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Oberösterreich

Die Harten und die Zarten

Von Bernhard Lichtenberger  22. Februar 2020 00:04 Uhr

Die Harten und die Zarten
„Es ist wichtig, das Brauchtum in seiner Ursprünglichkeit zu bewahren“, sagen Oberflinserl Ulrike Urban und ihr Mann Hannes.

Das Ausseerland rüstet sich für den Ausnahmezustand. Überdurstige, lärmende Männer verschleiern ihr Geschlecht, prächtig glitzernde Figuren werfen Nüsse. Es ist Fasching.

Heilig, heilig, heilig. Das sind den Ausseern ab morgen die drei Faschingtage. "Lustvoll ausgelebte Anarchie", nennt Alfred Komarek diese Zeit in seinem Roman "Narrenwinter". Dann regieren in den Gassen und Wirtshäusern die Maschkera, die Maskierten, werden unter dem Loser die Peinlichkeiten und Schandtaten des vergangenen Jahres singend aufs Korn genommen. Die Trommelweiber geben der sogenannten fünften Jahreszeit den trunkenen Rhythmus. Die farbenprächtigen, glitzernden Flinserl wünschen den Frühling herbei. Die Fetzen schwingende, den Winter symbolisierende Pless muss sich mit Schneebälle werfenden Kindern messen. 2017 wurde das Ausseer Faschingtreiben, bei dem sich zudem Bürger und Arbeiter aneinander reiben, in das Österreichische UNESCO-Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Die Markter Trommelweiber gehören seit 253 Jahren zu Bad Aussee. Sie passen zur verkehrten Welt, die der Fasching erlaubt, denn unter den Nachthemden, bunten Schürzen, Rüschenkragerln, Schlafhauben und Masken verbergen sich gestandene Mannsbilder. An der Erzählung, die Trommelweiber verhöhnten auf diese Weise die unglücklichen Bürgersfrauen, die dereinst im Nachtgewand ihre nächtens versumperten Angetrauten in den Wirtshäusern suchten, hält auch Andreas Winkler fest. Der 54-Jährige, der in siebenter Generation das seit 1780 bestehende Kaufhaus in der Ischler Straße betreibt, führt seit 17 Jahren den lärmenden Zug als Obertrommelweib an.

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c Mit der Fahne, die Novizinnen nach dem Eid küssen müssen, führt Obertrommelweib Andreas Winkler den Zug der Markter Trommelweiber am Faschingmontag an.

Dass die lautstarke Schar tatsächlich seit 1767 umgeht, wird an der Fahne festgemacht, die Winkler schwingt. "Zum hundertjährigen Jubiläum 1867" ist darauf zu lesen und "In der narrischen Zeit san ma narrische Leut". Wer dazugehören will, muss hartnäckig anfragen – und darf sich nicht vor dem Aufnahmeritual fürchten, das ihn erwartet. 

Diesen Faschingmontag treten vier „Novizinnen“ an. Diese müssen zuerst eine Zigarre rauchen, „zur Beruhigung“, erklärt das Obertrommelweib. Dann gilt es, einen Luftballon bis zum Zerplatzen aufzublasen und einen scharfen Pfefferoni zu verzehren. Zu guter Letzt, wenn man das so sagen darf, hat ein Neuling einen Viertelliter Schnaps ex die Kehle hinunterzustürzen. „Aber eh nicht auf nüchternen Magen“, beruhigt Winkler.
Schließlich wird der Eid gesprochen: „Ich gelobe, an den heiligen drei Faschingtagen, alle Kraft dafür einzusetzen, jeden Arbeitseifer schon im Keim zu ersticken, meine Ernährung ausschließlich auf geistvoll-flüssige Substanzen auszurichten, noch mehr Wirtshäuslichkeit an den Tag zu legen, dem Rufe der großen Trommel jederzeit und bedingungslos Folge zu leisten und nur in der Treue zur ruhmreichen Trommelweiberfahne nicht zu schwanken.“ Nach einem Kuss der Fahne ist das Trommelweiberdasein auf Lebenszeit besiegelt.

Gesungener Spott

Schon um acht Uhr früh rotten sich die Trommelweiber beim Gasthof „Blaue Traube“ zusammen. Der Tag beginnt mit einem Seidl Bier, „und dann geht’s zum Pfarrer auffi, damit wir seinen Segen kriegen“, sagt Winkler. Zu den Klängen des Ausseer Faschingmarsches, den rund 20 Musikanten hinter dem Fahnenträger wie in Endlosschleife blasen, klappern die Trommelweiber Wirtshäuser, Banken und Geschäfte ab. Die Narrenfreiheit belegen die Faschingbriefe: gesungener Spott, der sich auch über honorige Leute ergießt. Der Brauch wurzelt im mittelalterlichen Rügegericht, das es dem Gesinde einmal im Jahr erlaubte, seine Herren zu kritisieren.

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z Bevor die heiligen drei Faschingtage im Ausseerland anbrechen, prüft Oberflinserl Ulrike Urban, was an ihrem wertvollen Kostüm auszubessern ist.

Der Hohn rutscht wohl leichter über die Zunge, wenn sie vom Alkohol gelöst ist. „Du musst dosieren“, sagt Andreas Winkler, will man die Trinkerei bis nach 18 Uhr aushalten. Dann rollen die letzten Wackeren in der „Blauen Traube“ die Fahne zur Trommelweiber-Hymne ein: „Heut is da Faschingtag, heut sauf i was i mag, heut mach i ’s Testament, ’s Geld geht zu End!“

Dienstag ist Flinserl-Tag

Die Gaudi ist damit noch nicht vorbei. Am Faschingdienstag schlägt den Flinserln die Stund’. Weil an den heiligen drei Tagen die „Blaue Traube“ der Mittelpunkt der Welt zu sein scheint, finden sich um 14 Uhr dort auch die wunderbar gekleideten Figuren ein, um ihren Weg durch den Ort anzutreten. „Ab einem Alter von 20 Jahren kann man anfragen, ob man mitgehen darf“, sagt Oberflinserl Ulrike Urban, „vorausgesetzt, man hat ein Gewand.“ Die Kostüme sind so wertvoll, dass sie vererbt werden.

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z Nachdem die Gugl über den Kopf gestülpt wurde, krönt der Spitzhut das Flinserl-Haupt.

Hose, Rock, Jacke, Fußgamaschen und Gugl (Gesichtsmaske) bestehen aus Leinen. Darauf werden kunterbunte Fleckerl aus Filz, Tuch oder Loden in verschiedenen Motiven angebracht, zum Beispiel Tanzpaare, Schmetterlinge, Gams, Sonne, Mond und Sterne, oft auch ein Mohrenkopf. Die sind wiederum mit Tausenden glänzenden Silberpailletten bestickt. Das Erscheinungsbild runden weiße Handschuhe, eine fein gelegte Halskrause und der Spitzhut aus Filz oder Pappendeckel ab. Ulrike Urban schlüpft in ein 150 Jahre altes Flinserl-Kostüm, das sie von einer Familie ohne Nachkommen übernommen hat. Rund 500 Arbeitsstunden stecken in so einem Gewand. „Würde man heute eines in Auftrag geben, kann man mit 10.000 Euro rechnen“, sagt die 67-jährige Bad Ausseerin.

„Kraxnweib, Kraxnweib …“

Dass sie selbst schon mit 18 Jahren mit Flitter durch den Ort zog, lag an einem Missgeschick ihrer Mutter. Diese holte die weißen Handschuhe vom Dachboden, fiel über die Stiege und brach sich die Hand. Damit Mamas kostbares Gewand trotzdem unter die Leute kommt, durfte es die Tochter anziehen. Seither kommt Ulrike Urban von diesem Brauchtum, den Frauen und Männer ausüben, nicht mehr los, „ich hab das im Blut“.
Zu feinen Geigenklängen, die alpenländische Weisen spielen, marschieren die Flinserl zum Kurhausplatz, wo aus prallen Leinensäcken Walnüsse, Orangen und Zuckerl für die Kinder ausgeworfen werden – aber nur, wenn diese ein Sprücherl aufsagen, dem ein lautstarkes „Nuss!“ folgt. Die Sager können deftig ausfallen. „Kraxnweib, Kraxnweib, bleib a weng steh, i scheiß da in d’Kraxn nei, dann kannst wieda geh“, erschallt gar nicht selten. Bevor die mystischen Frühlingsgestalten im Dämmerlicht ihre Wirtshaustour antreten, tanzen sie noch zu einem mit zünftigen Gstanzln gespickten Steirischen im Kreis.

Um das Wohl der Flinserl sind die begleitenden, mit schwarzen Zylindern behüteten Zacherl bemüht. An ihren Stöcken hängen Saublasen, mit denen sie zu nahe kommende Fotografen verscheuchen. „Die Zacherl sind unsere Leibwächter, und auch Eltern oder Großeltern, die sich um die Nüsse bücken, die für die Kinder bestimmt sind, müssen sich vor ihnen in Acht nehmen“, sagt Urban.

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z 150 Jahre alt ist dieses prächtige Flinserl-Kostüm, das am Faschingdienstag in Bad Aussee zu bewundern sein wird.

Bisweilen kommen den Flinserln die Arbeitertrommelweiber in die Quere, die ebenfalls den Faschingdienstag zu ihrer Spielwiese erklärt haben. Diese fanden 1928 zusammen, weil damals die bürgerlichen Markter Trommelweiber in ihren Reihen keine Arbeiter duldeten, vornehmlich jene aus der Saline. Andreas Winkler sieht das sich einst am sozialen Status reibende Verhältnis mittlerweile entspannt, „weil im Maschkera-Himmel kommen wir alle z’samm“.
Diesseitig treffen sich die Markter Trommelweiber nach dem Fasching noch einmal, am Samstag nach dem Aschermittwoch. „Nachrausch“ nennt sich diese Zusammenkunft im Gasthaus „Weißes Rössl“, bei dem den während des Umzugs gespendeten Würsten, Beugeln und Bierfässern der Garaus gemacht wird. Während der Fastenzeit? „Deshalb haben wir uns ja beim Pfarrer den Segen geholt“, sagt Winkler und grinst.

 

Ausseer Fasching

Flinserl: Die prächtigen Frühlingsfiguren, deren Geschichte bis ins 18. Jahrhundert reicht, ziehen am Faschingdienstag zur Geigenmusik durch Bad Aussee und verteilen Nüsse, Orangen und Zuckerl an Kinder. Spekulationen, wonach die Masken aus einer Verbindung mit Venedig herrühren, lassen sich nicht belegen.

Zacherl: Die Flitterlosen tragen schwarze Zylinder und bahnen den Flinserln mit Stöcken, an denen Saublasen befestigt sind, den Weg.

Markter Trommelweiber: Zur Blechmusik und dem Rhythmus der Trommeln ziehen die verkleideten Männer am Faschingmontag durch den Ort. Seit 1928 gibt es zudem die Arbeitertrommelweiber, später formierten sich auch in anderen Orten Trommelweiber.

Die Dudl: Mit einem alten Seidenschirm gibt diese Figur, die unter dem rosaroten
Nachtgewand einen hölzernen Reifrock trägt, den Markter Trommelweibern den Takt vor.

Pless: Den Winter verkörpern die Pless, die von Kindern und Jugendlichen mit Schneebällen beworfen werden. Die Weißgekleideten haben einen Bienen- oder Weidenkorb über den Kopf gestülpt und wehren sich mit einem nassen Fetzen an einem Stock.

Weiters gehören zum Ausseer Fasching Maschkera-Fischer, Arbeiterflinserl, Altausseer Knopferl, Fleckerlflinserl und Fleckerl.

- Lesen Sie zum Thema auch die Kolumne von Roman Sandruber: An der Kleidung erkennt man die Narren

 

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