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Linz

Kleinwüchsige - „Zwerge soll man bei Schneewittchen lassen“

Von Von Renate Schiesser   28. Januar 2011 00:04 Uhr

„Zwerge soll man bei Schneewittchen lassen“
Ingvild und Michael Fischer sehen das Leben aus anderer Perspektive.

ST. MARIEN. Mit 1,35 Metern gehören sie zu den Großen unter den Kleinwüchsigen. Körpergröße ist für Ingvild und Michael Fischer aber nicht so wesentlich. Mehr als Zentimeter zählt innere Größe. Seit Jahren engagiert sich das Ehepaar für Aufklärung und Respekt und kämpft gegen die Abschiebung ins Märchenland.

OÖN: Wie haben Ihre Familien reagiert, als bei Ihnen Kleinwuchs festgestellt wurde?

Ingvild Fischer: Ich war das erste Kind – meine Eltern waren schon erschüttert. Die Ärzte haben damals zu ihnen gesagt: „Das sind die kleinen Leute, die im Zirkus rumrennen“.

OÖN: Die Ärzte waren offenbar sehr sensibel.

Ingvild Fischer: Das war eben Ende der Sechzigerjahre. Aber es wäre auch heute dringend nötig, Ärzte zu schulen. Im „Bundesverband kleinwüchsige Menschen und ihre Familien“ vermitteln wir Eltern immer wieder: „Ihr Kind ist anders – aber es ist kein Pflegefall!“ Das ist nichts, womit man nicht zurechtkommt. Kleinwüchsigkeit tut nicht weh. Es ist für mich auch keine Krankheit. Man wächst mit dem Kleinwuchs.

Michael Fischer: Obwohl heute mit unserer Form der Kleinwüchsigkeit, der Achondroplasie, die Überlebenschance gering ist – durch Pränataldiagnostik und eugenische Indikation, die Abtreibung bis zum neunten Monat erlaubt. Ich frage mich, wer da Richter ist über Leben und Tod. Denn bei normalem Rumpf und Kopf, aber verkürzten Armen und Beinen zu sagen, das ist lebensunwert, das erinnert mich an eine Zeit, die wir schon einmal gehabt haben.

OÖN: Sie sind anders als die „Norm“. Ist das Belastung oder macht es Sie stolz?

Michael Fischer: Das ist ein Entwicklungsprozess. In Kinder- und Jugendjahren macht es sicher nicht stolz, da ist es Belastung. Sie können sich vorstellen, wie das ist unter Kindern ... Und in der Jugend. Für einen kleinwüchsigen Mann ist auch die Partnerwahl sehr schwierig.

Ingvild Fischer: Ich sehe es als Besonderheit. Eine Besonderheit kann manchmal aber auch anstrengend sein.

OÖN: Was bedeutet Ihre Kleinwüchsigkeit im Alltag?

Ingvild Fischer: Viele Barrieren sind in den Köpfen der Menschen – auch wenn es schon besser geworden ist. Ich musste jedenfalls in der Pubertät nicht wie die anderen etwas anstellen, um aufzufallen. Und dann gibt es natürlich die baulichen Barrieren. Das geht von Schaltern bei Aufzügen über die Pulte in Ämtern bis zu den Stühlen oder dem Kleiderkauf. Dabei gehören wir beide mit 1,35 Metern schon zu den Großen unter den Kleinwüchsigen.

Michael Fischer: Wie Rollstuhlfahrer ihre Barrieren haben, haben wir unsere. Aber heute leben wir in einer Zeit, wo wir mit Innovationen Probleme minimieren können – beispielsweise mit Pedalverlängerung im Auto und ergonomischen Möbeln. Früher hat es nur die Möglichkeit gegeben, in einem Zirkus zu arbeiten. Deshalb hat sich auch dieser Ausdruck „Liliputaner“ so eingebrannt in den Köpfen.

OÖN: Ich nehme an, das wollen Sie am wenigsten von Ihren Mitmenschen hören?

Ingvild Fischer: Ja. Liliputaner und diese Märchenwesen. Man sollte doch die Zwerge bei Schneewittchen hinter den sieben Bergen lassen (lacht).

Michael Fischer: Wir wehren uns auch gegen die Diagnose „Zwergwuchs“. Das ist immer noch verbreitet. Liliputaner, Zwerg – ich kann damit leben. Aber es ist nervig.

OÖN: Hadern Sie manchmal mit Ihrer Kleinwüchsigkeit?

Michael Fischer: Jetzt nicht mehr. In meiner Jugendzeit allerdings schon. Und ich kenne einige, die immer noch damit hadern.

OÖN: Auch als Erwachsene?

Michael Fischer: Ja. Viele wurden auch von ihren Eltern abgeschirmt, die wollen nicht mit anderen Kleinwüchsigen konfrontiert werden. Das wäre wie ein Spiegelbild.

OÖN: Wenn Sie es sich aussuchen könnten: würden Sie lieber anders gewachsen sein?

Ingvild Fischer: Ich bin lieber klein und lebenstüchtig als groß und lebensuntüchtig. Natürlich: Wenn ich nicht kleinwüchsig wäre, würde ich viele Einschränkungen nicht haben. Aber die Sichtweise möchte ich nicht missen. Im Großen und Ganzen kriegst du eine andere Perspektive. Das kann dich reich machen, es kann dich aber auch depressiv machen, natürlich.

Michael Fischer: Wichtiger als Zentimetergröße ist innere Größe. Aber die Frage der Wahl stellt sich für mich nicht mehr in diesem Leben. Ich habe mein Leben eingerichtet als Kleinwüchsiger – ich wäre behindert, wenn es plötzlich anders wäre.

 

Im Verband mit- und füreinander arbeiten

Seit 1992 sind Ingvild und Michael Fischer verheiratet. Für ihn ist die Bayerin nach Nöstlbach übersiedelt. Ihren Dialekt hat sie mitgenommen. Gemeinsam arbeiten die beiden auch im „Bundesverband kleinwüchsige Menschen und ihre Familien“. 1997 hat der heute 49-jährige Mitarbeiter des Stadtamtes Ansfelden den Verein ins Leben gerufen und ist nach wie vor Obmann. Seine sechs Jahre jüngere Frau arbeitet stundenweise im Büro und berät hilfesuchende Eltern. Infos: www.bkmf.at

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