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Linz

Soll jeder in Linz gratis mit Bus und Straßenbahn fahren dürfen?

Von Anneliese Edlinger, Herbert Schorn und Reinhold Gruber   13. Dezember 2018 00:04 Uhr

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Bild 1/8 Bildergalerie: Wo gibt es gratis öffentlichen Verkehr?

LINZ. Im Kampf gegen Stau und schlechte Luft will Luxemburg ab 2020 alle öffentlichen Verkehrsmittel gratis anbieten – Eine Idee, die in Linz Befürworter wie Gegner hat

 

Was die Linzer KPÖ-Gemeinderätin Gerlinde Grünn seit Jahren fordert, wird nun in Luxemburg Realität. Die Regierung des Liberalen Xavier Bettel, der vorige Woche als Premierminister vereidigt wurde, will in Luxemburg als erstem Land der Welt alle öffentlichen Verkehrsmittel gratis zur Verfügung stellen, um Autoverkehr und Staus einzudämmen. Eine Maßnahme, die die KPÖ schon 2012 unter dem Titel "Linz fährt frei" auch für die Landeshauptstadt gefordert hat.

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Während Bürgermeister Klaus Luger (SP) und Umweltstadträtin Eva Schobesberger (Grüne) der Idee viel abgewinnen können, ist Verkehrsstadtrat Markus Hein (FP) dagegen. Auch Linz-AG-Chef Erich Haider hält wenig von Gratis-Freifahrt für alle. Interessant ist, dass Christian Gratzer vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ) die Idee ablehnt. Denn der VCÖ ist seit Jahren eine starke Stimme für die Stärkung des öffentlichen Verkehrs.

115 Millionen Euro: So viel würde Nulltarif in Linz kosten
"Wer soll das bezahlen?", fragt Linz-AG-Chef Erich Haider.

115 Millionen Euro: So viel würde Nulltarif in Linz kosten

Wenn jemand bereit ist, die 115 Millionen Euro jährlich zu bezahlen, die die Linz Linien für ihr öffentliches Verkehrsangebot aufwenden müssen, dann könnte man darüber diskutieren, Straßenbahnen und Busse zum Nulltarif für die Bevölkerung anzubieten. Doch Erich Haider, Generaldirektor der Linz AG, vertritt die These, dass all das, was nichts kostet, auch nichts wert ist.

„Trotz Einnahmen von 80 Millionen Euro aus den Fahrkarten bleibt ein Abgang pro Jahr von 35 Millionen Euro, den die Linz AG alleine zu tragen hat“, so Haider.

Erfahrungen von Versuchen in Rom, Lettland oder Estland hätten zudem gezeigt, dass es durch ein „Gratis-Öffi“ zu keiner signifikanten Steigerung von Fahrgästen gekommen sei. „Bei Schlechtwetter sind Radfahrer und Fußgänger umgestiegen, nicht aber die Autofahrer“, so Haider zu den OÖN.

„Weniger als ein Euro pro Tag“

Linz habe zudem einen „sehr freundlichen Tarif“ für das öffentliche Verkehrsnetz. Das 285 Euro teure Umweltticket sei die günstigste Jahreskarte Österreichs. Zudem wisse man aus der Praxis, dass der Fahrpreis nicht das entscheidende Kriterium für die Wahl des Verkehrsmittel in Städten sei. „In erster Linie geht es darum, wie weit die nächste Haltestelle vom Zuhause und vom Arbeitsplatz entfernt ist. Dann ist der angebotene Takt des öffentlichen Verkehrsmittels entscheidend, und erst an dritter Stelle rangiert der Preis“, so Haider.

In Linz sei das öffentliche Verkehrsnetz dicht, es gebe „keinen Ort, der nicht in einem Radius von 300 Metern eine Haltestelle“ habe. 113 Millionen Fahrgäste pro Jahr und 300.000 Kunden pro Arbeitstag würden dies auch statistisch untermauern.

 

Wie Linz bei Versicherungen plötzlich viel Geld spart
Klaus Luger

"Ohne Nahverkehrssteuer nicht möglich"

Klaus Luger: „Ja, sicher wäre das für die Menschen attraktiv“, sagt der Linzer Bürgermeister und SP-Vorsitzende zur Idee, dass auch in der Landeshauptstadt alle öffentlichen Verkehrsmittel jedem gratis zur Verfügung stehen sollten. Allerdings würde dies das Budget der Linz Linien sprengen. Hier auf die Einnahmen durch Ticketverkäufe zu verzichten, sei unmöglich, Gratis-Öffis deshalb „leider kein Thema“.

Die einzige Möglichkeit, so ein Vorhaben zu finanzieren, sei eine Nahverkehrsabgabe. Also eine Steuer, die jedermann zahlen müsse, dafür aber jederzeit und im ganzen Land gratis mit Zug, Bus oder Straßenbahn fahren dürfe. Denn in Wahrheit, so Luger, sei die Sache nur sinnvoll, „wenn sie für das ganze Land gilt.“

 

Hein hält an Seilbahn fest: "Sonst droht uns im Süden ein massives Problem"
Markus Hein, Verkehrsstadtrat

"Gefällt mir so gut wie Freibier für alle"

Markus Hein, Verkehrsstadtrat in Linz, gefällt das Modell der Gratis-Öffis ungefähr so gut wie „Freibier für alle“: „Das einzige Problem dabei: Irgendwer muss am Ende die Rechnung zahlen.“ Nötige Investitionen in das Streckennetz, wie etwa die zweite Schienenachse oder die Verlängerung der Straßenbahn zum Pichlinger See, seien dann nicht mehr finanzierbar – außer man würde neue Steuern einführen: „Und da bin ich dagegen.“ Schon jetzt würden die Linz-Linien an ihre Grenzen stoßen: „Noch mehr Passagiere wären vor allem zu den Stoßzeiten bei den derzeitigen Kapazitäten nicht mehr zu verkraften.“ Die Jahreskarte um 285 Euro sei schon jetzt vergleichsweise günstig: „Für Besitzer des Aktivpasses gibt es zusätzliche Vergünstigungen.“ Sinnvoller als Gratis-Öffis findet Hein Anreize für Fahrgemeinschaften: „Wenn in Linz in jedem Auto zwei Personen sitzen würden, gäbe es statt 75.000 Pendler-Pkws nur 42.000.“

 

Die "Ausheimischen" als Botschafter
Christian Gratzer

"Lieber in besseres Angebot investieren"

Christian Gratzer, Experte vom Verkehrsclub Österreich (VCÖ), hält von den Gratis-Öffis wenig: „Der Preis ist nur ein Argument, warum Menschen zum öffentlichen Verkehr wechseln.“ Viel wichtiger sei es, ein attraktives Angebot zu schaffen: „Was nützt es, wenn Bus und Straßenbahn gratis sind, die Garnituren aber veraltet und überfüllt?“ Entscheidend seien neben einem attraktiven Preis gute Verbindungen, Schnelligkeit und eine hohe Taktfrequenz vom Morgen bis zum Abend: „Wenn die öffentlichen Verkehrsmittel schneller und einfacher sind, wird automatisch gewechselt.“ Das beste Beispiel sei die Schweizer Bahn: „Die ist zwar nicht billig, aber die Qualität ist so hoch, dass das Angebot trotzdem sehr gut angenommen wird.“

 

Job für Frauen im Magistrat sehr attraktiv
Eva Schobesberger

"Da würden sehr viele Leute umsteigen"

Eva Schobesberger: Die Linzer Umweltstadträtin (Grüne) würde den öffentlichen Verkehr in Linz lieber heute als morgen für alle gratis anbieten. Ohne „neue Finanzierungsstruktur“ sei das aber schwer umsetzbar, da die Linz Linien schon jetzt einen jährlichen Abgang von 35 Millionen Euro verbuchen müssten. Außerdem sei die Sache wenig sinnvoll, „wenn die Pendler nicht eingebunden werden“, sagt Schobesberger und ist wie Bürgermeister Luger der Meinung, dass eine solche Gratis-Regelung im ganzen Bundesland gelten solle. Dass das Drehen an der Preisschraube wirke, „beweist das Linzer Umweltticket. Bevor es 2013 eingeführt wurde, hatten 5413 Linzer ein Jahresticket, jetzt sind es 14.010“, sagt Schobesberger.

Zahlen und Fakten

113 Millionen Fahrgäste werden die Linz Linien bis Jahresende 2019 in Linz befördert haben. Das wird ein neues Rekordergebnis sein.

115 Millionen Euro beträgt der finanzielle Aufwand für die Linz Linien jährlich, um das 210 Kilometer lange Streckennetz mit Straßenbahnen und Bussen anbieten zu können. 80 Millionen Euro werden durch den Fahrschein-Verkauf eingenommen.

285 Euro kostet ein Linzer Umweltticket. Dies ist eine Jahreskarte für alle Strecken der Linz Linien. Eingeführt wurde das Umweltticket 2013 auf Drängen der Grünen, seither hat sich die Zahl der Linzer, die diese Jahreskarte kaufen, von 5413 auf 14.010 fast verdreifacht. Es ist die billigste Jahreskarte für ein öffentliches Verkehrsnetz, die es in Österreich gibt. Im Normalpreis kostet die Jahreskarte übrigens 444 Euro. Das Umweltticket können nur Linzer erwerben, die ihren Hauptwohnsitz in der Landeshauptstadt haben.

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