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Innviertel

"Da fühlt man sich schon wie ein Bürger zweiter Klasse"

Von Magdalena Lagetar und Josef Schuldenzucker  15. April 2021 17:04 Uhr

"Da fühlt man sich schon wie ein Bürger zweiter Klasse"
Franz Lobmaier braucht am Laptop viel Geduld.

TUMELTSHAM. Kein Netz: Franz Lobmaier lebt seit Jahren mit schlechtem Internet und fordert endlich Breitband in Pesenreith

Film ab! Intro läuft. Stopp. Buffering. Weiter geht’s. Halt, buffering – das Rädchen dreht und dreht sich. Ein paar Minuten vom Film gesehen, dann kommt es wieder: Buffering. Würden Sie genervt ausschalten?

"Ich bin’s nicht anders gewohnt", sagt Franz Lobmaier aus Tumeltsham. Nicht etwa, weil sich der pensionierte HTL-Braunau-Lehrer ein Leben ohne gute Internetverbindung freiwillig ausgesucht hätte, viel mehr, weil er seit Jahren vertröstet wird, dass es bald besser werde. "Nur Glasfaser würde die Situation verbessern", sagt der Tumeltshamer aus der Ortschaft Pesenreith. Glasfaser statt Kupferkabel, das fordert der Pensionist. Doch leider flatterte kürzlich erst wieder eine Absage der Firma Infotech ins Haus, Grund: Ein Glasfaserausbau dort sei nicht wirtschaftlich, obwohl in Tumeltsham weiter ausgebaut werde.

Auch kein Handynetz

Elf Familien leben in Lobmaiers Nachbarschaft in Pesenreith, sie alle haben mehr oder weniger dasselbe Problem. "Man fühlt sich ja schon fast wie ein Bürger zweiter Klasse", sagt er. Schließlich werde man nicht zuletzt auch von behördlicher Seite angehalten, mehr und mehr online zu erledigen. Technische Fähigkeiten hätte der pensionierte HTL-Lehrer natürlich schon, doch die Infrastruktur, um diese Dinge auch online erledigen zu können, eben leider nicht. Viel Geduld brauche er für solche Dinge, die Internetgeschwindigkeit sei leider unterirdisch. "Neulich wollte ich auf der Asfinag-Seite eine Mautstrecke buchen. Doppelte Sicherheitsstufe, ein Code sollte aufs Handy kommen, damit die Zahlung auch verifiziert wird", erzählt Lobmaier eines von vielen Beispielen.

"Da fühlt man sich schon wie ein Bürger zweiter Klasse"
Heiß begehrt: Glasfaser.

Der Code kam nicht. Naja, "nicht" stimmt, wenn man es genau nimmt, nicht. Er kam nicht gleich, sondern erst am nächsten Tag. Davon hatte er aber auch nichts, denn die Buchung konnte nicht abgeschlossen werden. Dieses Beispiel verdeutlicht das nächste Problem in Pesenreith, kein Glasfaser im Ort und eine schlechte Handyverbindung dazu. Denn auch, wenn sich Lobmaier irgendwie mit langsamem Internet abmüht und mit viel Geduld surfen kann, telefonieren am Handy geht nicht. "Wenn ich telefonieren will, dann muss ich nach draußen gehen", sagt er – die OÖN-Anfrage wird übrigens übers Festnetz beantwortet. Die Sendeleistung sei einfach sehr, sehr schlecht, sagt der Pensionist. In Andrichsfurt stehe ein Handymast, der aber leider auf die Autobahn ausgerichtet ist.

Andere können mit guter Internetverbindung online Abhilfe schaffen, doch zum Beispiel Skype-Videochats sind in Pesenreith kaum möglich.

In der Corona-Zeit verstärkt sich dieses Problem auch noch, das Netz ist noch langsamer und ausgelasteter, schließlich seien viel mehr Menschen zu Hause. Stichwort Home-Office und Distance-Learning.

Geduld geht langsam aus

"Wir sind hier Geduld gewohnt, aber wenn jetzt wieder die Absage kommt, dann muss ich sagen: Es reicht!", ärgert sich Lobmaier. Schließlich bezahle auch er Steuern, genauso wie die anderen, die in den Genuss von Glasfaserausbau kommen. "Die Netzagenturen sind ja verpflichtet, alle zu bedienen. Es wird etliches Geld hinein- gezahlt, damit die Grundversorgung für alle Bürger passt. Aber diese Verpflichtung wird offenbar zugunsten der Wirtschaftlichkeit einfach umgangen", macht der Tumeltshamer seinem Ärger Luft und ergänzt: "Wir werden schon wieder vertröstet und das auf unbestimmte Zeit."

Breitband-Ausbau: Großbaustellen in Eberschwang und Lohnsburg
Bereichsleiter Stefan Kitzmantl

Breitband-Ausbau: Großbaustellen in Eberschwang und Lohnsburg

„Die Rieder Firma Infotech treibt als regionaler Anbieter den Glasfaser-Ausbau in großen Teilen des Innviertels voran. Das Netz soll von 200 auf 700 Kilometer anwachsen. Dazu werden rund 45 Millionen Euro investiert“, schrieben die OÖNachrichten vor zwei Jahren. Wie viel ist bis dato wirklich gemacht worden?

„Momentan sind rund 460 Kilometer Glasfaser verlegt. Wobei wir unterscheiden zwischen erreichbaren Haushalten und aktiven Anschlüssen, die auch unsere Dienste beziehen. Bis ins Haus sind 4000 Anschlüsse verlegt, potenziell gibt es 12.000 Haushalte. Die haben Glasfaser zumindest bis zur Grundstücksgrenze“, sagt Stefan Kitzmantl, der Bereichsleiter des Netzwerk-Infrastrukturteams von Infotech. Die größten Baustellen sind momentan in Eberschwang und Lohnsburg. Dort werden 15 bzw. 21 Kilometer Glasfaser verlegt. Rund 50 Prozent der Einwohner schließen an. „Für diese Gemeinden gibt es Fördergelder, deshalb liegen die Anschlusskosten bei null (!!!) Euro“, sagt Dietmar Huber, der Breitband-Manager von Infotech.

Noch geplant sind für heuer die Orte Tumeltsham, Andrichsfurt und Antiesenhofen, darüber hinaus Netzerweiterungen in Pattigham, Schildorn und Suben.

Rapide im Steigen sind nach wie vor die Datenmengen. „Alle 12 bis 18 Monate kommt es zu einer Verdoppelung des Datenvolumens. Das ist mittlerweile schon seit fünf Jahren so“, bestätigt Stefan Kitzmantl. „Das Netz für morgen müssen wir allerdings schon heute bauen. Das zu argumentieren, ist die große Herausforderung. Das ist vielen Menschen noch nicht ganz klar“, so Dietmar Huber. Viel Geld wird beim Breitbandausbau „vergraben“. 80 bis 85 Prozent sind Tiefbaukosten. „Wir bauen nach Vertriebsphasen, beantragen Förderungen usw. Irgendwann werden allerdings einige hundert Euro an Kosten verlangt werden, um weiter ausbauen zu können“ so die Infotech-Spezialisten.

2021 noch 4800 Anschlüsse

Das Rieder Unternehmen will heuer noch 4800 Gebäudepunkte anschließen, 1800 davon werden das Angebot Internet, Telefonie und Fernsehen auch wirklich nutzen. Es gibt allerdings viele kleinere Ortschaften in den Gemeinden, die trotz Förderungen für Infotech schwierig zum Ausbauen sind. „Hier versuchen wir mit der Fiber Service des Landes, die weißen Flecken zu erschließen. Aus der eigenen Finanzierung geht sich das nicht aus“, sagt Stefan Kitzmantl.

Regiohelp: Flächendeckender Ausbau für jeden Haushalt als Ziel
Regiohelp-Geschäftsführer Erwin Moser und Willem Brinkert

Regiohelp: Flächendeckender Ausbau für jeden Haushalt als Ziel

32 Gemeinden des Bezirks haben sich zusammengeschlossen, um den Breitbandausbau in der Region voranzutreiben. Ihre Genossenschaft heißt Glasfaser-Verbund-Region-Braunau und wird unterstützt und maßgeblich von Regiohelp vorangetrieben. Regiohelp will weg von der „Kirchturmpolitik“ und hin zu gemeinde- und regionsübergreifenden Kooperationen, um die Lebensqualität für die ländliche Region weiter zu erhöhen. Der flächendeckende Glasfaserausbau ist dem Team rund um Mitbegründer Erwin Moser aus Munderfing ein besonderes Anliegen. Deshalb wird seit einigen Jahren an diesem Projekt gearbeitet. Ziel ist ein flächendeckender Ausbau mit einem Glasfaseranschluss für jeden Haushalt in der Region. Ein „offenes“ Netz soll es sein, mit einer möglichst großen Auswahl an Providern, der Anschluss leistbar, die Tarife günstig.

Baubeginn soll im Sommer sein

Glasfaser auch für entlegenere Regionen, kann das funktionieren? Regiohelp sagt Ja. „Nach aktuellem Stand werden wir das erreichen. Das funktioniert nur, wenn man nicht nur die Rosinen rauspickt, sondern alle positiven Effekte eines gemeindeübergreifenden Projektes nutzt. Denn so subventionieren unter dem Strich die günstig zu errichtenden Hausanschlüsse die teuren Hausanschlüsse und alle haben etwas davon“, sagt Leonhard Moser von Regiohelp. Ein Baubeginn im Laufe des heurigen Sommers ist das Ziel, unmittelbar nach dem erfolgreichen Abschluss der Verhandlungen mit den Investoren werde gebaut. Es gebe anhaltend reges Interesse von Investoren, die Verhandlungen seien schon sehr weit fortgeschritten, heißt es von Regiohelp.

Innerhalb von vier Jahren soll der Gesamtausbau dann abgeschlossen sein. Voraussetzung dafür ist, dass in den Gemeinden die Teilnahme von mindestens 60 Prozent der Haushalte gesichert ist. Mit sogenannten Interessensbekundungen soll der Bedarf im Vorfeld abgefragt werden. In den ursprünglichen Gemeinden haben bereits mehr als 50 Prozent der Haushalte eine solche abgegeben.

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