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Linz

Eisenbahnbrücke - "Das ist ja ein grausames politisches Spiel"

Von Erhard Gstöttner   24. Januar 2014 00:04 Uhr

"Das ist ja ein grausames politisches Spiel"
Brückenbauer Erhard Kargel (links) im Gespräch mit OÖNachrichten-Redakteur Erhard Gstöttner

LINZ. Brückenbauer Erhard Kargel erklärt, warum die Eisenbahnbrücke erhalten und nicht abgerissen werden soll.

Erhard Kargel (71) ist Brückenkonstrukteur, der profilierteste Brückenbauer Oberösterreichs. Er plante so große Konstruktionen wie die Bogenbrücke für die B127 über die Große Mühl bei Neufelden und einen so filigran wirkenden Übergang wie den Mariensteg über den Inn bei Wernberg. 2010 wurde Kargel mit dem Landeskulturpreis für Architektur ausgezeichnet. Im Interview mit den OÖNachrichten erklärt Kargel, warum er für die Erhaltung der 114 Jahre alten Eisenbahnbrücke in Linz ist.

OÖNachrichten: Warum soll man die Eisenbahnbrücke erhalten?

Erhard Kargel: Sie ist eines der wichtigsten Identifikationsmerkmale von Linz. Man soll nicht den gleichen Fehler machen wie seinerzeit, als man so bedeutende Bauten wie die Wollzeugfabrik und das Schloss Hagen abriss.

Was ist das Besondere an dieser Brücke?

Das 1900 fertiggestellte Bauwerk entspricht dem damals höchsten Stand der Technik der Brückenbaukunst. Diese Brücke ist nicht nur ein Zweckbau, sondern hat auch hervorragende ästhetische Qualitäten. Die Eisenbahnbrücke ist für mich heute noch Vorbild und entspricht meinem Denken, das ich in 45 Jahren Brückenbau erworben und entwickelt habe.

Was sind besondere Kennzeichen der Eisenbahnbrücke, die einen ausgezeichneten Fachmann wie Sie so faszinieren?

EIn besonderes Kennzeichen ist die Nachvollziehbarkeit des Tragsystems. Man kann an dieser Brücke den Kräfteverlauf nachvollziehen. Diese Brücke ist ein Musterbeispiel für wunderbare Transparenz und ein Minimum an Materialaufwand. K.u.k. Hofschlosser Biro schuf mit der Eisenbahnbrücke harmonische Proportionen. Das ist nicht selbstverständlich. Denn nicht alles, was statisch richtig ist, ist gleichzeitig schön. So gut gelungene Beispiele wie die Linzer Eisenbahnbrücke gibt es nur wenige.

Warum geht man in Linz mit dem baulichen Erbe erneut so leichtfertig um?

Niemand würde es wagen, zum Beispiel in Köln die Brücke beim Bahnhof oder vor dem Dom zu zerstören. Aber in Linz ist es schwierig, eine sachliche Diskussion zu führen. Die Ursachen dafür liegen eindeutig in der Politik. Bekanntlich gehört die Eisenbahnbrücke den Bundesbahnen, die sie nicht mehr brauchen und die Instandhaltung nicht mehr wahrnehmen. Die Stadt Linz hat durch jahrzehntelange Salzstreuung die Brücke im unteren Bereich verrosten lassen. Die Stadt sagt aber: Die Brücke gehört uns nicht, daher tun wir nichts.

Wer hat Interesse daran, dass die alte Brücke wegkommt?

Dass die alte Brücke zerstört werden soll, hängt offenbar mit der Mühlkreisbahn zusammen. Denn durch die Zerstörung wird diese Bahn vom übrigen Netz abgetrennt. Dann kann zum Beispiel eine Gleisstopfmaschine nicht mehr zur Mühlkreisbahn. Somit steht fest: Ohne Eisenbahnbrücke gibt es keine Mühlkreisbahn. Stattdessen soll eine Straßenbahn fahren.

Der Linzer Gemeinderat hat gestern einen Planungswettbewerb für eine neue Brücke beschlossen. Wie beurteilen Sie dieses Vorgehen?

Die Stadt will Fakten schaffen, die den Abriss befürworten. Darum bereitet man den Wettbewerb für einen Neubau an alter Stelle und den Abriss der ehrwürdigen Dame vor. Die Möglichkeit, die Eisenbahnbrücke zu erhalten und daneben eine neue Brücke zu bauen, ist in diesem Wettbewerb nicht eingeschlossen, obwohl die Mehrheit der Bevölkerung für die Erhaltung der alten Brücke ist. Das ist ja ein grausames politisches Spiel.

Warum ist die Bücke nicht mehr denkmalgeschützt?

Das "Spiel" ist auch am Vorgehen des Bundesdenkmalamtes ablesbar. Der Denkmalbeirat hat mit absoluter Mehrheit für den Erhalt der Eisenbahnbrücke plädiert. Trotzdem hat die Präsidentin den Denkmalschutz aufgehoben. Grund für diese Entscheidung waren die behaupteten Kosten und die Behauptung, die Brücke sei nicht denkmalgerecht sanierbar.

Wie beurteilen Sie die Kosten und die Sanierbarkeit?

Man muss die Brücke für die Sanierung nicht an Land bringen, sondern kann sie an Ort und Stelle unter Aufrechterhaltung des Autoverkehrs sanft sanieren. Und das zu wesentlich geringeren Kosten, als die Stadt veranschlagt hat.

Wie viel würde diese sanfte Sanierung kosten?

24 Millionen Euro für das Tragwerk und sechs Millionen für die Pfeiler. Da gibt es ein Angebot einer Stahlbaufirma. Die Stadt hat die Kosten mit 40 Millionen Euro beziffert. Auch wenn eine neue Brücke kommen sollte, braucht man die alte Eisenbahnbrücke noch sieben bis zehn Jahre. Derzeit benötigt man pro Jahr für die Erhaltung 500.000 Euro. Diese Kosten werden noch steigen. Denn die Bleche, die zur Reparatur eingebaut wurden, sind ohne Korrosionsschutz.

Welche Funktion sollte die alte Brücke künftig haben?

Das hängt vom Verkehrskonzept ab. Ich bin dafür, dass man sie Fußgehern und Radfahrern zur Verfügung stellt und für Feste und Märkte nutzt.

Kann man die alte Brücke noch retten?

Die Mehrheit der Bevölkerung ist für die Erhaltung. Der Verein "Rettet die Eisenbahnbrücke" hat schon viele Unterschriften gesammelt und wird sich bemühen, die Wahrheit über die Eisenbahnbrücke noch deutlicher in der Bevölkerung zu verankern. Von der Politik kommen aber nur stereotype Antworten.

 

Ein besonderer Brückenkonstrukteur

Erhard Kargel ist Techniker mit sehr viel Sinn für Ästhetik.
Zugleich kennt er das beinharte Baugeschäft. Denn nach dem HTL- und Bauingenieurwesen-Studium war er 27 Jahre im Konstruktionsbüro der Linzer Baufirma Mayreder, Kraus & Co in Linz tätig, zuletzt als Direktor-Stellvertreter. 1996 machte sich
Kargel als Ingenieurkonsulent für Bauwesen mit einem eigenen Büro selbstständig.

Sein Spezialgebiet sind Brücken. Die sind für Kargel mehr als bloße Zweckbauten. „Eine gute Brücke soll mit ihrer Umgebung harmonieren und ihre Wirkungsweise auch für den Laien sichtbar
machen“, sagt der gebürtige Villacher. Dieser Anspruch ist an
Kargels Bauwerken ablesbar und wurde 2010 mit dem Oberösterreichischen Landeskulturpreis für Architektur gewürdigt – es kommt selten vor, dass ein Techniker mit einem Architekturpreis ausgezeichnet wird.

Mit Architektur-Weltstar Zaha Hadid plante Kargel eine Donaubrücke für den Westring. Das Projekt kam auf den zweiten Platz.

Vorgestellt werden die Werke Erhard Kargels in seinem Buch „BRÜCKENbauen“, Wieser Verlag, 128 Seiten, 29,90 Euro

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