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Linz

"Heimat ist da, wo du dich gut fühlst"

Von Herbert Schorn   31. Mai 2016 00:04 Uhr

"Heimat ist da, wo du dich gut fühlst"
Die 45-Nationen-Schule: So wie Ajsha, Enes, Ella, Sara, Saman, Dzenayla und Boris (v. l.) beschrieben 100 Kinder der Glöckel-Schule in Texten und Bildern, was für sie Heimat bedeutet. Lehrer Martin Egger rief das Projekt ins Leben.

LINZ. Schüler der Linzer Otto-Glöckel-Schule schrieben ein Buch darüber, was für sie Heimat ist.

Ein Aufsatz über das Thema Heimat? Das riss Boris nun wirklich nicht vom Hocker. Null Bock. Doch dann kam der 13-Jährige ins Grübeln. Heimat? Was ist das eigentlich? "Zuerst dachte ich, es ist der Ort, wo du geboren bist. Doch das stimmt nicht", sagt der gebürtige Italiener, der seit drei Jahren in Leonding lebt. Er schrieb über seine Familie, die großteils in Turin lebt, über seine Hunde, die er zurückließ. Doch irgendetwas stimmte auch dabei nicht. Ist Heimat nur der Ort, wo die Familie ist? Nein, befand er: "Heimat ist da, wo du dich gut fühlst, wo deine Freunde sind, wo du einmal arbeiten wirst." Leonding ist jetzt Boris’ Heimat – und nach Turin fährt er jedes Jahr im Sommer.

"Hier habe ich viele Chancen"

Sara, die seit viereinhalb Jahren in Linz lebt, hat zwei Heimaten. "In Afghanistan gab es für mich viele schöne Momente, aber es gefällt mir auch in Linz", sagt die 13-Jährige. "Hier ist der Platz, wo ich leben will, nicht, wo ich leben muss. Hier habe ich viele Chancen."

Saman flüchtete vor einem Jahr und sieben Monaten mit Mutter und Geschwistern aus religiösen Gründen aus dem Iran, der Vater blieb zurück. Zu Beginn war der Kulturschock groß. Er musste sich erst an die "leisen Österreicher" gewöhnen, die sich ungeniert vor anderen schnäuzen – im Iran eine Unsitte. Über seine Heimat zu schreiben, gefiel ihm. Dabei konnte er den hier oft unverstandenen Iran positiv beschreiben. Und: "Ich konnte noch einmal an alles denken, von der Flucht bis jetzt." Auch wenn es ihm schwer fiel.

Beim Projekt "Heimat" schrieben oder zeichneten sich ein Jahr lang fast alle der 343 Schüler der Linzer Otto-Glöckel-Schule ihren Heimatbegriff von der Seele. 100 Beiträge wurden nun in einem Buch zusammengefasst, das morgen vorgestellt wird. Das Projekt habe viel ausgelöst, sagt Initiator Martin Egger: "Viele haben zum ersten Mal über ihren Platz und ihre Identität nachgedacht." Finanziert wurde das Buch vom Soroptimist-Club Linz-Fidentia. "Die Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff ist für Hunderttausende Flüchtlinge, aber auch für uns zum brennenden Thema geworden. Wir freuen uns, dass diese beeindruckende Sammlung nun mit der Unterstützung unseres Clubs veröffentlicht werden kann", sagt Präsidentin Jutta Oberweger.

Heimat – das ist in einer Institution, die von Kindern aus 45 Nationen besucht wird, ein zentraler Begriff. "Heimat bedeutet hier fast immer gespalten sein", sagt Egger. Er sieht zwei Tendenzen: Kinder, die ungefragt mit den Eltern kamen, würden ihre Heimat oft verherrlichen. Schüler aus Kriegsgebieten würden dagegen meist rasch heimisch: "Sie sind froh, hier Aufnahme gefunden zu haben."

Das Buch "Heimat" von Schülern der Otto-Glöckel-Schule wird morgen, Mittwoch, 1. Juni, um 19 Uhr im Thalia-Geschäft an der Linzer Landstraße vorgestellt.

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