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Hoamatland

Adele Neuhauser: Horch zua, Adele!

Von Helmut Atteneder  20. Juni 2020 00:04 Uhr

Mostdipf-Preisträgerin Adele Neuhauser

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Bild 1/6 Bildergalerie: Mostdipf-Preisträgerin Adele Neuhauser

Adele Neuhauser mag man eben. Ob als Bibi Fellner in der Krimi-Reihe „Tatort“ oder als Julie Zirbner in „Vier Frauen und ein Todesfall“. Gesellig ist die Mostdipf-Preisträgerin auch, wiewohl es tief drinnen oft ganz anders ausschaut.

Adele Neuhausers privates Revier ist der 8. Bezirk in Wien. Auf dem belebten Platz vor der Kirche Maria Treu wird sie erkannt, angesprochen, ihr freundlich zugenickt. Am vergangenen Freitag hat die 61-Jährige als Ermittlerin Bibi Fellner die Tatort-Folge "Unten" an der Seite von Harald Krassnitzer abgedreht. Es war ein besonderer Dreh: Nach zehn Arbeitstagen fiel wegen Corona der Vorhang. Anfang Juni wurde weitergedreht – mit zwei Coronatests pro Woche. Und dann meldete sich auch noch der Mostdipf mit erfreulichen Nachrichten.

Hoamatland: Herzlichen Glückwunsch zum Mostdipf-Preis, Frau Neuhauser. Diesmal gibt es leider keine Gala. Hätten Sie sich gerne feiern lassen?

Adele Neuhauser: Danke, ich bin überwältigt. Mein Jahr ist gerettet, ich habe einen Preis bekommen!!! Ich bin ein geselliger Mensch, aber nicht so wahnsinnig auf große Galas scharf. Ich mag es lieber, wenn es g’müatlich ist.

Was würden Sie dem Galapublikum sagen?

Wir stecken alle in einer sehr seltsamen Situation. Es ist eine sehr mulmige Zeit, viele hat es sehr hart getroffen, was mir sehr leid tut. Aber ich habe das Gefühl, dass wir in diesen Wochen des Rückzugs etwas gelernt haben, was uns ganz bestimmt ganz gut tut. Dass man einmal ein bissl eine Ruh gibt, ein bisschen den Mund hält, ein bisschen nachdenkt. Das habe ich als einen sehr angenehmen Nebeneffekt empfunden. Das Beste an Corona war, dass sich die Natur erholt hat.

Was hat Ihnen in der Zeit des Lockdown am meisten gefehlt?

Die Umarmungen, die Begrüßungen mit an Bussal. Ich durfte meinen Sohn, meine Enkeltochter, meine Schwiegertochter in Deutschland nicht besuchen. Zu den Ostertagen war ich gefährdet, da war ich schon sehr nah am Wasser. Damit ich dieser komischen Depression nicht nachgebe, habe ich meine Wanderschuhe angezogen und bin wie ein Maniac durch den Wienerwald gewandert.

Der Mostdipf ist ein gemütlicher Zeitgenosse, der zu allen möglichen Themen seinen humoristisch angehauchten Senf dazugibt – können Sie damit für sich etwas anfangen?

Ich habe irgendwo gelesen, dass man mich als Schmäh-affine Frau bezeichnet hat. Ich versuche, mir das Leben schön zu machen, indem ich die Qualität des Humors dazu nutze.

Dabei haben Sie viel zu sagen. Sie halten auch trotz vieler schmerzlicher Erlebnisse – wie Ihren drei Suizidversuchen – nicht mit Ihren wahren Gefühlen hinter dem Berg. Warum?

Mir war das wichtig, weil ich ja nicht alleine bin mit dunklen Momenten und Trauer. Jeder Mensch durchlebt das auf eine Art und Weise. Ich wollte einfach den Menschen zumindest zeigen, dass man herauskommen kann, aus schwierigen Zeiten. Ich bin jemand, der sichtbar ist, und das wollte ich nutzen, für irgendetwas, das Sinn macht. Dass Menschen von meinen Erfahrungen vielleicht profitieren können.

Ist "darüber reden" eine Art Therapie für Sie gewesen?

Nach so vielen Jahren wäre die Therapie zu spät gewesen. Was eine Trauerarbeit für mich war, war die Autobiografie, die ich geschrieben habe. Der Titel "Ich war mein größter Feind" war der treffendste Titel, den ich nur finden konnte.

Wie haben Sie den größten Feind in sich lieben gelernt?

Indem ich festgestellt habe, dass ich doch stärker bin, als ich dachte. Und dass ich meiner inneren Stimme gefolgt bin. Zu leben, zu lieben und die Arbeit zu tun, die mir am meisten Freude macht, nämlich Schauspielerin zu sein. Es ist ein großes Glück, wenn man weiß, was man will. Das hat mir geholfen, mich selbst zu überleben.

Können Sie sich heute zu hundert Prozent trauen?

Was habe ich davon, wenn ich es nicht tue? Ich liebe das Leben zu sehr. Ich weiß, was ich tun muss, wenn es mir psychisch nicht so gut geht, was ich auch in der Zeit des Lockdowns erlebt habe. Gehen. In die Natur, in den Wald. Da fühle ich mich von innen umarmt. In der Stille ist das Heilsamste.

War die Trennung Ihrer Eltern ein Hauptgrund für diesen tiefen Fall?

Ja. Das hat mir als kleines Mädchen doch mehr zugesetzt, als ich wahrhaben wollte. Ich war damals neun, mit zehn hatte ich meinen ersten Suizidversuch.

Haben Sie jemals mit Ihren Eltern darüber gesprochen?

Nein. Irgendwann habe ich das öffentlich gemacht, weil ich nicht irgendwelche oberflächlichen Dinge erzählen wollte. Da waren sie beide etwas geschockt, weil sie von vielem nichts wussten.

Adele Neuhauser – Schauspielerin aus wien  Horch zua, Adele!
"Gratuliere, du hast mi gwunna!" Adele Neuhauser und der Mostdipf, das hat ganz schnell gepasst.

Mit Ihrem Sohn Julian verbindet Sie eine tiefe Verbindung. Sind Sie eine gute Mutter?

Das ist eine g’feanste Frage! Für eine Mutter ist es sicher nicht leicht, ihr Kind für so lange Zeit immer wieder allein zu lassen, um dem Beruf nachzugehen. Natürlich war es zum großen Teil wichtig zu arbeiten, um zu leben. Das hat mich schon sehr belastet. Ich hatte ganz seltene Momente, in denen ich gleichzeitig die Aufsicht für Julian hatte und gearbeitet habe. Das war gar nicht möglich. Da fand ich es besser, weg zu sein, und wenn ich wieder zurück bin, dann bin ich auch vollends wieder zurück. Ich weiß aber von Julian, dass es ihn nicht belastet und ihm nicht geschadet hat. Vielleicht ist es ja auch gar nicht so gut, wenn man immer beim Kind ist. Ein Kind muss sich ja auch entfalten können. Ich glaube, Erziehung ist die Summe von Fehlern. Und in Liebe vollzogene Fehler schaden nicht so. Wie oft erdrückt man Kinder, indem man sie sich in einer bestimmten Art vorstellt. Wie sie werden, was sie können, was sie tun müssen. Das ist gar nicht notwendig. Ein Kind hat eine natürliche Intuition. Natürlich muss es an der Hand genommen werden.

Wenn man auf der Leinwand so präsent ist wie Sie, mutiert man da nicht in gewisser Weise unfreiwillig zum Allgemeingut in der Öffentlichkeit?

Natürlich exponiert man sich mit Fernsehen auf eine ganz andere Weise als im Theater. Da musste ich schon lernen, worauf ich mich einlasse. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht freudig angelächelt werde und begrüßt werde. Und wenn mich das stören würde, dann wäre ich eine seltsame Person. Es freut mich, dass ich Menschen etwas geben kann.

Wie viel Adele Neuhauser steckt in Tatort-Kommissarin Bibi Fellner?

Sie ist mir wahrscheinlich am nächsten. Von Ihrer Verletzlichkeit, von ihrer feinen Wut, von ihrem Humor, ihrer Traurigkeit und kämpferischen Art hat sie sehr viel von mir.

Was ist Ihr Fazit zum allgegenwärtigen Thema Corona?

Wir wissen jetzt, dass es so nicht weitergehen kann. Wir müssen uns jetzt um die Umwelt kümmern.

Ist dieser Wunsch nach Änderung möglicherweise naiv oder kindlich?

Ich glaube da wirklich, dass man den gesunden Menschenverstand wecken muss. Wenn wir unsere Umwelt zerstören, dann haben wir keinen Lebensraum mehr. Aus. Schluss. Und wir haben gesehen, dass es schneller geht, als wir dachten. Es betrifft uns alle, und das ist etwas, was wir jetzt tun müssen.

Viele sagen, Corona wurde von der Bundesregierung vergleichsweise gut gemanagt – sehen Sie das auch so?

Finde ich auch. Ich bin froh, in Österreich gewesen zu sein. Ich bin wirklich erstaunt, wie ruhig und vorausschauend und umfangreich eine Regierung, die gerade erst in Amt und Würden getreten ist, so einen kühlen Kopf bewahrt hat. Wenn man sieht, wie andere Regierungen damit umgegangen sind, können wir wirklich von großem Glück reden, dass wir hier sind.

Artikel von

Helmut Atteneder

Redakteur Kultur

Helmut Atteneder
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