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Oberösterreich

"Wenn’s passiert, dann geh’ ich los"

Von Gabriel Egger   29. Dezember 2017 00:04 Uhr

"Wenn’s passiert, dann geh’ ich los"
Der Einsatzleiter der Bergrettung Gosau, Christian Egger (47), rettete den deutschen Bergsteiger Henning K. aus einer Doline auf dem verschneiten Dachsteinplateau.

GOSAU. Christian Egger war einer der Helden dieses Jahres. Der Bergretter über das Wunder vom Dachstein, Mut und den Einfluss des Internets aufs Bergsteigen.

9. November 2017, kurz vor Mitternacht, wenige Meter außerhalb des Gosauer Gemeindezentrums. Christian Egger schläft bereits, der Tag war lang, die Suche nach einem Vermissten anstrengend. Dann läutet das Telefon. Die Polizei hat die Koordinaten von Henning K., 45 Jahre, aus Duisburg. Er befindet sich auf dem Dachsteinplateau in einer Doline. Seit fünf Tagen. Draußen stürmt und schneit es. Christian Egger muss als Einsatzleiter der Bergrettung Gosau entscheiden: aufsteigen oder abwarten?

 

OÖNachrichten: Wissen Sie noch, was Ihnen nach diesem Anruf durch den Kopf ging?

Christian Egger: Zuerst war da die Hoffnung und die Freude. Dann habe ich aus dem Fenster geschaut. Ich habe sofort gewusst, dass das jetzt richtig zach wird. Viel Schnee, starker Wind und Nebel. Kein gutes Wetter für eine Hubschrauberrettung. Also müssen wir zu Fuß rauf. Ich habe entschieden, sofort zu starten. Wenn er dort seit fünf Tagen sitzt, müssen wir ihn gleich rausholen. Zum Glück haben meine Söhne und ein paar andere junge Burschen von der Bergrettung gespurt. Hüfttief rauf bis auf 2200 Meter. Glaub’ mir, das ist nicht lustig.

Ärgert man sich als Bergretter in diesen Situationen manchmal über den Leichtsinn der Leute?

Der Henning hat ja alles richtig gemacht. Der hatte einfach Pech. Aber ja, oft ist es fehlende Tourenplanung, die uns zum Einsatz zwingt. Da sind sich die Menschen zu sicher, dass eh wer da ist, wenn sie Fehler machen, und gehen diesen einen Schritt zu weit. Weil das Handy ja ohnehin griffbereit in der Jackentasche ist. Aber jeder verhaut sich einmal. Darum kann ich den Diskussionen nichts abgewinnen, die dann in den Sozialen Medien oder auf dem Stammtisch geführt werden, welche Deppen sich da auf den Berg verirren. Deppen gibt’s bei mir nicht. Jeder Mensch ist es wert, gerettet zu werden. Dafür bin ich da. Sehe ich das einmal anders, höre ich auf.

Sie waren der erste Mensch, den Henning K. nach fünf Tagen Dunkelheit sah. Erinnern Sie sich an diese Begegnung?

Ich war sehr nervös, weil ich nicht gewusst habe, wie er reagiert. Manche bekommen Panik, andere beginnen zu weinen. Aber er blieb ruhig. Er hat nur gesagt, dass ihm der Tee zu heiß ist und dass er die Rettungsdecke nicht braucht. Da hab’ ich gewusst, dass er ein bisschen neben sich steht. Und in seinen Augen hab ich die Anstrengung gemerkt. Zum Glück hat er meine nicht gesehen. Sogar wenn ich jetzt darüber rede, bekomme ich einen Knopf im Hals und könnte vor Freude weinen.

Gab es ein Wiedersehen?

Noch nicht. In Wels im Krankenhaus haben sie mich nicht zu ihm gelassen. Vielleicht wollte er es auch noch nicht. Aber am Heiligen Abend haben wir miteinander geschrieben. Er hat sich noch einmal bedankt und ich habe ihn im Sommer zu uns eingeladen. Ich möcht’ ja auch wissen, wie er das überstanden hat.

Bergsteigen ist zum Trend geworden. Ist das eine Gefahr?

Immer mehr Menschen machen immer gefährlichere Bergtouren. Aber das ist halt’ unsere Zeit. Da gibt es die wildesten Videos in den Sozialen Netzwerken und unzählige Tourenbeschreibungen und Fotos in den Foren. Das ist nichts Schlimmes, ich schau’ sie mir ja auch an. Und Mut gehört natürlich zum Bergsport dazu, sonst wären viele Berge noch immer unbestiegen. Aber zum Mut gehört auch Umkehren, wenn’s nicht passt. Vor allem beim Klettern ist es oft gefährlich. Sportler, die in der Halle schwere Routen klettern, glauben, sie können das sofort auf den Fels anwenden. Aber das Gebirge und die Halle sind zwei unterschiedliche Paar Schuhe.

Wo steigen Sie hoch, wenn Sie nicht retten?

2017 war ich mit meiner Frau in der Schweiz auf drei Viertausendern und danach klettern und baden am Meer. Mit ihr gemeinsam ist es immer schön. Die beeindruckendste Tour war aber sicher die Durchsteigung der Eiger-Nordwand an zwei kalten Februartagen mit einem guten Freund.

Wie verbringen Sie Silvester? Gibt es Vorsätze?

Wenn die Nacht klar ist, machen wir eine kleine Skitour vor dem Jahreswechsel. Vorsätze habe ich keine, außer gesund bleiben.

Was wünschen Sie allen Bergsportlern für 2018?

Eine anständige und sorgfältige Tourenplanung. Ich mag keinen Menschen durch einen Rettungseinsatz kennenlernen. Aber wenn’s passiert, dann pack’ ich meinen Rucksack und geh' los.

 

Das zweite Wunder vom Dachstein

Vor 32 Jahren überlebte der Amerikaner Kenneth Thomas Cichowicz 19 Tage lang in einer Spalte am Gletscherrand des Dachsteins. Im November 2017 wiederholte sich diese Geschichte beinahe. Der Duisburger Henning K. war auf seiner Wanderung über das verschneite Dachsteinplateau in eine Doline gefallen, hatte sich das Sprunggelenk gebrochen und die Schulter ausgekugelt. Fünf Tage lang versuchte er vergebens mit dem Handy Hilfe zu rufen – bis eine Nachricht die Gmundner Bezirksleitstelle der Polizei erreichte. 25 Bergretter stiegen auf und konnten den 45-Jährigen schließlich in Sicherheit bringen.

 

Einzelstatistik

302 Einsätze verzeichnete die Bergrettung Oberösterreich bis Ende November 2017. Sie verteilen sich gleichmäßig auf Salzkammergut, Krems-, Steyr- und Almtal. 330 Personen kamen in Schwierigkeiten, 242 verletzten sich. Für zehn Menschen kam jede Hilfe zu spät.

168 Stürze von Wanderern, die zu einem Einsatz der Bergrettung führten, gab es in diesem Zeitraum. 37 Menschen stolperten, 35 verirrten sich. Bei sechs Bergsteigern war ein Spaltensturz die Unfallursache.

4800 Einsatzstunden wendeten die Bergretter bis Ende November für ihre ehrenamtliche Tätigkeit auf.

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