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Philosoph unter den Volleyball-Profis: Diogenes inspiriert Philipp Kroiss

Philosoph unter den Volleyball-Profis: Diogenes inspiriert Philipp Kroiss

Der Ennser Philipp Kroiss wurde mit seinem neuen Verein Amriswil bereits Schweizer Cupsieger. In der Meisterschaft gab es aber nur Rang fünf. Bild: Czerny

ENNS/AMRISWIL. Amriswil sei ein Kaff, sagt Philipp Kroiss. Es habe zwar so viele Einwohner wie seine Heimatstadt Enns, „aber wohl fühle ich mich hier nicht“. Seine Meinung verheimlicht er vor seinen Schweizer Kollegen nicht. Der Bodensee liegt nur vier Kilometer entfernt, wir treffen uns an diesem bewölkten Tag eine Autostunde weiter westlich in Zürich. „Ich bin ein Stadtmensch. Ich vermisse es, wie in Wien einfach durch die Stadt zu spazieren und ins Kaffeehaus zu gehen. Amriswil ist eine Siedlung mit einem Bahnhof.“ Und einem Profi-Volleyballverein.

In Wien lebte der 24-Jährige noch vor einem Jahr. Er spielte bei den Vienna hotVolleys, ehe der Verein in Turbulenzen geschlittert war. Eine Rückkehr zu Hypo Tirol schloss er aus. „Ich dachte, ob ich es überhaupt sein lassen soll mit dem Volleyball.“

Cappucino kostet 6,80 Franken

In der Schweiz fand er bei Volley Amriswil einen Verein, „in einer ähnlich starken Liga wie der österreichischen. Es gibt zwar keinen Ligakrösus wie Innsbruck, dafür kann hier jedes Team jedes schlagen“, erzählt Kroiss und nimmt einen Schluck vom Cappuccino.

Wir sitzen im Cafe Bellevue an der Limmat, der Cappuccino kostet 6,80 Schweizer Franken, umgerechnet 5,60 Euro. Den Schock-Effekt erlebte Kroiss gleich zu Beginn: Ein Kebab um zehn Schweizer Franken, „und dann war der noch grauslich“. Zeit zum Kaffeetrinken und Schweiz-Erkunden hatte er ohnehin kaum. „Mehr als 24 Stunden am Stück hatte ich noch nicht frei.“ Kroiss wurde mit Amriswil Schweizer Cupsieger, die Saison endete vergangene Woche auf dem fünften Platz. „Enttäuschend“, merkt er an.

Diese Woche kehrt der Ennser wieder heim, er spielt ab 1. Mai im Nationalteam, wo er sich hinter Frederick Laure als Nummer-zwei-Libero durchsetzen will. Und dann? „Ich wäre nicht unglücklich, noch ein Jahr in der Schweiz zu bleiben.“ Sein kanadischer Agent blickt sich in Deutschland und Frankreich nach Alternativen um. Was ihn in der eidgenössischen Provinz halten könnte, ist weniger das Klima als der neue Trainer Dario Bettello. „Zuvor hatten wir einen Brasilianer, das war eine Katastrophe. Die Kommunikation klappte überhaupt nicht. Jedes Training endete fast in einer Schlägerei. Das war nicht leicht.“

Mit zwei Brasilianern teilt sich Kroiss die Wohnung. „Die sind nett.“ Die Halle ist nur drei Minuten entfernt. Einen besten Kumpel, den hat er in der Schweiz nicht gefunden. Aber das kommt seinem Bankkonto zugute, wenn das Nach-Trainings-Getränk wegfällt, und dem Fortschritt im Studium.

Mehr verdient Kroiss bei Amriswil nicht als in Wien, obwohl die Lebenshaltungskosten um ein Eck höher sind, „aber unterm Strich bleibt nicht weniger, weil ich nicht weggehe“. Langweilig werde ihm trotzdem nie, erzählt Kroiss, der sich darauf besinnt, „zwei Mal am Tag das tun zu können, was ich am liebsten tu: Volleyball spielen“.

„Geh mir aus der Sonne“

Er wurde zum Bücherwurm. Hermann Hesse fasziniert ihn, aber erst seit dem Start seines Studiums der Kulturwissenschaften an der Fern-Uni Hagen mit Schwerpunkt Literatur und Philosophie. Auf der Rückseite seines rechten Oberarms ließ er sich vor einem Jahr tätowieren. Er verpasste sich eine altgriechische Inschrift. Die Übersetzung lautet „Geh mir aus der Sonne!“ Diogenes soll das im antiken Griechenland gegenüber Alexander dem Großen gesagt haben, als der ihn fragte, ob er etwas für ihn tun könne. Der weise Philosoph beeindruckte Kroiss mit seiner Bescheidenheit. „Seine Aussage heißt auf der einen Seite: Ich brauche nichts, das Materielle ist mir nichts wert. Und es ist eine nette Form, um ,schleich dich’ zu sagen.“

Worauf sich Kroiss zurück in Österreich am meisten freut? „Das Hotel Mama“, antwortet er lachend und fügt an: „Meine besten Freunde und die Kaffeehauskultur. Und dass ich endlich wieder österreichisch reden kann – nicht nur hochdeutsch.“

 

Österreichische Volleyballer im Ausland

Aktuell sind fünf österreichische Volleyballer im Ausland aktiv: Philipp Kroiss (Volley Amriswil, Sui), Thomas Zass (Paris Volley, Fra), Philip Schneider (Montpellier Volley, Fra), Simon Frühbauer (Chemie Volley Mitteldeutschland, D), Peter Wohlfahrtstätter (Topvolley Antwerpen, Bel).

Mit einer Körpergröße von 1,82 Meter zählt Kroiss zu den eher kleinen Spielern. Auf der Position des Liberos ist das inmitten der Volleyball-Riesen kein großer Nachteil. Aber: „Der Markt ist auf dieser Position am größten, da kannst du am wenigsten verdienen.“
 

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Artikel Marlies Czerny aus Zürich 16. April 2012 - 00:04 Uhr
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