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Oberösterreich

"Es war eine Befreiung, wir haben richtig geheult"

Von Clemens Schuhmann 09. November 2019 00:04 Uhr

Vor 30 Jahren öffnete Ungarn seine Westgrenze
Ungarn erlaubte am 11. September 1989 die Ausreise.

Familie S.* flüchtete im Sommer 1989 via Ungarn.

Familie S. hatte sich gut in der DDR eingerichtet. Ende der 1970er-Jahre bezogen Herr und Frau S. ihr selbst gebautes Haus in Rathewalde in der Sächsischen Schweiz nahe Pirna: "Wir haben dort schöne Jahre verbracht", sagt Herr S. im OÖN-Interview. Und Frau S. ergänzt: "Uns ging’s nicht schlecht, obwohl wir politisch nicht engagiert waren." Bis alles am und im Haus fertig war, dauerte es einige Jahre. "Dann war ein Jahrzehnt um. Und als wir hochschauten, waren von unseren Freunden viele ausgereist", sagt sie.

Als Herr S. keine Baumaterialien mehr für den Hausbau organisieren musste, gab’s Zeit zum Nachdenken. "Wir hatten ein schönes Haus in einer wunderschönen Umgebung, aber wir kamen nicht mehr mit den politischen Verhältnissen im Land zurecht", erzählt der Absolvent der Verkehrshochschule in Dresden.

Ein Schlüsselmoment war ein Urlaub in Ungarn. "Da lagen wir am Strand neben einer Familie aus Österreich. Im Bad gab’s eine große, kostenpflichtige Rutsche. Die österreichischen Kinder rutschten unentwegt – wir konnten unseren beiden Kindern aber pro Tag nur zwei Rutschpartien ermöglichen. Mehr gab das vom Staat gewährte Urlaubsgeld nicht her. Dabei haben wir, genau wie die Österreicher, Vollzeit gearbeitet", erzählt Herr S. Und seine Frau betont: "Das war nicht Neid, das war Beklemmnis: Ich kann nicht, ich darf nicht."

Ausschlaggebend für den Ausreisewunsch war das "Parteiproblem": Herr S. hätte einen beruflichen Aufstieg machen können, mit 40 Prozent mehr Gehalt – allerdings hätte er dazu der Staatspartei SED beitreten müssen. Das wollte er auf keinen Fall. Damit gab’s keine Aufstiegsmöglichkeiten mehr.

Erst Ausreiseantrag, dann Staatsfeinde

1987 haben Herr und Frau S. einen Ausreiseantrag gestellt. "Ab dem Zeitpunkt waren wir Staatsfeinde", sagt Herr S. "Das brachte mir beruflich Nachteile." Auch seine Frau wurde gemobbt: "Mir wollte man Fehler nachweisen, die ich angeblich zehn Jahre zuvor gemacht haben soll. Es war schlimm, schließlich musste ich aufhören zu arbeiten", erzählt sie.

Da die Ausreise nicht genehmigt wurde, dachte Familie S. an Flucht. Und da tat sich – mittlerweile war Sommer 1989 – das Schlupfloch Ungarn auf. Also brach das Quartett Ende Juli mit einem Wartburg auf – mit dem Plan, über die grüne Grenze nach Österreich zu gelangen. Unterstützt wurden sie dabei von einer befreundeten Familie aus Linz. "Mit ihrem Auto brachte Familie M. uns abends nahe an die Grenze in der Umgebung von Sopron. Es dunkelte bereits, wir sind im Gänsemarsch durch den Wald gegangen", schildert Herr S. die bangen Minuten. "Dann bin ich plötzlich gegen einen Stolperdraht gestoßen. Schlagartig ging Licht an, Hunde fingen an zu bellen. Dann kamen auch schon die Grenzer angelaufen – mit der Kalaschnikow im Anschlag. Wir wurden festgenommen und in eine Kaserne gebracht."

Nach drei Tagen wurden die vier DDR-Bürger freigelassen, die Familie fuhr zu einem Zeltplatz – und die Eltern tranken erst einmal eine Flasche Schnaps, "um uns zu beruhigen", sagt Frau S. "In die deutsche Botschaft in Budapest wollten wir nicht, wir hatten keine Kraft mehr. Das Schlimmste war die Fahrt von Ungarn zurück in die DDR. Keiner durfte von unserer fehlgeschlagenen Flucht erfahren, nicht einmal unsere Eltern. Auch unsere Kinder durften von dem Erlebten niemandem etwas erzählen." Ende September startete Familie S. einen zweiten Versuch, seit 11. September ließ Ungarn DDR-Bürger ja ungehindert über die Westgrenze ausreisen.

Neustart begann mit nur fünf D-Mark

"Am 29. September starteten wir erneut, um 23.30 Uhr erreichten wir Györ", sagt Herr S. Tags darauf kaufte er vier Zugfahrkarten nach Österreich. Herr S. durfte nicht in Forint zahlen, 145 D-Mark wurden ihm abgeknöpft. "Wir hatten 150 Mark, unser Startkapital im Westen. Unser Neustart begann also mit nur fünf Mark." Als der Zug österreichisches Gebiet erreicht hatte, flossen die Tränen: "Es war eine Befreiung, wir haben richtig geheult, es fing ein neues Leben für uns an", erzählt Frau S., die damals 39 Jahre alt war. Ihr Mann war 37, die Kinder waren 9 und 12 Jahre alt.

Zehn Tage verbrachte Familie S. in Linz bei ihren Freunden, dann begann in Hessen ein neues Leben. 1993/94 übersiedelte Familie S. nach Oberösterreich. Bereut haben sie ihre Flucht "keine Minute", wie Herr S. betont. "Wir würden alles wieder so machen." Und Frau S. ergänzt: "Ohne die Hilfe unserer oberösterreichischen Freunde und vieler anderer hilfsbereiter Menschen wären wir heute nicht dort, wo wir sind".

*Auf Wunsch der Familie wird der Name abgekürzt.

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Clemens Schuhmann

Redakteur Außenpolitik, Weltspiegel

Clemens Schuhmann
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