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Oberösterreich

"Lieber Herr Stelzer, ich werde meine Tochter bei Ihnen abgeben"

Von nachrichten.at (jup)   15. November 2017 14:39 Uhr

Symbolbild

LINZ/JULBACH. Aus für Gratis-Kindergarten: Der offene Brief einer Mühlviertlerin an Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) schlägt auf Facebook hohe Wellen. Am Abend antwortete Stelzer auf das Schreiben.

Christiane Seufferlein ist verunsichert und wütend. Wie ausführlich berichtet, sollen ab 1. Februar Gebühren für die Nachmittagsbetreuung in oberösterreichischen Kindergärten eingehoben werden. 49 bis 150 Euro soll das die Eltern pro Monat kosten. Manche könnte das aber auch den Job kosten, kritisiert die Mühlviertlerin.

Die Mutter einer dreijährigen Tochter hat sich in einem offenen Brief an Landeshauptmann Thomas Stelzer gewandt (den ganzen Brief lesen Sie weiter unten). Denn in ihrer Gemeinde Julbach im Bezirk Rohrbach ist die Nachmittagsbetreuung durch die geplanten Gebühren in Gefahr. "Die erforderlichen zehn Plätze würden nicht zusammenkommen", so die 41-Jährige gegenüber den OÖN. Ihrem Marketing-Job in Linz könnte die Mutter damit nicht mehr nachgehen. 

"Ich hoffe, Sie haben viel Platz"

"Ich hoffe, Sie haben im Landhaus einen netten Raum mit viel Spielzeug und eine gut ausgebildete Fachkraft für Kinderbetreuung, sobald diese Maßnahme in Kraft tritt. Ich werde nämlich ihre Rolle als LandesVATER sehr ernst nehmen und meine Tochter bei Ihnen abgeben. Mangels Alternativen", schließt Seufferlein ihren Brief, der auf Facebook binnen weniger Stunden hunderte Male geteilt wurde und in Dutzenden Kommentaren viel Zuspruch erhielt. 

"Natürlich werde ich meine Tochter nicht wirklich auf den Schreibtisch des Herrn Stelzer setzen", sagt Seufferlein den OÖN. Aber einem gewissen Aktionismus sei sie nicht abgeneigt. Viele Mütter hätten sich bereits mit ihr solidarisiert. Sie könne sich auch gut vorstellen, den Landeshauptmann mit den anderen Betroffenen in seinem Büro zu besuchen.

Ihre Initiative sei nicht politisch motiviert. "Es geht mir weder ums Geld, noch geht es mir darum, irgendjemanden ans Bein zu pinkeln", sagt die 41-Jährige, "aber wir brauchen eine Lösung". Dass die neue Regelung schon im Februar in Kraft treten könnte, lasse jungen Familien keine Zeit, Alternativen zu suchen. 

Der Facebook-Beitrag: 

 

Der ganze Brief im Wortlaut: 

Sehr geehrter Herr Stelzer, 

Ihre Kindergartengebühren sind für mich und meine Familie existenzbedrohend. Diese Gebühr kostet mich nämlich keine 50 oder 100 Euro. Sie kann mich meinen Job kosten. Dabei habe ich, geht man vom Wertekanon ihrer Partei aus, alles richtig gemacht: Ich bin verheiratet, habe eine gute Ausbildung, einen guten Job, ein Kind und damit eine künftige Steuerzahlerin in die Welt gesetzt und vor zwei Jahren ein Haus gekauft – eine Maßnahme, die von ihrem Parteichef Sebastian Kurz ausdrücklich als Maßnahme zur Vermeidung von Altersarmut empfohlen wird.  Wir waren guter Dinge, mit zwei Einkommen das alles finanzieren zu können. 

Meine Tochter ist gerade in den örtlichen Kindergarten gekommen. Ich kann an drei Tagen in der Woche somit meinem Beruf in Linz nachgehen. Innerhalb von nur wenigen Wochen steht nun all das auf der Kippe: 

  • In unserem Kindergarten gäbe es mit gebühren keine Nachmittagsbetreuung mehr, weil wir die erforderlichen zehn Kinder nicht zusammenbringen. 
  • Der Platz bei der Tagesmutter, den wir sogar hatten, ist weg
  • Bei Öffnungszeiten von 7:00 bis 11:00 ist es für mich unmöglich weiter meinen Job in Linz auszuüben, da ich insgesamt knappe 3 Stunden Fahrtzeit pro Tag habe
  • Die Einführung dieser Maßnahme mit Jahresbeginn nimmt mir jede Möglichkeit mich auf die neue Situation einzustellen oder Alternativen zu suchen. 

Haben Sie die Tragweite dieser Maßnahme gegen die "Gratismentalitat" nicht durchdacht oder ist es Ihnen völlig egal, dass sie mit einer derart überstürzten Einführung von Kindergartengebühren Existenzen vernichten? Was sagen Sie mir? Was sagen Sie allen alleinerziehenden Mamas, die sich bemühen ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen und die bitter angewiesen sind auf die Nachmittagsbetreuung? Was sagen Sie zu den Kindergartenpädagoginnen, die mitten im Jahr plötzlich nur mehr halb so viele Arbeitsstunden und damit wohl nur mehr halb so viel Geld am Konto haben? 

Chancen statt Schulden ist ihr Wahlspruch – Sie nehmen mir und unzähligen anderen Frauen im ländlichen Raum mit dieser Maßnahme alle Chancen und die Möglichkeit unsere Schulden zurückzuzahlen. 

Ich hoffe, Sie haben im Landhaus einen netten Raum mit viel Spielzeug und eine gut ausgebildete Fachkraft für Kinderbetreuung sobald diese Maßnahme in Kraft tritt. Ich werde nämlich ihre Rolle als LandesVATER sehr ernst nehmen und meine Tochter bei Ihnen abgeben. Mangels Alternativen. 

Mit freundlichen Grüßen, 
Christiane Seufferlein

 

"Danke für das Vertrauen" 

Seit Mittwochmorgen liegt der ausgedruckte Brief nun auf dem Tisch bei Christiane Seufferlein – sie ist noch nicht dazu gekommen, ihn wegzuschicken. Trotzdem hat Thomas Stelzer am späten Nachmittag bereits auf das Schreiben geantwortet.

Für das Vertrauen, ihn auf ihre Tochter aufpassen zu lassen, bedankte sich der Landeshauptmann augenzwinkernd bei der Mühlviertlerin. Mit der Neuregelung wolle man eine langfristige Finanzierbarkeit des Kinderbetreuungssystems gewährleisten und den weiteren bedarfsgerechten Ausbau vorantreiben, schreibt Stelzer.

Die konkreten Bedenken der 41-Jährigen bezüglich Gruppengröße und Öffnungszeiten werde er an die zuständige Landesrätin für Kinderbetreuung, Christine Haberlander, weitergeben. 

Auch hier der ganze Brief im Wortlaut

Sehr geehrte Frau Seufferlein,

herzlichen Dank für Ihr Schreiben vom 15. November 2017. Auch wenn wir in manchen Fragen offensichtlich anderer Meinung sind, freue ich mich über Ihre Rückmeldung und bedanke mich für die Mühe, die Sie sich gemacht haben. Gleich zu Beginn möchte ich mich auch für Ihr Vertrauen und das – wohl nicht so ernst gemeinte - Angebot bedanken, auf Ihre Tochter aufzupassen.

Ich verstehe, dass Veränderung nicht immer nur auf uneingeschränkte Zustimmung stößt. Aber gerade die Frage, ob es legitim ist für eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung einen sozial gestaffelten Beitrag zu leisten, kann ich mit ruhigem Gewissen bejahen. Denn es wird eine soziale Staffelung der Kindergartenbeiträge geben und für jene, die es sich aufgrund einer finanziellen Notsituation überhaupt nicht leisten können, wird es weiterhin die Möglichkeit geben, ihre Kinder beitragsfrei in unsere Kinderbetreuungseinrichtungen geben zu können. Das war auch meine Vorgabe an die zuständige Landesrätin für Kinderbetreuung, Christine Haberlander.

Mit der Neugestaltung der Elternbeitragsregelung wollen wir auch die langfristige Finanzierbarkeit des Kinderbetreuungssystems gewährleisten und den weiteren bedarfsgerechten Ausbau vorantreiben. Ich möchte auch darauf hinweisen, dass alle unsere Nachbarbundesländer Niederösterreich, Salzburg, Steiermark zumindest für die Nachmittagsbetreuung Elternbeiträge einheben.

Was ihre konkreten Sorgen und Anliegen (Gruppengröße oder Öffnungszeiten) betrifft, erlaube ich mir diese an Landesrätin Haberlander zu übermitteln. Vorab darf ich jedoch betonen, dass die Novelle des Kinderbereuungsgesetzes auch eine gewisse rechtliche Flexibilisierung, etwa was die Nachmittagsbetreuung betrifft, zum Ziel hat.

Beste Grüße, Thomas Stelzer

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