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Oberösterreich

Der Winter der Tourengeher

Von Gabriel Egger  05. Dezember 2020 15:43 Uhr

Der Winter der Tourengeher
Aufstieg in unberührtem Pulverschnee: Für alpine Skitouren muss der Rucksack gut mit Erfahrung gefüllt sein.

LINZ. Alpine Vereine rechnen heuer mit bis zu 120.000 Tourengehern mehr als in den vergangenen Jahren.

Abstand halten: Die Corona-Krise hat einer der wichtigsten Grundregeln im Skitourensport eine breitere Bedeutung verliehen. Galt sie bislang vorrangig in Steilhängen über 30 Grad Neigung, um die Belastung auf die Schneedecke zu verringern, ist sie in diesem Jahr auch in Tallagen wirksam.

Alpenverein und Naturfreunde sind sicher: Um körperlichen Abstand voneinander und gedanklichen von der Pandemie zu gewinnen, wird es in diesem Winter deutlich mehr Menschen mit Steigfellen unter den Skiern in die Berge ziehen. Zu den aktuell rund 600.000 aktiven Tourengehern in Österreich sollen laut Schätzungen der alpinen Vereine heuer noch einmal rund 20 Prozent hinzukommen. "Eine erfreuliche Entwicklung, weil gerade beim Skitourensport ein coronagerechtes Verhalten sehr gut umsetzbar ist", sagt Helmuth Preslmair, Bundesreferent für Skitouren bei den Naturfreunden Österreich. Das sieht auch Thomas Poltura, Landesleiter des Alpenvereins, ähnlich.

Neuerungen im Salzkammergut

Aber es gibt auch eine Kehrseite: In vielen Regionen sei es bereits in den vergangenen Jahren zu großen Problemen gekommen, weil die Parkplatz-Situation völlig unzureichend ist. Es habe sich trotz laufend steigender Anzahl an Tourengehern vor allem in der Pyhrn-Priel-Region kaum etwas getan, sagt Preslmair. Die Naturfreunde zogen sich deswegen aus dem vom Pyhrn-Priel-Tourismus angedachten "Skitourenlenkungskonzept" zurück. Das Konzept sieht vor, dass Parkplätze an Ausgangspunkten neu errichtet oder optimiert werden und eine einheitliche Beschilderungsstruktur geschaffen wird – allerdings frühestens im Winter 2021/22.

Im Inneren Salzkammergut hat man bereits auf den erwarteten Ansturm der Tourengeher reagiert: In Zusammenarbeit mit Tourismus und Liftbetreibern hat die ARGE Skibergsteigen über den Sommer an einem langfristigen Konzept gearbeitet: Vier Einstiegstouren werden bereits heuer neu beschildert, Abfahrten sind über Pisten oder pistenähnliches Gelände möglich. In Gosau stellt die Gemeinde dafür einen neuen Parkplatz zur Verfügung.

Dürfen Tourengeher schon auf die Piste?

Noch fehlt der Schwung. Oberösterreichs Skigebiete öffnen in dieser Saison erst ab dem 24. Dezember. Ob die vielerorts bereits beschneiten und teils präparierten Pisten bis zu diesem Zeitpunkt von Tourengehern genutzt werden dürfen, hängt derzeit von der Einschätzung der jeweiligen Betreiber ab. Eine klare gesetzliche Regelung gibt es nicht. Während sich die Gerlitzen in Kärnten als „gewidmete Sportfläche“ sieht und wegen des Lockdowns ein allgemeines Verbot ausspricht, steigen auf den Pisten im Salzburger Obertauern Hunderte Tourengeher bergan.

Auch auf der Wurzeralm in Spital am Pyhrn herrschte am Freitag reges Treiben. Rund 100 Pistengeher waren bis zum späten Nachmittag unterwegs. Ist das erlaubt? „Eigentlich nicht. Unsere Pisten sind gesperrt“, sagt Helmut Holzinger, Geschäftsführer der Hinterstoder Wurzeralm-Bergbahnen. Nicht wegen des Lockdowns, sondern wegen der Vorbereitungsarbeiten. „Es ist derzeit wirklich nicht ungefährlich. Ich bitte die Tourengeher, noch ein bisschen zu warten“, sagt er. Er werde die Aufstiegsspur für Tourengeher „so schnell wie möglich“ freigeben, aber jedenfalls „deutlich vor dem 24. Dezember“. Eine angedachte Aufstiegsspur für Pistengeher in Hinterstoder wurde indessen wieder verworfen. „Es wird leider auch in Zukunft nicht möglich sein.“
Eine Neuerung gibt es im Skigebiet Dachstein-West: In Rußbach werden heuer im Nahbereich der Hornbahn eine Teststation für Pistengeher und eine eigene Aufstiegsspur errichtet. Gespräche über eine derartige Neuerung laufen auch in Gosau. (geg)

Tourentipps für den sicheren Einstieg zum Anstieg

Eine Einkehr zum Einstieg

Ein Tipp von Christoph Preimesberger, Landesleiter Bergrettung Oberösterreich

Christoph Preimesberger

Goisererhütte: Langsam beginnen und genauso langsam steigern. Das rät Oberösterreichs Bergrettungschef Christoph Preimesberger Neulingen im Skitourensport. Denn Kondition müsse man sich erst erarbeiten. „Außerdem ist es ratsam, spätestens beim Wechsel ins alpine Gelände eine Bergekostenversicherung abzuschließen“, sagt er.
Damit es gar nicht erst zu einem Rettungseinsatz kommt, fällt Preimesbergers Wahl als Tipp für Anfänger auf keinen Gipfel: „Die Tour von Gosau zur Goisererhütte ist relativ lawinensicher, überschaubar in der Länge, sehr sonnig, und am Ende wartet mit der Einkehr die Belohnung“ , sagt der Hallstätter. Vorausgesetzt, Hüttenwirt Max Verwagner dürfe Türen und Fenster ab 7. Jänner tatsächlich wieder öffnen.

Der Skiweg zur Goisererhütte führt vom Gosauer Ortsteil Ramsau über breite Forststraßen und schmälere Waldschneisen an der Iglmoosalm vorbei. Die Gemeinde Gosau stellt in diesem Winter den Wanderparkplatz Schlosspark für Tourengeher bis auf Widerruf kostenlos zur Verfügung.

Ein Eck mit Rundumblick

Ein Tipp von Thomas Pflügl, Landesalpinreferent Alpenverein Oberösterreich

Thomas Pflügl

Karleck: Die hohen Berge seien zwar schön, aber wer nicht gleich am Anfang an seine physischen Grenzen stoßen wolle, soll lieber ganz klein beginnen, sagt Thomas Pflügl. Der Landesalpinreferent des Alpenvereins Oberösterreich ist Lawinenexperte und bei Tourentipps deshalb besonders vorsichtig: „Die Lawine kennt leider keine Regeln. Wir müssen die Menschen immer wieder sensibilisieren, vor allem Einsteiger müssen sich bei Kursen zuerst umfangreiches Wissen aneignen“, sagt er. Einen Tipp gibt es aber trotzdem: „Eine kurze Anreise, Hüttennähe und nicht mehr als zwei Stunden Aufstieg. Das Karleck in Spital am Pyhrn kann ich empfehlen“, sagt er. Nur früh dran müsse man sein, denn sonst kann die Parkplatzsuche bei der Bosruckhütte länger als die Tour dauern. „Der Schlussanstieg ist ein bisschen steiler. Aber sonst lässt sich hier gut Erfahrung sammeln“, sagt Pflügl.

Die Tour, die bei der Bosrückhütte beginnt, endet nach rund 550 Höhenmeter mit einem gewaltigen Rundumblick auf Haller Mauern und das Tote Gebirge.

Das neue Gewand des Lawinenlageberichts

Kürzer, dafür prägnanter und deutlich übersichtlicher: Oberösterreichs Lawinenlagebericht schlüpft ab heuer in ein neues Gewand. Gemeinsam mit Salzburg, der Steiermark, Niederösterreich und Kärnten bündelt man die Kräfte auf einer gemeinsamen Plattform mit einheitlicher Optik. Auch die „Snow-Safe-App“ für Tourengeher wird angepasst.

Aus bisher zwei Regionen, für die in Oberösterreich eine Gefahrenbeurteilung erstellt und der Schneedeckenaufbau analysiert wurde, werden bis zu neun Unterregionen. „Wir schreiben also nicht mehr einen Lagebericht für das ganze Land, sondern verfassen ihn für die unterschiedlichen Regionen. Die Beurteilung wird kürzer ausfallen, dafür aber prägnanter “, sagt Stefan Reinbacher. Gemeinsam mit Florian Stifter führt er den Lawinenwarndienst in Oberösterreich als Zwei-Mann-Unternehmen. Ihre Daten beziehen sie von 20 Messstationen im Land, beide sind aber auch selbst oft im Gelände unterwegs. Unterstützt werden sie von 14 „Augenbeobachtern“, die in den Skigebieten stationiert sind. Fünf „Geländebeobachter“, der Großteil davon heimische Bergführer, lassen die Informationen aus ihren Touren einfließen.

Der Lawinenlagebericht für den kommenden Tag erscheint als „Prognosebericht“ um 18 Uhr des Vortages. „In der Früh kontrollieren wir dann, ob die Wetterprognosen auch wirklich richtig waren, und adaptieren den Bericht im Falle des Falles“, sagt Reinbacher.

Der neue Internetauftritt ist bereits in der Testphase: oberoesterreich.avalanche-warnings.eu

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Gabriel Egger

Redakteur Land und Leute

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