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Hoamatland

Hinter dicken Mauern

02. Oktober 2021 00:04 Uhr

Hinter dicken Mauern

Christoph Haym, Ritter von der stattlichen Gestalt, war vielleicht ein Edler seiner Zunft, als Mensch war er ein verhasster, brutaler Leuteschinder. Im Jahr 1571 hat der Katholik die Burg Reichenstein gekauft und mit dem Geld seiner protestantischen Untertanen in der Mühlviertler Gemeinde standesgemäß ausgebaut. Der Aufstand unter den Bauern findet am 6. Juni 1571 seinen letalen Akt. Der rabiate Bauer Simon Gaisrucker passt den Rittertyrannen ab und erschießt ihn hinterrücks, weil er – so die Sage – dachte, dieser habe seinen Sohn in der Burg einmauern lassen.

429 Jahre später. Es ist ein kalter, ungemütlicher Novembertag. Eine junge Frau fährt mit ihrem Auto zum ersten Mal in ihrem Leben durch das malerische Waldaisttal. Auf dem Beifahrersitz liegt ein herausgerissener Zeitungsausschnitt: "Burgwohnung zu vermieten". "Ich habe die Wohnung gesehen und sofort ein Heimatgefühl bekommen", erinnert sich Edeltraud Jungwirth an die erste Begegnung mit ihrer Bleibe, die einst Ritter Haym erbauen ließ und die heute zur Starhemberg’schen Familienstiftung gehört.

Die Burg habe ihr Halt und Sicherheit gegeben, als sie 26-jährig und als Alleinerzieherin nichts anderes als ein neues Leben beginnen wollte. Im Wohnzimmer mit dem hohen, runden G’wölb duftet selbst gerösteter Kaffee. Der Holzofen strahlt eine gemütliche Wärme ab, die Scheitln knistern. So erzählt es sich leichter vom Leben, dem Hoamatg’fühl und ein bissl auch vom Schicksal. »

» Also: Aufgewachsen ist sie als Bauerstochter in Mönchdorf. Als viertes von acht Kindern. Behütet, aber frei und jeden Tag in der Natur. Das prägt das Mädchen. Nach der Schule will sie weg. Die Eltern sagen: "Ja gern, aber zuerst lernst kochen und nähen. Dann kannst tun, was d’ willst." Nach drei Jahren und einem Schulabschluss in der Fachschule Baumgartenberg geht Jungwirth "voller Ideale" nach Linz. Sie wird Krankenschwester im damaligen AKH. In der Onkologie arbeitet sie sechs Jahre. Menschenleid, Pflege, Glücksmomente und Tod begleiten sie. "Hier hab ich gelernt, die hohe Hürde zum Sterben und zum Tod zu überwinden." Edeltraud Jungwirth wird ein Stadt-"Mensch".

Sie, die als Kind einmal einen Zeichenwettbewerb gewonnen hat, beginnt zum mentalen Ausgleich mit der Malerei. Nebenbei fängt sie ein Studium der Malerei und Grafik an der Linzer Kunstuniversität an. Dann fällt ihr ein Zeitungsinserat in die Hände …

Den Kindern eine Familie bieten

Hier, hinter dicken Mauern, wohnt Edeltraud Jungwirth seit 21 Jahren. Für manche wär’s nix, ohne zentrale Heizung, mit drei, vier Holzöfen, die die kalten Tage heimelig machen. Für die 49-jährige, immer noch alleinerziehende Mutter von drei erwachsenen Söhnen ist das ein Lebenselixier. Zu den drei jungen Herren namens Fabian (23), Elias (20) und Lorenz (18) sagte die Frau Mama einmal im Halbscherz: "Vielleicht war ich irgendwann auch einmal eine strenge Burgfrau und bin jetzt wieder hier, um es besser zu machen."

Mit drei kleinen Kindern vollendet sie ihr Studium, um sich die Miete für ihren Wohntraum leisten zu können, arbeitet nebenher in der mobilen Betreuung. Eine harte Zeit, aber: "Es wäre für mich ein Scheitern gewesen, wenn ich meinen Kindern keine Familie hätte bieten können. So bin ich irrsinnig streng zu mir selbst geworden und habe mich viel zu viel hinterfragt", kramt Edeltraud Jungwirth rekapitulierend aus dem Erfahrungsschatz. Nur nicht untergehen war einst ihr Lebensmotto. Mit der Malerei habe sie zur Ruhe gefunden, denn dem gesprochenen Wort habe sie lange misstraut.

Die dauerberieselnde Waldaist

Gut macht sich Jungwirth längst in der bildnerischen Kunst. Mit ihren Arbeiten ist sie heute eine arrivierte Künstlerin. Oberflächlich betrachtet kann das Oeuvre als Landschaftsmalerei bewertet werden, aber beim genaueren Hinsehen offenbaren sich zeitgenössische Aspekte, Gegensätze, Anregungen zum Nachdenken.

Edeltraud Jungwirth steht gerne in ihrem Wohnzimmer, legt sich klassische Musik auf und lässt dann ihrer Kreativität freien Lauf. Sie hat die Ruhe in den dicken Burggemäuern, das Berieselnde der dauerrauschenden Waldaist schätzen und lieben gelernt. Es ist ein Ausgleich für die Frau, Mutter, Künstlerin und seit ein paar Jahren auch Burgmanagerin. Aus Reichenstein im Drei-Gemeinden-Eck Gutau, Tragwein und Pregarten ist dank der Arbeiten des Erhaltungs- und Kulturvereins seit 1988 ein historisch wertvolles Schmuckkästchen geworden.

Jungwirth leitet das Museum und organisiert als Geschäftsführerin Kindermalkurse sowie Hochzeiten und Feiern in malerisch-historischem Umfeld. Aus der Burgruine Reichenstein ist ein Ort der Begegnung, des Lernens und des Feierns geworden. Ritter Haym würde schön schauen. «

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