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Oberösterreich

Fünf vor Neun: Ein Crash, ein Stillschweigen und ein Krisenstab XXL

Von Gerald Mandlbauer  02. April 2020 09:00 Uhr

Fünf vor Neun

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Corona-Crash. Ich bin der Werner Grissmann der Geldanlage. Für die Jüngeren: Grissmann war ein Skiläufer der Achtzigerjahre, mit seiner Leibesfülle eher bei Vitus Mostdipf als bei Vince Kriechmayr anzusiedeln, das vielleicht als Erklärung dafür, weshalb er bei seinen vielen Abfahrten vom Start bis ins Ziel meistens kontinuierlich langsamer geworden ist. Er war der Zwischenzeiten-Weltmeister. Die Abfahrten hätten nicht länger als 30 Fahrsekunden dauern dürfen und Grissmann wäre einer der Allerbesten gewesen. Ähnlich wie Grissmann und damit wieder zu mir, bin ich bei der Geldanlage unterwegs. Was ich auf dem Papier gewonnen habe, bringe ich mit Fortdauer der Zeit selten ins Ziel. 

Der Grissmann-Komplex. Irgendwie kommt mir immer etwas dazwischen - ein Crash, die Russland-Sanktionen, die verkehrte Aktie oder jetzt ein Virus. Es ist wie verhext. Eine Erklärung kann sein, dass mein Geldberater notorisch optimistisch ist. Er ist zugleich mein Freund. Das ist keine sehr gute Kombination. Natürlich haben wir beide Corona übersehen. Sie hätten darauf wetten können. Aber wir arbeiten jetzt ernsthaft daran, unseren Grissmann-Komplex abzulegen. Gestern habe ich mit ihm telefoniert. Er hat mir geschworen, dass wir in fünf, zehn Jahren, wenn wir als alte Männer zurückschauen werden, das Jahr 2020 als ein Jahr der großen Chance mit echten Aktien-Kaufkursen begreifen werden. Das ist etwas, was sie im Wirtschaftsteil der OÖN so konkret noch nicht gelesen haben, ein ganz heißer Tipp. Verantwortung dafür übernehmen wir beide natürlich keine. Aber ich werde heuer noch reagieren, die Frage ist nur wann. 

Ist alles perfekt? Doch es gibt aktuell andere Sorgen, damit wieder zu Ernsthafterem. Seit Wochen trommeln in Oberösterreich die Verantwortlichen, dass alles für den großen Ansturm an Corona-Patienten perfekt gerüstet sei. Das ist, wenn man das Bemühen und die Größe der Aufgabe betrachtet, wahrscheinlich nicht falsch. Man hat das Menschenmögliche angesichts der Umstände getan, um gut über die nächsten Tage und Wochen zu kommen. Man hat den Leuten, also uns, dabei aber doch nicht die volle Wahrheit zugemutet, wie die OÖN in ihrem heutigen Blattaufmacher berichten. 

Corona-Spreader. In einigen Spitälern, vor allem jedoch in der Kepler-Universitätsklinik, die demnächst den größten Andrang an Corona-Patienten bewältigen wird müssen, stimmt die Aufregung und die Nervösität des Personals und auch einiger Führungskräfte nicht überein mit dem öffentlich bekundeten Selbstbewusstsein. Gravierende Engpässe sind evident und es ist bereits etwas eingetreten, was eigentlich viel länger verzögert oder überhaupt verhindert werden sollte: dass die Spitäler zu Virenschleudern werden, sogenannten "spreadern."

Onkologie und Neuromed-Campus betroffen. Im Kepler-Klinikum ist es schon soweit. Patienten wurden mit dem Virus infiziert, dazu Pfleger, Ärzte, Psychologen, es fehlen weiterhin Tests, Abteilungen wurden geschlossen, auch das ist im Krisenprogramm alles als Maßnahme geplant und vorgesehen. Was die Mitarbeiter und die Öffentlichkeit jedoch alarmieren sollte, ist die Tatsache, dass diese Vorkommnisse sehr restriktiv nach außen kommuniziert werden, oder besser gesagt, gar nicht. 

Wieso Furcht vor Transparenz? Schweigen und Beschönigen der Lage, das ist keine gute Form der Krisenkommunikation am Beginn einer ernsten Lage. Doch noch gibt es ja Gelegenheit, in den Transparenzmodus zu wechseln, wie er in Krisenzeiten üblich sein sollte. Wie sagte der frühere BWL-Papst Schlegelmilch über klare Führung in schwierigen Zeiten: "Seien sie ehrlich. Die Leute vertragen die Wahrheit. Sagen sie es in einfachen Worten. Und geben sie den Leuten immer das Gefühl, sie wissen, was sie tun." 

Krisenstab XXL. Kann sein, dass gute Absicht hinter diesem defensiven Informationsgebaren steckt. Vielleicht will man die Leute nicht verunsichern. Vielleicht hat - sagen wir es vorsichtig  - eine gewisse kommunikative Unbeweglichkeit - auch mit der Zusammensetzung und der Größe der Aufgabe und des Umfangs der Krisenstäbe zu tun. Jener des Landes ist eine Art kleiner Volkskongress, mit sovielen Personen besetzt, dass dieser gewaltige Stab selbst das Potential hat, "super-spreader" als Corona-Schleuder zu werden. Leute, die das Arbeiten in klaren und übersichtlichen Kommandostrukturen gewöhnt sind, fremdeln gewaltig damit. Das ist auch dem Landeshauptmann bewusst, er hat diesem Stab daher einen kleinen Führungskreis vorgeschaltet, Stelzer sei auch klar, dass vieles noch beschleunigt werden müsse, heißt es hinter vorgehaltener Hand. „Das Ganze ist ein lernendes System“, so ein Insider, täglich werden wir besser. Vielleicht auch in der Kommunikation.

Bin ich feig? Zum Abschluss dieses heutigen Morgenbriefes ein paar persönliche Bemerkungen.Täglich erhalten wir Mails, in denen wir aufgefordert werden, als Journalisten endlich Mut zu zeigen, gegen den Strom zu schwimmen, den harten und klaren Corona-Kurs der Regierung nicht als alternativlos zu akzeptieren. "Zeige Courage", schreibt mir ein guter Freund, "das Land hält es wirtschaftlich nicht länger aus." Die Journalisten wären "eingebettet", behauptet ein anderer, ein seriöser Mediziner, bekannt für seine trockene Sachlichkeit, schickt mir das Video des Virologen Haditsch, der alle bisherigen Maßnahmen für überzogen hält, vor allem im Vergleich mit der Grippe.

Alles richtig und geschenkt. Natürlich sind auch wir für eine rasche Lockerung, sobald die Sache ausgestanden ist. Dumm, anderes zu wollen. Zugleich spricht die Distanz von der Verantwortung aus diesen Worten unserer Kritiker. Als Zeitungsjournalisten möchten wir hingegen keinen Beitrag dazu leisten, dass die Österreicher die Sache bagatellisieren, Maßnahmen lässiger nehmen und als Folge dessen in den nächsten Tagen oder Wochen die Spitäler kollabieren. Österreich steht in einer schwierigen Phase, da müssen wir alle durch. Das Risiko ist groß. Ich habe Respekt davor und noch größeren vor der Politik, die die Letztverantwortung trägt und die sich nicht mit dieser schweren Bürde der letzten Entscheidung wie die Youtube-Kritiker in die Versenkung flüchten kann, sobald es Tote gibt. 

Nennen Sie das ruhig Meinungsjournalismus, oder auch Feigheit. Für mich fällt es unter höhere Verantwortung. 

Einen schönen Tag, genießen Sie das Wetter, am besten alleine unter sich. 

Artikel von

Gerald Mandlbauer

Chefredakteur

Gerald Mandlbauer
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