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Oberösterreich

"Kinder müssen lernen, auch mit Niederlagen umzugehen"

LINZ. Volles Haus beim OÖN-Schuldialog zum Thema "Schulfreude statt Lernstress" Die Eckpfeiler: So funktioniert das Dreieck Kinder, Eltern und Schule

Bild: VOLKER WEIHBOLD

Wie können wir Kindern helfen, die Freude an der Schule zu bewahren? Wie kann Lernstress vermieden werden? Wie können Eltern ihre Kinder gut durch das Schuljahr begleiten? Das waren zentrale Fragen am Dienstagabend bei der hochkarätig besetzten Podiumsdiskussion "Schule im Dialog" im OÖNachrichten-Forum in den Promenaden Galerien. Geladen hatten die OÖN gemeinsam mit den beiden Linzer Pädagogischen Hochschulen (PH). Viele Eltern und Lehrer nutzten die Gelegenheit, sich zu informieren und zu diskutieren.

Die Eckpfeiler: Wie funktioniert das System am besten für unsere Kinder? Alfred Klampfer, Bildungsdirektor für Oberösterreich, sagte, dass Eltern ihren Kindern erstens Autonomie zugestehen sollten und nicht wie sogenannte Helikoptereltern ständig über den Kindern schweben sollten. Zweitens sollten Eltern den Kindern, auch wenn sie nicht immer alles richtig machen, das Gefühl geben, kompetent zu sein und etwas bewegen zu können. Drittens sei die soziale Eingebundenheit wichtig, sagte Klampfer: "Schüler brauchen eine Gruppe und natürlich das Elternhaus und die Großeltern."

Berufung statt Beruf: Marianne Obermüller, Direktorin der Stifter-Praxis-Neue-Mittelschule der PH der Diözese, betonte, was Lehrer für ihren Beruf mitbringen sollten: "Man muss die Kinder mögen. Sie müssen spüren, dass man sie motiviert. Und wir wünschen uns, dass sich Eltern einbringen." Was aus ihrer Sicht besonders negativ ist: "Wenn Eltern in Anwesenheit der Schüler schlecht über Schule und Lehrer reden. Dann freut es die Kinder vielleicht bald nicht mehr. Positive Stimmung ist wichtig."

Ein Fünfer – was nun? Das sagte auch Raphael Oberhuber, der Psychologie an der PH Oberösterreich lehrt. "Kinder müssen lernen, Herausforderungen anzunehmen und mit Niederlagen umzugehen. Solche Stress-Situationen gehören zum Alltag." Es gilt, das Mittelmaß zu finden. So sei es falsch, ein Kind "niederzumachen", wenn es einen Fünfer hat. "Man muss dem Kind helfen, an das eigene Potenzial zu glauben." Aus rechtlicher Sicht ist laut Birgit Schinnerl, Schulrechtsexpertin in der Bildungsdirektion, eine Frühwarnung übrigens nicht notwendig, wenn ein Lehrer ein Kind am Ende doch mit "Nicht genügend" benotet.

Schulangst: "Kinder sind wie ein Spiegel. Oft ist es so, dass wir in der Kinderklinik schulängstliche Kinder aufnehmen müssen, um dann festzustellen, dass es eine Symbiose mit der Mama oder dem Papa gibt", sagte Oberhuber. Ab wann ist eine Therapie ratsam? "Wenn das Kind solche Ängste entwickelt, dass es den Schulbesuch verweigert."

Zwischen Freude und Arbeit: Einig sind sich die Experten, dass Schule nicht nur Freude, sondern auch Arbeit ist. "Es muss schon früh eine Arbeitshaltung gelernt werden, sonst bekommt man später bei der Arbeit Probleme", sagten Oberhuber und Klampfer.

Zwischen Idealfall und Realität: Oberhuber betonte weiters, dass in Diskussionen oft nur vom Idealfall gesprochen wird: "von motivierten Lehrern, interessierten Eltern, guten Kindern". Die Realität sieht oft anders aus, weil "Eltern etwa in ihrer Biografie nie gelernt haben, sich für Schule zu interessieren. Da fällt viel auf die Kinder zurück, die dann hoffnungslos mit ihrem Stress abseits der Schule überfordert sind." Auch in diesem Fall gilt für die Lehrer: "möglichst viel über die Kinder zu wissen". Nur dann können sie helfen. Manchmal muss ein Lehrer auch Schauspieler sein, obwohl es ihm nicht gut geht: "Wenn die Ausstrahlung in der Klasse gut ist, macht auch das Lernen Spaß."

"Wir müssen gemeinsam versuchen, die Begeisterung für’s Lernen zu bewahren"

„Wir müssen gemeinsam versuchen, die Begeisterung für’s Lernen zu bewahren“

Auch Oberösterreichs Eltern- und Schülervertreter kamen bei der Diskussion zu Wort. Den Eltern liegen ganz besonders Begeisterung und Motivation am Herzen. „Wenn Kinder vom Kindergarten in die Schule kommen, sagen sie mit Begeisterung und Stolz: ‘Ich bin ein Schüler’“, sagte Helmut Hodanek, Präsident des Landesverbandes für Elternverein an Pflichtschulen. „Wir müssen gemeinsam versuchen, diese Begeisterung für das Lernen bis zum Ende der Schulzeit zu bewahren.“ Gelungen sei das dann, sagte Hodanek, „wenn die Kinder sagen: ‘Das ist meine Schule, das ist mein Lehrer, das ist mein Direktor’“.

Eltern: „Unterricht von Herzen“

Für Jutta Tengler-Kropf, Präsidentin des Landesverbandes der Elternvereine an höheren Schulen, steht die Liebe der Lehrer zu den Kindern im Vordergrund: „Der Unterricht muss aus tiefstem Herzen kommen, die Lehrer sollen die Begeisterung für das Lernen vermitteln.“

Insgesamt sei aber die Situation für die Eltern in den vergangenen Jahren nicht leichter geworden. Heute seien viele Mütter berufstätig und hätten weniger Zeit und Kraft für Hausaufgaben und Lernen. „Die Arbeitswelt hat sich verändert. Heute kommen Mütter und ihre Kinder oft gleichzeitig nach Hause.“ Dann müsse schnell ein Mittagessen gekocht werden: „Und dann entspannt über die Schule zu sprechen, wird schwierig.“ Hier brauche es neue Konzepte von der Politik, sagte Tengler-Kropf. Eltern bräuchten mehr Zeit: „Es ist kaum mehr möglich, eine Sprechstunde in Anspruch zu nehmen, ohne Zeitausgleich oder Urlaub zu nehmen.“ Besonders wichtig sei, dass die Kinder selbständiges Lernen lernen.

Michael Gillesberger, Landesschulsprecher für die Gymnasien, kam mit Magdalena Bachinger, die für die berufsbildenden höheren Schulen spricht. „Wir wissen, dass wir Schüler es den Lehrern und Eltern nicht immer leicht machen“, sagte Gillesberger.

Schüler: „Macht uns Mut“

„Wir wünschen uns von Eltern und Lehrern, dass sie die Balance finden zwischen Autonomie und Begleitung. Denn Kinder müssen lernen, dass sie durch schwierige Situationen im Endeffekt selbst durchmüssen.“ Eines wünschen sich die Schüler ganz besonders: „Dass uns Eltern und Lehrer Mut machen, wenn es in einem Bereich nicht klappt, und uns helfen, unsere Potenziale zu entdecken.“

stimmen

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Das Dreieck: Die Vizerektoren der Pädagogischen Hochschulen in Linz sprachen die Bedeutung der Zusammenarbeit von Eltern, Lehrern und Schülern an: „Je besser das Dreieck Lehrer, Schüler und Eltern funktioniert, umso besser funktioniert der Schulalltag“, sagte Berta Leeb, Vizerektorin der PH der Diözese Linz. In der heutigen Wissensgesellschaft sei das Bildungssystem das zentrale System und die Ausbildung der Lehrer darin ein wesentlicher Faktor, so Josef Oberneder, Vize-Rektor der PH Oberösterreich: „Unsere Hochschulen am Standort Linz sind dafür gut aufgestellt.“

Der Übergang: Der Professor für Elementarpädagogik an der PH Oberösterreich, Thomas Wahlmüller, betonte die Bedeutung des Kindergartens für das Schulsystem: „Der Kindergarten ist eine Bildungseinrichtung. Je besser die Zusammenarbeit funktioniert, umso leichter kann die Schule an der Arbeit des Kindergartens anknüpfen.“ Karin Keiler, Direktorin der Stifter-Praxis-Volksschule (PH der Diözese), stimmte zu: „Das Kennenlernen der Kinder beginnt mit der Anmeldung zur Schule. Ab dann können wir, wenn es die Erlaubnis gibt, mit den Eltern und den Pädagoginnen im Kindergarten reden.“

Weitere Experten waren: Margarete Fürlinger und Barbara Zuliani (von der PH der Diözese) sowie Renate Leeb-Brandstetter und Karl Wegenschimmel (PH Oberösterreich).

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Artikel H. Schorn, R. Vielhaber (Text) und V. Weihbold (Fotos) 20. September 2018 - 00:04 Uhr
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Schule im Dialog

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