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Oberösterreich

Wie Anna und Klara 100.000 Euro an Betrüger verloren

LINZ. Eine Mindestpensionistin aus Oberösterreich und ihre Freundin wurden Opfer einer Bande. Sie werden ihr Geld wohl nie wiedersehen.

Wie Anna und Klara 100.000 Euro an Betrüger verloren

Ein Teil der 411 Stück Falschgeld-Scheine Bild: LKA

Es könnte der Stoff für einen Kriminalfilm sein. Doch die Geschichte, die Anna Haber*) zu erzählen hat, ist real. "Leider", sagt die Mindestrentnerin aus dem Bezirk Linz-Land den OÖN. Sie und ihre Freundin Klara*) wurden Opfer eines internationalen Betrügernetzwerkes, das die beiden Frauen um 100.000 Euro brachte.

Begonnen hat alles im Mai 2015 mit einem Anruf. Der mit ausländischem Dialekt sprechende Mann namens "Erni"*) interessierte sich für Habers Haus in Graz. Jenes Haus, das sie bereits seit Jahren vergeblich zu verkaufen versuchte.

Obwohl Erni die Immobilie nie besichtigt hatte, verlangte er ein paar Telefonate später die Zusendung des Kaufvertrages. Es folgte ein mehrmonatiges Hin und Her, erinnert sich die heute 73-Jährige.

Bis Erni vorgab, das Haus gemeinsam mit einem Freund tatsächlich kaufen zu wollen. "Er gab sich so amikal, ich glaubte ihm", sagt Haber. Daher nahm sie Ernis Einladung nach Italien an, um den Kauf zu fixieren.

Ein fataler Fehler, wie sich später herausstellen sollte. "Diese Betrüger arbeiten absolut kaltblütig", sagt der damalige Ermittler Rupert Ortner vom Landeskriminalamt. Im August 2016 traf die Seniorin zum ersten Mal Ernis Freund in der norditalienischen Stadt Camaggiore in einer Karaoke-Bar. Das Gespräch mit "Flori", der sich als israelischer Geschäftsmann ausgab und von Haber als "imposante Erscheinung" beschrieben wird, wurde schnell in eine andere Richtung gelenkt.

Flori erzählte von vielen 500-Euro-Scheinen, mit denen er ein "ganzes Wohnzimmer" auslegen könne. Da derartige Scheine aber abgeschafft würden (was nicht der Fall ist, Anm. d. Red.), bot er der Oberösterreicherin einen "lukrativen" Deal an. "Er wollte, dass ich ihm insgesamt 200.000 Euro in 500er-Scheinen abnehme, dafür hätte ich ihm 100.000 Euro geben sollen", sagt Haber. In Ermangelung derart hoher Bargeldreserven Schlug Haber den Deal aus. Unverrichteter Dinge trennte man sich.

Geld gegen Goldmünzen

Wieder in Oberösterreich angekommen, dauerte es nicht lange, bis die 73-Jährige erneut von Erni kontaktiert wurde. Er bot einen "besseren Deal" an. Diesmal sollte Haber für 100.000 Euro in Form von Goldmünzen gar 250.000 Euro in 500er-Scheinen erhalten. Zudem werde man den Hauskauf abschließen. Haber war begeistert, auch wenn ihr die illegale Seite des Geschäfts bewusst war, wie sie sagt: "Mir war klar, dass die Scheine aus kriminellen Machenschaften stammen. Aber ich wollte ja auch das Haus verkaufen."

Haber erzählte Klara *), einer betuchten Freundin, von dem Deal. Die Seniorinnen beschlossen, "das Ding" gemeinsam durchzuziehen. Klara kaufte die Goldmünzen, Anna Haber vereinbarte mit Erni einen Treffpunkt für die Übergabe. Der "Geschäftspartner" schlug diesmal Udine in Italien vor. Anna und Klara engagierten als Begleitung zwei Bodyguards und einen weiteren, bewaffneten Wachmann vor Ort. Sie besorgten ein Gerät, um die Geldscheine auf ihre Echtheit zu prüfen. Derart gerüstet, begaben sie sich am 9. Dezember 2015 nach Italien.

Im vereinbarten Hotel angekommen dann erneut ein Anruf von Erni: Er sei krank und müsse sich von seinem Neffen "Elias" vertreten lassen. Tags darauf um 9 Uhr sollte der Coup über die Bühne gehen: Anna, Klara und ein Bodyguard nahmen mit Elias im reservierten Seminarraum Platz, ein weiterer wartete vor dem Hotel. Elias forderte das Gold ein, während er selbst ein Päckchen Geldscheine im Wert von 100.000 Euro aus der Manteltasche zog. Auf Habers Wunsch hin wurde das Geld geprüft. "Die Scheine waren echt", sagt die 73-Jährige.

Doch dann wurde es kompliziert. Mehrmals musste Klara mit Elias vor die Hoteltüre gehen und aus einem dort deponierten Metallkoffer weitere Geldbündel holen. Die Betrüger nutzen dieses Verwirrspiel offenbar, um den beiden Damen Falschgeld unterzujubeln. Dann drängte Elias zur Eile. Die Polizei sei schon in der Nähe. Dazu rief Erni im Minutentakt an. Die Wege trennten sich: Elias stieg in einen roten VW-Polo und brauste davon. Anna und Klara traten den Heimweg an.

Böses Erwachen nach der Grenze

In Villach kam das böse Erwachen. Erneut meldete sich Erni: "Sein Neffe habe ihm gestanden, ihnen Falschgeld übergeben zu haben. Er bat mich, die Geld-Kopien sofort in den nächsten Mistkübel zu werfen und kündigte an, mir das Geld in zwei Tagen in Graz zu bringen." Was natürlich nie geschah. Haber zeigte den Betrug umgehend an und übergab der Polizei das Falschgeld. Obwohl darauf zahlreiche Fingerabdrücke waren, die bereits zwei Verdächtigen – einem Vater und dessen 20-jährigen Sohn – zugeordnet werden konnten, wurde kein europäischer Haftbefehl über die beiden verhängt.

Die Staatsanwaltschaft Klagenfurt hat nun die Ermittlungen eingestellt. Hintergrund ist, dass das italienische Recht davon ausgeht, dass bei dem Betrug die Opfer selbst eine große Mitschuld tragen. Für den oberösterreichischen Ermittler Rupert Ortner ist das nicht nachvollziehbar. Er fordert eine Vereinheitlichung des Strafrechts.

Anna Haber und ihre Freundin werden ihr Geld wohl nie wiedersehen. Haber: "Ich hab’ so eine fürchterliche Wut auf diese Betrüger." Nur eines gibt ihr schwachen Trost: "Vor zwei Monaten wurde ich erneut von einem Betrüger kontaktiert. Diesmal hab’ ich sofort aufgelegt."

*) Namen von der Redaktion geändert

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Artikel Gerhild Niedoba 15. September 2018 - 00:04 Uhr
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