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Grünen-Gründer: "Haben damals an der Realität vorbeipolitisiert!"

RIED. 2001 hat sich Wolfgang Pirker aus der Stadtpolitik verabschiedet – ein kritischer Rückblick.

Grünen-Gründer: "Wir haben damals an der Realität vorbeipolitisiert!"

Wolfgang Pirker als Autor: "Schreiben hat etwas Entspannendes." Bild: OÖN/Rabe

Die Rieder Grünen feiern heuer ein rundes Jubiläum. Vor 30 Jahren wurde in Ried eine Grün-Partei gegründet. E iner der Parteigründer Ende 1985 war Wolfgang Pirker. Der promovierte und pensionierte Hauptschullehrer hat die Partei entscheidend geprägt. 2001 hat er sich aus der Stadtpolitik zurückgezogen. Die Rieder Volkszeitung traf den 62-Jährigen zum Gespräch, in dem der Ex-Politiker sehr geradlinig und offen über die Grünen damals und heute Stellung nahm. Pirker über ...

 

Die Gründerzeit: "Es hat verschiedene Grüne Bewegungen in Ried gegeben, etwa die IRR (Initiative Rieder Radfahrer) oder die ALÖ (Alternative Liste Österreichs). Ich war mit Joe Standhartinger am Weg nach Hainburg, und wir haben ausgemacht: Machen wir was!" Die Grün-Alternative Liste (GAL) haben Wolfgang Pirker und Hans-Christian Dobler gegründet.

Die politische Arbeit damals: "Wir hatten damals niemanden, den wir um seine Meinung, seine Erfahrung fragen konnten. Wir haben Entscheidungen aus unserer Überzeugung heraus getroffen. Wir haben stets um Akzeptanz gerungen, auch manchmal übers Ziel hinausgeschossen, auch Fehler gemacht. Unsere Arbeit ging übers Verwalten hinaus. Wir haben an der Realität vorbeipolitisiert. Dass man nicht alles ändern muss – diese Erfahrung musste ich auch erst machen."

Die politische Arbeit heute: "Von Basisdemokratie ist auch bei den Grünen nichts mehr zu spüren. Die Zentralisierungswut von Linz aus bestimmt das Geschehen, die Autonomie der Regionen gibt’s nicht. Man muss sich in der Partei hochdienen. Persönlichkeiten wachsen nicht mehr nach, die Lebendigkeit innerhalb der Partei fehlt. Innerparteilicher Diskurs ist nicht mehr erwünscht. Auch nicht in den Ortsgruppen. Entscheidungen werden nicht mehr diskutiert, sondern gefällt. Loyalität wird in der Partei zum ungeschriebenen Gesetz. Der Idealismus von früher ist heute undenkbar ..."

Grüne und Umwelt: "Ich wollte die Rieder Grünen nie auf das Umwelt-Thema reduziert sehen. Man muss die Ideologie viel weiter fassen. Es gehört viel mehr dazu: Ökologie, Stadtentwicklung, Verkehrsberuhigung, Energie, Umwelt."

Die Grünen und das Geld: "Wir haben früher mit null Geld Arbeit geleistet. Die Mittel waren extrem gering. Geld und Parteifinanzierung haben aber im negativen Sinn eine Anpassung bewirkt. Landregionen müssten finanziell unterstützt werden. Wir haben damals nur durch Spenden von Privaten und Geschäftsleuten überlebt, Erlagscheine sind im Grünspecht beigelegt gewesen. So sind wir über die Runden gekommen."

Seine Krankheit: "Meine Krankheit (2000 wurde bei Wolfgang Pirker Parkinson diagnostiziert; Anm.d.Red.) hat mich vor bisher unbekannte Aufgaben gestellt. Ich habe aber eine Lebensfreude entwickelt und sehe die Zeit als Geschenk. Ich genieße das Leben wie nie zuvor. Irgendwann bin ich aufs Schreiben gekommen, das hat etwas Entspannendes, es ist eine Art narrative Medizin."

Die Weberzeile: "Im Vergleich dazu, was früher diskutiert wurde, ist die Weberzeile in der heutigen Form ein Segen. Auch wenn es Kritik gibt: Eine bessere Lösung muss erst jemand umsetzen."

Seine Prinzipien: "Austausch und Diskurs, ein offener Dialog, das war für mich immer wichtig. Aufeinander zugehen und nicht ausweichen, aber Veränderungen akzeptieren und nicht stur an Prinzipien hängenbleiben."

Bürgerbeteiligung: "Die Frage ist, wer in Entscheidungen miteinbezogen wird. Das hängt mit der politischen Kultur zusammen. Bürgerbeteiligung ist mühsam, braucht Zeit und bringt oft nicht die Ergebnisse, die man sich wünscht."

Prägende Momente: "Am prägendsten war der Prozess des jahrelang Aufeinander-Zugehens. Die Zeit, in der ich als einziger Grüner unter 36 Gemeinderäten eingezwängt war, hat Situationen erzeugt, die man nicht sucht, aber die wir ausgehalten haben. Es war ein Reifungsprozess: Die Realität wahrzunehmen und ein klares Verhältnis dazu zu finden, mit einem kritisch-konstruktiven Zugang."

Die Zeit nach der Politik: "Ich hab den Ausstieg mit Wehmut und Freude zugleich erlebt. Man bleibt auch danach ein politischer Mensch. Ich sehe mich in der Politik als Beobachter. Es würde manchen in der Partei guttun, die Perspektive zu wechseln!"

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Artikel Roman Kloibhofer 18. Februar 2016 - 09:05 Uhr
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