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Oberösterreich

Wandervogel: Revolution in der Natur

Der Wandervogel feiert zu Pfingsten sein 100-jähriges Bestehen im Mühlviertel. Diese Organisation ist eine relativ unbekannte Blume, die zumeist im Verborgenen blüht. Der Verein bietet eine Alternative zu einem rein auf Konsum ausgerichteten Leben an.

Revolution in der Natur

Raus ins Land und auf die Berge, die Vielfalt der Natur neu entdecken, das ist zentrales Element der Wandervogelbewegung. Bild: OÖN

Das dreistellige Jubiläum wird zu Pfingsten in Kefermarkt begangen. Ungefähr 150 Wandervögel und deren Gäste werden sich einfinden, ihre Zelte namens Koten aufstellen, gemeinsam musizieren, lesen, diskutieren und feiern. Letzteres allerdings ohne Alkohol und Drogen, das gehört nämlich zu den Grundwerten des Österreichischen Wandervogels.

Dieser Verein hat seine Wurzeln im ausgehenden 19. Jahrhundert in so genannten Fahrtengemeinschaften von Berliner Schülern und Lehrern. Diese Gruppen kehrten der Zivilisation den Rücken, wanderten hinaus in die Natur und summten dazu Lieder wie etwa „Aus grauer Städte Mauern...“. Die Bewegung breitete sich rasch aus und 1911 wurden im damaligen österreichischen Hirschberg in Nordböhmen der österreichische Wandervogel gegründet. Das Symbol war und ist ein Silbergreif auf blauem Hintergrund. Der Wandervogel war immer mehr als bloß ein loser Zusammenschluss Gleichgesinnter für gemeinsame Freizeitgestaltung. „Man spricht von einer Reformbewegung “, sagt Reinhard Anderle. Der pensionierte Linzer Rechtsanwalt ist seit einem halben Jahrhundert passionierter Wandervogel und sitzt im Bundesvorstand des Vereins. Laut dem Wandervogel-Urgestein sind die Urzeit-Wandervögel anno dazumal in kurzen Hosen und mit offenen Kragen durch die Welt spaziert. Was heute niemandem auffallen würde, war damals zu Beginn des 20. Jahrhunderts revolutionär und gewagt.

„Der Kleidungsstil hatte weniger mit Erotik als vielmehr mit einer Art von Befreiung und Naturgenuss zu tun“, sagt Anderle. Die Bewegung brachte ihre eigenen Liederbücher heraus, war früher stark von der Romantik beeinflusst und die Mitglieder sinnbildlich ständig auf der Suche nach der blauen Blume. „Es ging aber auch darum, dass Jugendliche selbst lernen und sich entwickeln können, ohne von Erwachsenen bevormundet zu werden.“ Diese Eigenständigkeit ist heute noch wichtig, spiegelt sich in der Organisation des Österreichischen Wandervogels wider, der in „Junger Bund“ „Familienkreis“ und eine Abteilung für die Urgesteine unterteilt ist.

Vom Generaldirektor bis zum Briefträger sind alle per Du

Wie für so viele andere Organisationen war der Zweite Weltkrieg auch für den Wandervogel eine schwierige Zeit und brachte so manche Zerreißprobe mit sich – bis der Verein endgültig verboten worden und in der Hitlerjugend aufgegangen ist. „Nach dem Krieg, im Jahr 1955, haben ehemalige Wandervögel den Verein in Österreich aufgebaut und mit neuem Leben erfüllt.“
An seine jungen Jahre beim Wandervogel erinnert sich Anderle so als ob sie erst gestern zu Ende gegangen wären. „Das war Anfang der 1960er Jahre, mein Vater war ein Wandervogel, auf diese Weise bin auch ich dazugekommen.“ Anders als heute habe es damals kaum ein Angebot für junge Menschen außerhalb der Familie gegeben. „So ein Verein versprach Abwechslung und Abenteuer mit Gleichgesinnten.“

Diese Erwartungen sind mehr als erfüllt worden. Neben Ausflügen in die nähere Umgebung und die heimische Bergwelt, stand nämlich jedes Jahr die so genannte große Fahrt auf dem Programm. „Wir sind 1962 per Autostopp nach Marokko gereist, ein Älterer hat immer einen Jüngeren im Schlepptau gehabt“, erinnert sich Anderle mit leuchtenden Augen.

Geschlafen wurde meist im Freien im Schlafsack – Reisekassa und Reiseproviant waren knapp bemessen. Weitere Ausflüge führten Anderle nach Jordanien, Indien oder Griechenland. „Viele Wandervögel bezeichnen diese Zeit als die schönste und prägendste ihres Lebens.“ Prägend vor allem deshalb, weil man als junger Mensch laut Anderle auf den Fahrten gelernt hat, sich zu organisieren, Lösungen zu finden, auf andere zuzugehen – „herausgekommen sind da Menschen mit Selbstsicherheit.“
Eine weitere Grundfeste in der Wandervogelbewegung ist das Du-Wort, das vom Generaldirektor bis zum Briefträger ohne Ausnahme gilt.

Der Wandervogel hat sich im Lauf der Zeit weiterentwickelt: Neben Volksliedgut und Volkstanz haben auch Jazzgesang, Improvisationstheater oder zeitgenössische Literatur Einzug gehalten. Dennoch plagen den Verein Nachwuchssorgen, so sind oberösterreichweit nur noch sechs Gruppen aktiv. „Wir sind keine Marktschreier, das Freizeitangebot ist übergroß“, sagt Anderle. Was unterscheidet beispielsweise die Wandervögel von den Pfadfindern? „Wenn Pfadfinder ein Lagerfeuer machen, würden sie die Stämme und Äste lehrbuchmäßig übereinander schlichten, die Wandervögel würden wohl alles auf einen großen Haufen werfen und anzünden“, sagt Anderle und drückt so aus, dass es beim Wandervogel wohl eine Spur freier und lockerer zugeht.
Sie stehen zwar fast auf der roten Liste der bedrohten Arten, doch noch gibt es sie – die Jungwandervögel.

„Das Angebot an Möglichkeiten ist heute riesig, wer etwas erleben will, muss auch nicht mehr unbedingt Mitglied eines Vereins sein“, sagen Herwig Kolar (26) aus Ottensheim, Katharina Kotek (18) aus Linz und Gunther Skala (19) aus Feldkirchen an der Donau. Die drei sehen den Wandervogel vor allem als gut funktionierendes Freundschaftsprojekt. „Hier werden Freundschaften unter einem Dach gelebt.“ Wichtig ist den jungen Menschen auch eine gewisse Grundhaltung zur Natur:

„Dazu zählt beispielsweise, dass man zu einer Bergtour nicht unbedingt mit dem eigenen Auto anreist, seinen Abfall nicht liegen lässt oder während des Gehens das Handy nicht aufdreht. Genau das sehen alle drei auch als Chance für die Zukunft des Wandervogels. „Ich bin beispielsweise vor Jahren von Freunden oder Kollegen noch belächelt worden, wenn ich vom Wandervogel erzählt habe, heute freuen sich genau die, wenn sie mit mir auf einen Berg gehen können“, sagt Kolar. Mit den Wandervogel-Statuten, in denen auch die so genannte Meißnerformel (Stichwort) festgeschrieben ist, können die drei weniger anfangen. „Diesen Spruch kann heute kaum noch ein Junger auswendig. Er ist zwar ganz nett, sagt aber viel zu wenig darüber aus, dass es in Wahrheit um echte Freundschaft geht.“

Meißnerformel: „Wir wollen unser Leben nach eigner Bestimmung, vor eigner Verantwortung und in innerer Wahrhaftigkeit gestalten.“ Dieser Spruch wurde 1913 bei einem großen Treffen am Hohen Meißner aller damaligen Jugendbünde in Stein gemeißelt. Er soll noch heute das zentrale Anliegen des Österreichischen Wandervogels transportieren. Nämlich Jugendlichen einen Freiraum unabhängig von Elternhaus, Kirche, politischer Einstellung und Schule zu bieten... „Für mich hat die nun alte Meißnerformel noch immer Gültigkeit, auch wenn es nicht leicht ist, dies in allen Lebensbereichen umzusetzen“, sagt Hildegund Fauler, Wandervogel-Mitglied aus Leonding.

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Artikel Martin Dunst 04. Juni 2011 - 00:04 Uhr
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