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Oberösterreich

Fünf vor neun: Der tägliche Newsletter der Chefredaktion

01. April 2020 08:55 Uhr

Fünf vor Neun

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Maske in Weiß. Heute ist ein besonderer Tag. Wir beginnen beim Einkauf unsere Gesichter zu verhüllen. Wenn wir dabei Mund und Nase verbergen, ist das eine neue Kulturform der Distanzierung und Uniformierung. Alle werden wir gleich, wenn wir unsere Gesichtsmitte verlieren, Stupsnasen, große Zinken, Knollen- oder Hakennasen verschwinden. Geruchssinn und Gedächtnis sind eng miteinander verwoben, so wird uns einmal die Corona-Epoche als der Geruch des Vlieses in Erinnerung bleiben. Es wird nicht lange dauern, und die Maske wird als Accessoire begriffen, die ersten Kreationen machen auf Instagram die Runde, im Newsroom der OÖN dominiert die Maske in Weiß als Schlosseranzug des arbeitenden Volkes. Wir halten, obwohl wir die Mannschaft weiter ausgedünnt haben, den Reaktor auf normaler Betriebstemperatur, das Land giert nach seriösen Informationen, wir liefern. Der ORF feiert vorösterliche Wiederauferstehung, die Zib 2 wird von zwei Millionen gesehen, die  Verbreitung der OÖN kratzt an historischen Wasserstandsmarken. 

Zeitungs-Revival. Sogar am eigenen Frühstückstisch geschehen noch Wunder: Die Tochter, digital aufgewachsen, streitet sich um die Zeitung aus Papier, ein Novum, sind die Kinder doch digital ernährt worden. Zwischen Müsli, Kaffee und Porridge für den nervösen Journalistenmagen liegen jetzt die OÖN wild über den Tisch verstreut - eine Morgencollage, so wird es in vielen Haushalten sein, guter Zeitungsinhalt ist heute begehrtes Grundnahrungsmittel, das mit dem großen Schöpfer gelöffelt wird. 

Zwei Linien im Newsroom. Im Backoffice der Redaktion werden, wie im Eishockey, ab heute zwei Linien gebildet. Nur eine steht auf dem Eis, die zweite wartet in Reserve, auch die Führungskräfte haben sich auf beide Flügel verteilt. So wollen wir Corona-Risken minimieren. Im Newsroom können unsere Leute heute Fangenspielen oder Verstecken, eine knappe Handvoll hält dort unter den beiden Desk-Chefs Toms Arnoldner und Clemens Thaler die Stellung. Beide wechseln einander ab und überwachen die komplexe Materie Zeitungsgeburt. Jeder Handgriff ist auf Einfachheit getrimmt, wir reden von Hierarchie wie auf dem Segelschiff bei rauhem Wetter. 

Große Lage im Landhaus. Auch zur Bekämpfung von Corona - oder richtiger  - für Gefechte, die man auf keinen Fall verlieren darf, herrscht kein Mangel an Anleitung. Zitieren wir den Militärstrategen Clausewitz: „Jede Minute, die man in Lagebesprechung investiert, zahlt sich dreifach aus.“  Dieser Rat gilt auch in Nachbarschaft des Newsrooms, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Jeden Abend, wenn ich von der Linzer Promenade über leere Straßen heim fahre, stehen Feuerwehr- und Dienstautos und Rot-Kreuz-Wagen, in zwei Reihen vor dem Linzer Landhaus,  große Lage. Hier tagt der Krisenstab, die letzten Tage weit bis in den Abend hinein. Ein Hauptschwerpunkt ist die Beschaffung von knappem Gut, Masken, Beatmungsgeräte, Schutzanzüge. Die Märkte gleichem Wildem Westen, jeder nimmt, was er kriegen kann, jeder kennt nur sich selbst. Geld spielt keine Rolle, auch wie im Krieg. Wer an Munition spart, während geschossen wird, hat schon verloren. 

Staat in der Midlife-Crisis. Das war einmal. Corona zeigt uns einen anderen Staat, der sich zurückschraubt in unsere Achtung. Wir merken, wie wichtig es ist, dass die Bürger ihren Politikern vertrauen können. Der Staat - zuletzt in einer Art midlife-crisis - müde und von vielen seiner Bewohner in seiner Durchsetzungsstärke angezweifelt - ist mit den Bürgern dank Corona zusammen gewachsen. Das heimische Krisenmanagement klappt, Österreich wird bisher von Corona nur milde gestreift, wenn wir an die Zustände in Italien und Spanien denken. Doch das soll uns nicht täuschen. Wir haben den Faktor Zeit gut bedacht, wir sind Nachbarländern auch mit der Verordnung von Masken einen Schritt voraus. Auch dazu gibt es bewährtes Militärwissen.“ Ein guter Plan heute ausgeführt ist besser als ein perfekter Plan nächste Woche.“ 

Hakenschlagen ist keine Führungsqualität. Donald Trump müsste in diesem Fach Strategie nachsitzen. Hakenschlagen zählt nicht zum Rüstzeug eines Offiziers auf der Brücke. Die New York-Post hat gestern errechnet, dass in New York alle 14 Minuten ein Mensch an Corona stirbt. Auch Trump muss erkennen, dass es bei Gesundheitsrisken keinen Ersatz für staatliches Handeln und klaren Kurs gibt und wird sich dabei selbst untreu. Sinnbild der Krise ist das Lazarettschiff USNS Comfort, das auf dem Hudson vor Manhattan ankert. 

"The Hammer". Anders als Trump hingegen der österreichische Kanzler. Zwar widersprach er gestern in Gesprächen mit Journalisten der Theorie, dass man die Kurve der Infizierten niedrig halten und dann über einen längeren Zeitraum strecken müsse. Dies sei zuwenig. Jetzt will Kurz das Virus „erschlagen“. „The hammer“, sagt Kurz dazu, mit voller Wucht drauf schlagen, das Virus vermehre sich exponentiell - und es ziehe sich auch exponentiell zurück, wenn die Maßnahmen wirken. Das ist nichts anderes als die Intensivierung des Bisherigen. Kurz bleibt sich dabei treu, sein Zwilling dabei ist der Bayer Söder, er bestimmt in Deutschland die Tonlage. 

Kurz‘ große Sorge. Dass die Leute die Gefahr noch nicht real erleben und nachlässig werden, solange sie nicht im eigenen Umfeld die Erfahrung von schwer Erkrankten machen. Doch das wird kommen. „Wenn wir unser altes Leben wieder haben wollen,müssen wir jetzt da durch.“ Oder, um es mit einem weiteren Strategen, US-General George Patton, zu sagen. „Man weiß, was man tun will. Man tut es dann auch. Und man wird verrückt, wenn sich jemand in den Weg stellt.“ 

Routine als Baldrian. Daran ist bei einer Mehrheit der Bürger nicht zu denken, zeigen Umfragen. „Wir halten durch“. Das sagen sich auch prominente Oberösterreicherinnen und Oberösterreicher. Die OÖN haben sie gestern befragt, wie sie Struktur und Halt in ihren neuen Alltag bringen, in dem Isolation und Einsamkeit auf Dauer schwer zu verkraften sind. Gewohnheiten wirken wie Baldrian, unser Gehirn braucht den Trott des Immergleichen. Die Routinen unserer Befragten sehen dabei unterschiedlich aus. Die einen schreiben ganz altmodisch Briefe, andere backen Brot, oder lernen das Kochen, dritte werden als Athleten aus der häuslichen Corona-Klause gehen, sie schwören auf den Sport. Und vielleicht hält sich der eine oder andere an das Lesen und dabei an Talleyrand: „Nichts ist jemals so gut, oder so schlecht, wie es im Augenblick scheint.“

In diesem Sinne schauen auch Sie auf sich. Wir sehen uns morgen.

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