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Oberösterreich

Königswieser: "Es lag sogar schon ein Achtjähriger auf der Intensiv"

Von Michael Schäfl  24. September 2021 00:04 Uhr

"Es lag sogar schon ein Achtjähriger auf der Intensiv"
Tilman Königswieser

LINZ. Nach dem Tod eines 18-Jährigen spricht Mediziner Tilman Königswieser über die Gefährlichkeit von Covid für Junge.

Die Corona-Intensivpatienten in Oberösterreich werden jünger. Am Sonntag verstarb ein 18-Jähriger im Kepler-Klinikum, der Linzer ist der bisher jüngste Corona-Tote hierzulande. Tilman Königswieser ist Kinderarzt, Teil des Krisenstabs des Landes und Ärztlicher Direktor des Salzkammergut-Klinikums. Im Interview spricht er über schwere Verläufe bei Jungen, "verantwortungslose Eltern" und darüber, warum dem 18-Jährigen nicht mehr geholfen werden konnte.

OÖNachrichten: "Junge trifft das Coronavirus weniger hart", hieß es lange Zeit. Stimmt das noch?

Tilman Königswieser: Das gilt noch immer, zumindest teilweise. Die Delta-Variante ist viel infektiöser: Steckte sich früher im Schnitt jede fünfte Kontaktperson bei einem Infizierten an, sind es mittlerweile vier von fünf. Noch nie haben sich so viele Kinder wie jetzt infiziert. Allein im Salzkammergut-Klinikum mussten wir 15 Kinder medizinisch betreuen. Im Kepler-Klinikum lag sogar schon ein Achtjähriger zwei Wochen auf der Intensiv.

Wie geht es dem Jungen jetzt?

Mittlerweile geht es ihm wieder gut. Aber damals mussten wir seine Herzfunktion mit Medikamenten unterstützen. Sonst hätte es nicht mehr geschlagen. Da sieht man erst, wie schlimm so eine Infektion bei Kindern sein kann.

Wie hat sich die Situation der Jugendlichen durch die Delta-Variante noch verändert?

Hätte man mich vor fünf Monaten gefragt, hätte ich gesagt, dass es reicht, wenn wir die Erwachsenen impfen. Aber dem ist nicht mehr so. Es müssen sich alle impfen lassen, die können und auch dürfen. Ungeimpften Erwachsenen und verantwortungslosen Eltern haben wir es zu verdanken, dass jetzt auch unsere Kinder krank werden.

Hätte jener 18-jährige Linzer, der am Sonntag gestorben ist, höhere Überlebenschancen gehabt, wäre er geimpft gewesen?

Ja. Das ist zwar eine harte Aussage, aber die Datenlage ist klar. In Oberösterreich landete bisher noch kein geimpfter Jugendlicher auf einer Intensivstation. Seit 1. Februar mussten wir insgesamt 275 Patienten intensiv betreuen, nur zehn von ihnen waren geimpft. Ihr Körper hatte wegen ihrer schweren Vorerkrankungen wie etwa Krebs keine Antikörper produziert.

Der verstorbene Linzer litt an Adipositas, war also übergewichtig. Spielt das eine Rolle?

Wir sehen, dass übergewichtige Personen so wie jene mit Bluthochdruck, Herz- und Lungenerkrankungen und Diabetes schwerere Verläufe haben. Da ist das Immunsystem durch die Vorerkrankung zusätzlich geschwächt.

Der junge Mann lag mehr als einen Monat auf der Intensivstation, zwischenzeitlich war er sogar auf dem Weg der Besserung. Dennoch konnten ihm die Ärzte am Sonntag nicht mehr helfen.

Manche unserer Patienten hängen an zehn unterschiedlichen Schläuchen und all ihre Körperfunktionen, wie Atmen oder Nierenfunktion, werden von Maschinen übernommen. Da kann es immer wieder zu Komplikationen kommen, das ist unvermeidbar. Die sonst ungefährlichsten Keime können dann lebensbedrohlich werden. Vielleicht sollte man Impfgegner genau so ein Bild von einem Patienten auf einer Intensivstation zeigen. Das bleibt hängen.

Hat sich die Altersstruktur auf den Intensivstationen verändert?

Aktuell werden 41 Patienten betreut. Im Vergleich zur zweiten Welle sind sie deutlich jünger, im Schnitt zwischen 45 und 60 Jahren alt. Das ist mehr als 20 Jahre jünger als damals. Jeder Vierte auf der Normal- muss auf die Intensivstation verlegt werden. Dort stirbt später jeder Dritte.

Gerade junge Frauen schrecken vor einer Impfung zurück. Wie kann man ihnen die Angst nehmen?

Das Gerücht, die Impfung mache unfruchtbar und schade dem Körper, ist absoluter Mist. Wenn etwas dem Körper massiven Schaden zufügen kann, dann eine Corona-Infektion. Bei werdenden Müttern kann sie weiters eine Frühgeburt auslösen. Die Chance dafür ist 15 bis 20 Prozent höher als bei geimpften Schwangeren. Kinder in der 25. Schwangerschaftswoche mussten bereits zur Welt gebracht werden.

Der Pfizer-Impfstoff ist für Kinder ab zwölf Jahren zugelassen. Was halten Sie davon, wenn jüngere geimpft werden?

Wir wissen bereits aus Studien, dass Kinder die Impfung sehr gut vertragen. Es gibt eine Handvoll Voraussetzungen, bei denen ich als Kinderarzt Eltern auch die Impfung ihres jüngeren Kindes empfehle.

Ihre Kinder sind bereits erwachsen. Wären sie aber jünger als zwölf, würden Sie sie impfen lassen?

Sind sie gesund, würde ich sie impfen lassen, sobald sie neun, zehn oder elf Jahre alt sind. Wenn sie zusätzlich Erkrankungen hätten, die einen schweren Covid-Verlauf verursachen könnten, würde ich sie sogar noch früher impfen lassen. Aber immer in Absprache mit einem anderen Kinderarzt.

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Michael Schäfl

Redakteur Land und Leute

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