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Oberösterreich

Prozess: "Dann soll er sie im Wald abladen"

Von OÖN   22. Juni 2017 00:04 Uhr

"Dann soll er sie im Wald abladen"
Lahoo S. (Mitte) auf dem Weg in den Gerichtsaal – der 30-jährige Afghane ist Hauptangeklagter im Schlepperprozess, bei dem Richter Jadi (r.) den Vorsitz führt.

KECSKEMÉT. 71 tote Flüchtlinge: Beim Prozessauftakt in Ungarn beklagte sich der Hauptangeklagte über die Dolmetscherin - die Anklage hält ihm unter anderem belastende Telefonmitschnitte vor.

Lahoo S. ist dreißig Jahre alt und schmächtig. Als er - begleitet von Exekutivbeamten - den Gerichtssaal in Kecskemét betritt, lächelt er. In den Händen hält er eine Mappe, auf der steht: "Ich bin ein afghanischer Muslim, weder ein Mörder noch gewalttätig. Ich lüge nicht, Gott ist mein Zeuge."

Lahoo S. soll Kopf jener Schleppergruppe sein, die für den Erstickungstod von 71 Flüchtlingen verantwortlich sein soll. Es gibt Telefonmitschnitte, auf denen zu hören ist, wie er seine Komplizen anweist, sich nicht um die Flüchtlinge im Kühl-Lkw zu kümmern – obwohl diese im Laderaum lautstark auf ihre Notlage aufmerksam machen. "Sag ihm, er soll nur weiterfahren. Und falls sie sterben sollten, dann soll er sie in Deutschland im Wald abladen", lautet ein Zitat, das Lahoo S. zugeschrieben wird.

Ein Afghane, zehn Bulgaren

Die ungarische Staatsanwaltschaft wirft Lahoo S. Mord vor – genauso wie seinem gleichaltrigen bulgarischen Stellvertreter sowie dem Lenker des Lkw und dem Fahrer eines Begleitfahrzeugs. Weitere sieben Bulgaren – von denen einer fehlt, weil er auf der Flucht ist – sind wegen organisierter Schlepperei angeklagt.

Lahoo S. war laut Anklage seit Frühjahr 2015 für eine international agierende Organisation tätig, deren Hintermänner bisher nicht identifiziert wurden.

An der ungarisch-serbischen Grenze soll er Flüchtlinge übernommen haben, um sie nach Westeuropa zu bringen. 1200 Menschen soll die von Lahoo S. angeführte Gruppe illegal transportiert haben. S. soll dabei laut Anklage mehr als 300.000 Euro kassiert haben.

71 Menschen, 14 Quadratmeter

Zunächst schleppte die Bande pro Fahrt 20 bis 40 Flüchtlinge. Bald wurden größere Fahrzeuge besorgt – darunter jener Kühl-Lkw, der bei der Todesfahrt in der Nacht auf den 26. August 2015 erstmals eingesetzt wurde.

14,3 Quadratmeter groß war der Laderaum des Lkw, in den 71 Menschen, darunter vier Kinder, gepfercht wurden. Es gab keine Lüftung, keine Fenster, keine Haltegriffe. Die Tür des Frachtraums konnte nur von außen geöffnet werden.

Bereits nach 40 Minuten machten Flüchtlinge im Lkw darauf aufmerksam, dass sie keine Luft bekommen. Sie hämmerten gegen die Frachtraumwände, schrien lauthals. Der Fahrer informierte Lahoo S. und seinen Stellvertreter darüber. Doch beide sollen Anweisung gegeben haben, weiterzufahren.

Die Flüchtlinge versuchten, Löcher in die Lkw-Wand zu schlagen. Vergebens. Als der Lkw die Grenze zu Österreich passierte, waren alle 71 tot. Der Fahrer stellte den Lkw bei Parndorf ab und flüchtete mit dem Begleitfahrzeug seines Komplizen zurück nach Ungarn.

Nur einen Tag später organisierte die Gruppe eine weitere Fahrt mit Migranten in einem Kleinlastwagen. Wieder waren 67 Menschen ohne Luftzufuhr eingepfercht. Nur durch Glück überlebten sie die Fahrt, weil sie das verrostete Türschloss des Laderaums mit den Füßen aufstießen.

Der Streit über die Übersetzung

Im Gericht echauffierte sich der Hauptangeklagte gestern über die Dolmetscherin. Er spreche Paschtu, die Übersetzerin nicht – diese widerspricht lautstark, Paschtu sei ihre Muttersprache. Die Anklageschrift, die Staatsanwalt Gabor Schmidt vorlas, wollte Lahoo S. deshalb nicht akzeptieren. Er starrte den Staatsanwalt an, lachte. Alle anderen Angeklagten sahen mit gesenktem Blick zu Boden.

Richter Janos Jadi hat sich zum Ziel gesetzt, den Prozess heuer abzuschließen. Ein Pflichtverteidiger eines Angeklagten hält das für schwierig. "Es müssen die Aussagen von mindestens 200 Zeugen verlesen werden." Keiner der Angeklagten sei zudem aus Ungarn, alles müsse übersetzt werden.

Heute wird weiterverhandelt. Lahoo S. und sein bulgarischer Stellvertreter sollen aussagen – vermutlich mit einem neuen Dolmetscher für den Afghanen.

Die Chronologie

  • 26.8.2015 - Die Tragödie: In der Nacht auf 26. August steigen 71 Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, dem Iran und Afghanistan an der serbisch-ungarischen Grenze in einen Kühl-Lkw. Auf der Fahrt nach Österreich ersticken die Flüchtlinge. Die Schlepper lassen den Lkw auf der A4 bei Parndorf stehen.
  • 27.8.2015 - Der Fund: Österreichischen Polizisten fällt der Lkw auf der A4 auf. Sie öffnen den Laderaum und entdecken 71 Leichen.
  • 28.8.2015 - Die Verhaftung: Die Behörden geben die Verhaftung von vier Männern in Ungarn bekannt. Ein weiterer wird in der darauffolgenden Nacht festgenommen.
  • 4.5.2017 - Die Anklage: Gegen vier der elf tatverdächtigen Schlepper wird Anklage wegen Mordes erhoben.
  • 21.6.2017 - Der Prozess: In der ungarischen Stadt Kecskemét beginnt der Prozess gegen die Schlepperbande. Es herrscht großes mediales Interesse. Zehn Männer stehen vor Gericht. Ein Tatverdächtiger ist immer noch auf der Flucht.

 

 

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