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Oberösterreich

Wüten ja, aber bitte sozial verträglich

Von Klaus Buttinger   12. Juli 2014 00:04 Uhr

Die Ökumenische Sommerakademie im Stift Kremsmünster setzte sich heuer mit der Verantwortung der Religionen für Krieg und Frieden kritisch auseinander.

Den Auftakt für die Gespräche über Religion und Gewalt lieferte der Philosoph Franz Josef Wetz von der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd, der auch Beirat der religionskritischen Giordano Bruno Stiftung ist.

 

Krieger beim Beten:

Wüten ja, aber bitte sozial verträglich
Krieger beim Beten

 

100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs: Welche Rolle spielten die Religionen, wo war das friedensbewegte Christentum, wo der pazifistische Islam?

Wetz: Sie waren nicht präsent, weil andere europäische Fragen im Vordergrund standen. Große Religionen haben immer ambivalente Positionen in der Geschichte eingenommen. Sie sind einerseits kriegerisch, menschenverachtend und andererseits friedlich, menschenfreundlich. Man tut den Religionen Unrecht an, wenn man immer nur eine Seite hervorkehrt.

Theologen argumentieren häufig, dass eine Gesellschaft ohne Religion gewaltbereiter wäre als mit – siehe NS-Zeit oder Bolschewismus. Stimmt denn das?

Das halte ich nicht für richtig – und auch das Gegenteil nicht. Die Religion ist weniger Ursache von Gewalt, vielmehr bietet sie eine Chance für Gewalt, weil Menschen an sich gewaltbereit sind. Damit will ich aber nicht den Anteil der Religionen an Gewalt herunterspielen.

Kann man sagen, dass Religionskriege auf andere Konflikte quasi aufgepfropft sind?

Das ist sehr oft der Fall, wobei Religionen auch aus sich heraus einen starken Anteil am Konflikt haben können, gerade die beiden monotheistischen Religionen, das Christentum und der Islam. Das Judentum unterscheidet sich davon, weil es keinen Missionsauftrag hat. Christentum und Islam sind beides dogmatische Religionen mit absolutem Wahrheitsanspruch. Daraus leitet sich sehr schnell der Auftrag ab: Wir müssen die Ungläubigen bekehren. Hier wirkt ein biologischer Mechanismus wieder, ein Erbe aus der Savanne, nämlich das Freund-Feind-Schema.

Jesus hatte keine politische oder militärische Macht, Mohammed war hingegen ein einflussreicher politischer Führer, der auch Militärmacht einsetzte. Schlägt das noch heute durch?

Nein. Was wir jetzt im Islam erleben, ist im Grunde etwas, das wir vor einigen Jahrhunderten auch im Christentum hatten. Der Kampf zwischen Schiiten und Sunniten erinnert an die Auseinandersetzung des 30-jährigen Krieges. Hier stoßen innerreligiöse Positionen aufeinander.

Können Sie den Satz unterstreichen: Der Krieg ist nicht der Vater aller Dinge, sondern die Wirtschaft die Mutter aller Kriege?

Ja, denn die drei großen Faktoren im Hintergrund sind: Macht, Profit und Prestige.

Und dann braucht ein Krieg nur noch jene, die kämpfen ...

Für die islamisch-arabische und islamisch-afrikanische Welt sind Jugendüberhänge charakteristisch. Die jungen Männer wachsen mit patriarchalischen Denkweisen auf und mit Heldentugenden, die bei uns verpönt sind, wie Tapferkeit oder Opfermut. Sie haben einen hohen Testosteronspiegel in einer rigiden Umgebung, die ihnen ein sinnliches Leben versagt. Diesen Männern können die Staaten nicht genügend Aufstiegsmöglichkeiten bieten, die ihnen Anerkennung geben. Das macht sie anfällig für Ideologien, in denen sie zeigen können, dass sie tapfer und stark sind. Wir in Europa hatten die gleichen Jugendüberhänge im beginnenden 20. Jahrhundert.

Absolute Gewaltlosigkeit ist eines der höchsten buddhistischen Ideale. Warum führten Staaten mit überwiegend buddhistischer Bevölkerung trotzdem Kriege?

In der reinen Lehre des Buddhismus ist von Gewalt nichts auszumachen. Aber auch der Buddhismus hat sich letztendlich zu einer ganz normalen Heilsreligion im Volk entwickelt. Deshalb kommt es im gelebten Buddhismus dann doch wieder zu Gewalt.

Kann eine gewaltfreie Gesellschaft möglich sein?

Wir werden das nie ganz schaffen, weil Gewalt zur Natur des Menschen gehört.

Woher kommt dann der Frieden in Mitteleuropa seit 1945?

Er ist zurückzuführen auf die Gewaltmonopole der Demokratie und deren Freiheiten, aber vor allem auf den Freihandel und den Wohlstand. Der Wohlstand hat eine ungeheuer befriedende Wirkung. Wenn aber die Wohlstandsgesellschaft Probleme bekommt, etwa durch hohe Arbeitslosigkeit, sind Demokratie und sozialer Friede gefährdet.

Was kann man außer zu konsumieren für den Frieden noch tun?

Den humanistisch-aufklärerischen Weg weiter gehen, die Bestie Mensch mit Büchern und mit Bildung zähmen. Weiters haben wir die Zivilisierung des Menschen durch Abschreckung und Strafandrohung eines starken, demokratischen Staates, der wirklich über die Chance verfügt, Gewalt zu ächten und strafrechtlich zu verfolgen. Darüber hinaus müssen wir sozial verträgliche, wildnisähnliche Reservate schaffen, in denen gewaltbereite Energie ausgelebt werden kann.

Meinen Sie Sport?

Dadurch wird unheimlich viel abgeführt. Das sehen wir gerade bei der Fußballweltmeisterschaft. Aber auch guter Sex, gute Feiern, die Love-Parade, Clubs, Hardcore-Konzerte sind zoologische Gärten der Lüste unserer Zeit, in denen das wilde Tier Mensch sozial verträglich wüten kann. Solche Formen brauchen wir. Und da leisten die Religionen auf hinterhältige Weise einen Dienst an der Gewalt, indem sie dem Verlangen der Menschen nach der vollen Intensität ihres sündigen Lebens – durch Ausschweifungen und sinnliche Exzesse, sofern sie unter Spielregeln gestellt sind – nach wie vor äußerst kritisch gegenüberstehen.

Aber hat nicht das Christentum viel zur Befriedung der Gesellschaft beigetragen?

Die Befriedung des Christentums erfolgte nicht durch das Christentum selbst, sondern durch die bürgerliche Zivilgesellschaft. Diesen Weg hat der Islam noch vor sich. Wenn deshalb der Islam kritisiert wird, beobachte ich speziell bei liberalen Kräften oft eine Art intellektuelle Feigheit. Man hat Angst mit rechten, ausländerfeindlichen Kreisen verwechselt zu werden, nimmt aber das Gewaltpotenzial, das in dieser Religion steckt, nicht angemessen wahr. Da muss man Flagge zeigen und die Grundrechte stärker verteidigen. Falsch wäre, wenn Grundrechte geschliffen werden aus dem Kuschelkurs einer falsch verstandenen Toleranz heraus.

Von Franz J. Wetz erscheint im August das Buch "Rebellion der Selbstachtung – Gegen Demütigungen" (Alibri-Verlag, 17 Euro)

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