so schwer, dass wir uns offenkundig so schwer damit tun?

Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht - das ist menschlich. Neues hat immer ein Risiko. Was da ist hingegen kann zwar schlecht sein oder unzureichend, aber es könnte ja noch schlimmer kommen. Wo Menschen in Schulen eher zum Mitmachen abgerichtet werden als zum selberdenken und zum neugierig sein, ist ein solches Ergebnis kein Wunder. Und dann hat man in Firmen und beim Staat Leute, die sollen kreative Lösungen bringen, für die sie ein lebtag lang auf die Finger bekommen haben. Kulturelle Innovationen bestehen darin, dieses Dilemma aufzulösen: Erzieht zur Neugierde!

Ermöglicher sind es, die wir brauchen, sagen Sie. Aber wie viel Ermöglichung lässt unser System überhaupt zu?

Warum ist es eigentlich „unser System“? Wir müssen uns nicht mit gottgegebenen Verhältnissen abfinden, wir können die Welt gestalten und verändern. Und wo steht denn geschrieben, dass man Normen und Verhaltensweisen nicht ändern kann? Die Entwicklung, die Evolution, tut das ohnehin. Was man braucht sind Menschen, die das wissen - am besten Chefs, die andere in die Lage bringen, ihr Potenzial zu entfalten - davon haben alle was. Was man am liebsten tut, macht man auch am besten.

Muss ein Ermöglicher eine Art Rebell sein?

Nein, Rebellen schlagen alles kurz und klein. Ermöglicher sind Führungskräfte, die andere nach vorne bringen - und nicht sich selbst. Leadership bedeutet, aus Menschen mehr zu machen, als sie sich selbst zutrauen.

Wie weit ist die stille Revolution Ihrer Meinung nach schon fortgeschritten?

Weiter als wir glauben. Selbstbestimmung, das zentrale Thema meines Innovationsbegriffs, ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Auch wenn viele es sich nicht laut zu sagen trauen: Aber niemand geht mehr zurück ins Glied und wird reiner Empfehlsempfänger, erst recht nicht die gut ausgebildeten Leute, die in Zeiten, in denen Automaten und Algorithmen die Routinearbeit übernehmen, dringendst gebraucht werden.

Was braucht es in der nahen Zukunft, damit wir als Gesellschaft den Wandel der Zeit auch aktiv mitbestimmen und nicht nur aus der Passagier-Position über uns ergehen lassen?

Die Erkenntnis aus meiner Streitschrift umsetzen: Die wichtigste Innovation des 21 Jahrhunderts sind wir selbst. Dass heißt: Fördern von Selbständigkeit und Selbstbestimmung auf allen Ebenen. Strukturen in Firmen, die Selbermachen fördern statt zu verhindern. Weniger Kontrolle, mehr Zutrauen. Ich rede nicht von blinden Vertrauen. Aber wenn man Leute beschäftigt, die man ständig anweisen und kontrollieren muss, dann stimmt mit dem Chef was nicht. Und in der Gesellschaft ist es auch so. Zuviel Kümmern erzeugt Verkümmerte.

Sie beschäftigen sich lange genug mit der Transformation der alten Industriegesellschaft in die neue Wissensgesellschaft. Was hat ihr Interesse daran ganz persönlich ausgelöst?

Die Erfahrungen, die ich als junger Mensch in Österreich bei der Stahlkrise der 70er Jahre gemacht habe. Da war genug Geld und Unterstützung da, trotzdem hat es unglaublich lange gedauert, bis man sich auf was Neues eingestellt hat - die Voest ist ja ein glänzendes Beispiel dafür, wie sowas richtig gelingen kann. Und die Erfahrung, die ich als Journalist in meiner Branche immer wieder mache: Zuviel Festhalten an dem, was war, zuwenig Mut, neue Wege zu gehen, zuviel Mitmachen und Nachmachen, zuwenig Originalität. Das gilt für Jung und Alt, Links und Rechts gleichermaßen.

Woran haben sie den Ermöglicher in sich erkannt?

Ich hätte den Anspruch bei mir selbst nicht, weil ich außer mir selbst niemanden führe. Aber gutes Leadership gibt es, es ist, wie Warren Bennis einmal gesagt hat, eine Frage des Charakters. Wenn man Menschen mag, was ich tue, dann ist man an deren Entwicklung interessiert und hält auch die unvermeidlichen Rückschläge gut aus.

Kann die Linzer Tabakfabrik in „meiner“ Stadt so ein Ankerplatz sein, an dem auf altem industriellen Boden die neue Kreativität als schöpferische Kraft gefördert wird und gleichzeitig für alle erkennbar ist?

Besser als anderswo. Zukunft braucht Herkunft, das ist in Zeiten der allgemeinen Desorientierung, wo so viel Neues auf einmal zu verstehen und einzuordnen ist, wichtiger als in ruhigen Zeiten. Es war auch in der Industrie der menschliche Geist, der uns Wohlstand gebracht hat. Wir müssen uns vor der Wissensgesellschaft nicht fürchten. Wir müssen nur aufhören, Selberdenken und Kreativität als etwas „Spinnertes“ zu verstehen. Das ist die Normalität. Dass, was zum täglichen Leben und Arbeiten gehört. Eine gewaltige Innovation.

 

Zur Person: Wolf Lotter, 1962 in Mürzzuschlag in der Steiermark geboren, ist seit den 80er Jahren Wirtschaftsjournalist mit dem Schwerpunkt Transformation von der Industrie zur Wissensgesellschaft. Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern des deutschen Wirtschaftsmagazins brand eins. Daneben ist er Vortragender und Buchautor, spricht am 7. Dezember ab 18.30 Uhr in der Linzer Tabakfabrik zum Thema „Die Innovation: Für barrierefreies Denken“.

 

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Artikel Reinhold Gruber 06. Dezember 2018 - 00:04 Uhr
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