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Oberösterreich

Strugl zu Turnen ohne Turnlehrer: "Damit will ich mich nicht abfinden"

Von Herbert Schorn und Gabriel Egger   09. Februar 2018 00:04 Uhr

Strugl zu Turnen ohne Turnlehrer: "Damit will ich mich nicht abfinden"
OÖN-Bericht löste eine Debatte über Ausbildung der Turnlehrer aus.

LINZ. Lehrermangel: Sportlandesrat Michael Strugl spricht von einem "ernsten Thema", Lehrervertreter Paul Kimberger warnt vor gravierenden Folgen

Hohe Wellen schlug der gestrige Bericht in den OÖN: Demnach wird fast die Hälfte der Turnstunden in den Neuen Mittelschulen Oberösterreichs von Lehrern gehalten, die dafür nicht ausgebildet wurden. Landeshauptmann-Stv. Michael Strugl (VP), in der Landesregierung für Sport zuständig, zeigte sich erfreut, dass die OÖNachrichten die Problematik aufgegriffen haben. "Ich kann mich nicht damit abfinden, dass man sagt: ,Ist halt so.‘ Das ist nicht ideal."

Gestern hatte Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer erklärt, dass das System der Neuen Mittelschule nicht aufrecht zu erhalten sei, ohne dass Lehrer in Gegenständen unterrichten, für die sie nicht geprüft sind.

Gespräch in Wien geplant

Strugl vermisst Gegenstrategien: "Das ist ein ernstes Thema. Es gibt immer weniger Sportlehrer in Oberösterreich, auch weil Teile der Ausbildung in Salzburg absolviert werden müssen", sagt er. Das sei wenig attraktiv: "Zudem ist die Aufnahmeprüfung sehr schwer."

Genau hier will Bildungslandesrätin Christine Haberlander (VP) ansetzen. Sie will mit Bildungsminister Heinz Faßmann über die Aufnahmekriterien für die zukünftigen Turnlehrer reden. "Wir müssen hoch qualitativ, aber auch punktgenau ausbilden. Wichtig ist, dass die Kandidaten pädagogisch geeignet sind, nicht unbedingt, dass sie Goldmedaillen holen. Es kann nicht sein, dass wir so am Bedarf vorbei ausbilden."

Auch Österreichs oberster Lehrervertreter Paul Kimberger, selbst Sportlehrer, spricht von "dramatisch zu wenig" ausgebildeten Sportlehrern: "Das ist ein großes Defizit." Die Folgen seien gravierend: "Es braucht gute Lehrer, die den Kindern nahe bringen, wie wichtig Bewegung für die Gesundheit ist, und sie motivieren, auch später Sport zu machen." Kimberger fordert, dass die Ausbildung der Sportlehrer attraktiviert wird.

An den Neuen Mittelschulen wird das Problem differenziert gesehen. Christine Huber, Direktorin der Linzer Harbach-Schule, hat nur Turnlehrer mit Ausbildung im Einsatz: "Aber das ist eher Zufall." Sie ist überzeugt, dass ausgebildete Lehrer besseren Turnunterricht machen: "Sie haben ganz andere didaktische Möglichkeiten."

An der NMS Traun werden laut Direktor Andreas Hotea-Mayrhofer etwa 40 Prozent der Turnstunden von ungeprüften Sportlehrern gehalten. "Wir haben dabei sehr engagierte Lehrer, die mit den Kindern zum Linz-Marathon fahren und intensiv dafür trainieren." Bei schwierigen Einheiten, etwa Geräteturnen, würden Klassen mit geprüften und ungeprüften Lehrern zusammengelegt.

Ab Herbst startet in Oberösterreich erstmals ein Unterstufenmodell für Leistungssport. Mehr dazu lesen Sie hier.

Lehrermangel gibt es in Österreich schon seit Jahren

Derzeit werden zwei Gegenstrategien eingesetzt: Überstunden und Sonderverträge etwa für Studierende

Gestern rief Landesschulratspräsident Fritz Enzenhofer junge Menschen dazu auf, Lehrer zu werden. Wegen einer Pensionswelle und dem verlängerten neuen Studium würden ab 2020 dringend neue Lehrer gebraucht. Dann werden allein im Fach Deutsch in Oberösterreichs Neuen Mittelschulen und höheren Schulen 220 Pädagogen fehlen.

Österreichweit werden schon jetzt viele Lehrer gesucht. Grund ist, dass derzeit Jahrgänge, in denen viele Lehrer aufgenommen wurden, in den Ruhestand treten. Auch in Oberösterreich ist jeder zweite Lehrer über 50 Jahre alt. Hier einige Zahlen rund um den österreichweiten Lehrermangel:

  • 5 Millionen Überstunden werden pro Schuljahr laut einer parlamentarischen Anfragebeantwortung österreichweit im Schulsektor ausbezahlt.
  • 2000 Personen unterrichten österreichweit an den Pflichtschulen mit Sonderverträgen. Das sind beispielsweise Studenten, die die Ausbildung noch nicht abgeschlossen haben und nebenbei Stunden halten, sowie Quereinsteiger, die ein fachähnliches Studium abgeschlossen haben. In Oberösterreich ist dieses Modell noch kaum ein Thema: Hier unterrichten nur zwölf Personen mit Sonderverträgen.
  • 3000 bis 4000 Lehrer gehen pro Jahr in Österreich in Pension. Insgesamt gibt es 126.000 Pädagogen, davon rund 20.000 in Oberösterreich.
  • 76.000 Kinder wurden 2009 in Österreich geboren. Sechs Jahre später, 2015, waren es bereits 84.000. Tendenz: weiter steigend. Diese Geburtenzahlen verschärfen den Lehrermangel zusätzlich.

Leserstimmen im Netz

"Traurig, dass es im Jahr 2018 noch immer nicht selbstverständlich ist, dass sich Kinder mindestens eine Stunde am Tag bewegen. Ich war in den letzten Jahren Nachwuchstrainer, einem Drittel der Kinder fehlt jegliche Basis von Bewegung, Stabilisation und Körperbeherrschung." reader74

"Ganz ohne Grundausbildung der Lehrperson sollten Kinder nicht dauerhaft unterrichtet werden. Ein bisschen herumhüpfen kann nicht Sinn der Sache sein. Ein guter und gut ausgebildeter Sportlehrer kann Dinge vermitteln, die ein Amateur nur selten zuwege bringen wird." Malefiz

"Ob ein Physik-, Englisch- oder Sportlehrer die Kinder unterrichtet, ist nicht wirklich das Thema. Die Lehrperson braucht den Zugang und Begeisterungsfähigkeit, um bei den Schülern anzukommen." metschertom

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